27.11.2007 · Ein paar Tage, nachdem sie im Fernsehen den Heiratsantrag ihres Freundes abgelehnt hatte, war Svetlana Orlowa tot. Jetzt wurde bekannt, dass er sie schon mehrfach misshandelt hatte und deswegen sogar verurteilt worden war. Welche Verantwortung trägt der Fernsehsender?
Von Sandra KegelDer spanische Sender Antena verspricht den Zuschauern von „El Diario de Patricia“ die „besten Überraschungen“ und „emotionalsten Begegnungen“. An einem Tag im November hatte die Moderatorin dafür ihren Studiogast Svetlana Orlowa mit Ricardo Navarro konfrontiert - unvorbereitet, denn es sollte die Inszenierung einer Vergebung werden.
Die junge Frau hatte ihren Freund verlassen. Nun wollte der sie vor einem Millionenpublikum zurückerobern. Doch die Russin wies ihn vor laufenden Kameras zurück. Dafür bezahlte sie mit dem Leben: Vier Tage später wurde sie vor ihrem Haus in Alicante ermordet; der mutmaßliche Täter ist ihr Exfreund, der seither in Haft sitzt.
Das blanke Entsetzen
Die Szene aus der Reality-Show war, noch bevor sich das eigentliche Drama abspielte, von erschütternder Grenzüberschreitung. Denn auf die Liebeserklärung Navarros - „Ich liebe dich, für immer. Ich möchte, dass du mich heiratest“ - bekam der Zuschauer das blanke Entsetzen eines Menschen vorgeführt. Svetlana Orlowa reagierte nicht. Stattdessen starrte sie den Mann, der mit einem Ring in Händen vor ihr kniete, an und schwieg. Sie schwieg so unerträglich lange für eine Fernsehsendung, dass die Moderatorin zur Antwort drängte: „Sag etwas, wir sind doch alle hier!“ Doch es folgte nur Schweigen.
Dann schüttelte Orlowa den Kopf, flüsterte: „No.“ - „Heißt das ,nein‘ oder ,Ich weiß nicht‘?“, keifte die Moderatorin. Sie zündelte, so viel ist klar, an diesem offensichtlichen Beziehungsband. Wieder Schweigen, dann wiederholte Orlowa: „Nein.“ Die Moderatorin ließ nicht locker: „Also nein? Du sagst ganz klar: Du willst ihn nicht.“ Orlowa: „Nein.“ Ein letzter Versuch der Moderatorin: „Nein? - also nein. Ricardo, es ist aus. Jede Liebesgeschichte geht einmal zu Ende. Du musst das akzeptieren.“
Er hätte sich ihr gar nicht nähern dürfen
Es war der Moderatorin Patricia Gaztañage anzumerken, dass dies nicht die Form von Reality ist, die ihr vorschwebt. Öffentlichkeit hat sie jetzt freilich mehr, als ihr lieb sein kann. Zuschauer fordern die Absetzung ihrer Sendung, die Regierung kritisiert, der „unverantwortlichen“ Umgang des Sender habe einem Gewalttäter die Chance gegegen, sein Opfer erneut zu erniedrigen. Denn wie inzwischen bekannt ist, war Navarro mehrfach wegen Gewalt gegen seine frühere Freundin verurteilt worden, erst im Oktober zu elf Monaten Haft auf Bewährung. Einer gerichtlichen Verfügung zufolge hätte er sich Orlowa nicht nähern dürfen. Die Anweisung war zum Zeitpunkt der Sendung noch nicht in Kraft, weil das Schreiben dem Täter nicht zugestellt werden konnte.
Bei der Produktionsfirma weist man jede Verantwortung am Tod der Frau zurück. Man sei getäuscht worden, es habe keine Hinweise auf eine Tragödie gegeben. Orlowa sei schriftlich gefragt worden, ob es jemanden gebe, den sie nicht treffen wolle, was sie verneint habe. Orlowa glaubte offenbar, im Studio einem Verwandten aus Russland zu begegnen. Rechtlich hat die Tragödie für den Sender keine Konsequenzen. Moralisch bleibt die Frage, wie weit das Fernsehen noch gehen will, um Quote zu machen.