27.07.2006 · Das Fernsehen ist im Grunde eine faszinierende Einrichtung. Gut aufgelegt, bringt es die Netrebko live aus Salzburg auf den heimischen Bildschirm. Ärgerlich war jedoch das Vorprogramm der ARD: Nicht einen Funken Leidenschaft oder Esprit.
Von Uwe EbbinghausSalzburg ist schön, das Wetter ist traumhaft, die Netrebko ist wunderbar, Mozarts Musik unübertrefflich. Grund genug, im Mozart-Jahr die Salzburger Premiere von „Le nozze di Figaro“ mit der Netrebko als Susanna im Fernsehen zu übertragen. Daß dies in der ARD - und nicht wie üblich in 3sat - geschah, war zumindest ungewöhnlich, aber schon dadurch gerechtfertigt, daß man den gebührenzahlenden Nicht-Fußballfans nach der WM auch mal etwas Exklusives bieten wollte.
Doch die ARD wollte mehr, sie wollte den Zuschauer wieder einmal da abholen, wo er nach Meinung deutscher Fernsehmacher intellektuell angesiedelt ist: knapp über dem IQ einer Fernbedienung. So schusterte man ein einführendes Vorprogramm mit Harald Schmidt zusammen, gegen das Waldis WM-Stammtisch ein Intellektuellen-Club war. Was die ARD in Salzburg an analytischem Niveau aufbot, hätte sich jeder Fußballfan während der WM wegen Niveaulosigkeit verbeten. Man wünschte sich direkt den buntstiftkritzelnden Klopp in die Alpen.
„Jeder hat was mit jedem“
Statt seiner stand Harald Schmidt an der Seite der braven Heike Götz vor der atemberaubenden Salzburger Kulisse, er trug eine schicke neue Brille und edlen Stoff. Doch der feine Zwirn blieb uneingelöstes Versprechen. Er stehe hier, weil die ARD ihn hier hingestellt habe, witzelte er zu Beginn der Übertragung - und diese Tatsache kann man Schmidt angesichts dessen, was kam, nicht einmal als Entschuldigung durchgehen lassen.
Schmidts Kurzzusammenfassung der Handlung („Jeder hat was mit jedem“) zeigte schon das angepeilte Niveau. Schmidts Co-Moderatorin brachte es immerhin auf die leidlich originelle Aussage, es gehe in der „Hochzeit des Figaro“ um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Dann kam die erste Einspielung und es zeigte sich, daß alles, was der ARD zu Mozarts Opern und Salzburg einfiel, sich an einer Hand abzählen läßt: aufmarschierende Promis (beziehungsweise: Georg Uecker, Michaela May), der Netrebko-Hype, Mozartkugeln und Hera Lind, die laut Einspieler früher mal ein Haus vor der Stadt besaß, wegen einer Immobilien-Fehlspekulation aber jetzt nur noch zur Miete in Salzburg lebt. Und musikalisch ist sie auch. Hera Lind - der Mozart des 21. Jahrhunderts? Oder was wollte uns der fünf Minuten lange Beitrag im „Brisant“-Stil unmittelbar vor Beginn des ersten Akts sagen? Da hätte man lieber Richard von Weizsäcker noch länger zugehört, der auf die Frage, worauf er sich freue, antwortete: auf den Cerubino, den man erstmals als Doppelgänger auf der Bühne sehen werde.
Mozartkugeln fürs Volk
Der Knackpunkt des Vorprogramms aber war eine Vor-Ort-Reportage Harald Schmidts. Er besuchte einen Mozart-Andenkenladen mit erwartbarem Mozart-Kitsch und fragte Rentner und Schulklassen auf der Straße nach ihren Mozart-Kenntnissen, die dem Einspieler zufolge sehr bescheiden waren. Man muß eben nur geeignete Ansprechpartner suchen, deren Äußerungen geschickt zurechtschneiden - und bekommt das Ergebnis, das einem zupaß kommt. Die Programmmacher werden sich wohl noch gar bestätigt gefühlt haben: Der Deutsche hat keine Ahnung von Mozart, setzen wir ihm also Mozartkugeln vor. Was sollen wir ihn mit zusätzlichen Kenntnissen oder kompetenten Gesprächspartnern belästigen?
Dann aber, endlich, ging nach einer recht konfusen Einführung Harald Schmidts in den ersten Akt - Hansi Hinterseer und Florian Silbereisen dienten dabei als Vergleichscharaktere der Bühnenfiguren - endlich der Vorhang hoch, Harnoncourt blickte mit finsterer Konzentration in die Kamera und schon nach den ersten szenischen Momenten war es wieder da, diese rätselhafte ästhetische Faszination: „Da ist etwas, ich weiß nicht was“, aber ich möchte es aufsaugen. Und man konnte als deutscher Fernsehzuschauer wieder nur die Fernsehmacher bedauern, die so wenig von Poesie zu verstehen scheinen und eine weitere Chance verstreichen ließen, in einen anspruchsvollen Fernsehdialog mit dem Zuschauer einzutreten.
Pseudo-Einführung des Figaro
Hans-Dieter Krebs (hdkrebs)
- 27.07.2006, 13:32 Uhr
Der Beitrag spricht mir aus dem Herzen
Barbara Schneider (barbaras)
- 27.07.2006, 13:49 Uhr
Eine Entschuldigung
Closed via SSO (EscobarManuel)
- 27.07.2006, 13:57 Uhr
Besser bei 3Sat
Jens Heyn (J.Heyn)
- 27.07.2006, 14:46 Uhr
Mozart im Fernsehen
Henry C. Brinker (hcbrinker)
- 27.07.2006, 14:52 Uhr