Home
http://www.faz.net/-gsb-tk72
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mord in Rußland Das Vermächtnis der Anna Politkowskaja

10.10.2006 ·  Nach der Ermordung Anna Politkowskajas hat die russische Polizei noch keine heiße Spur des Täters. Der letzte Artikel der Journalistin ist verschwunden - er handelte von tschetschenischen Folteropfern.

Von Kerstin Holm, Moskau
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Nach der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja hat die russische Polizei noch keine heiße Spur des Täters. Als am wahrscheinlichsten gilt, daß das Verbrechen von Tschetschenien aus in Auftrag gegeben wurde, wenngleich viele Funktionäre der russischen Sicherheitsorgane über das Verstummen von Frau Politkowskaja froh sein dürften.

Jener hochgewachsene, dürre junge Mann mit Mütze, den eine Sicherheitskamera im Haus der Ermordeten aufnahm, wurde außerdem in einem Supermarkt beobachtet, wo Frau Politkowskaja einkaufte. Nach bisherigen Ermittlungen nehmen die Polizeiinspektoren an, daß dem Tatverdächtigen eine Komplizin zur Hand ging, eine etwa dreißig Jahre alte Frau, welche die Journalistin beschattete. Für Hinweise, die zur Ergreifung der Verbrecher führen, hat die Zeitung „Novaya gazeta“, für die Anna Politkowskaja schrieb, eine Belohnung von 25 Millionen Rubel oder 750.000 Euro ausgesetzt. An diesem Dienstag wird Anna Politkowskaja auf dem Trojekurow-Friedhof im Südwesten von Moskau beigesetzt.

Zensur und Selbstzensur

Die Reste der russischen Zivilgesellschaft begreifen allmählich das Ausmaß des Verlustes. In einer Epoche zunehmender Zensur und Selbstzensur in den Medien war die ebenso mutige wie fragile Frau Politkowskaja, die über die Bestialitäten in Tschetschenien, aber auch in der russischen Armee schrieb, die letzte weitreichende Stimme der systematisch mundtot gemachten Kritiker. Anna Politkowskaja sammelte und veröffentlichte die Namen und Schicksale jener Tschetschenen und Russen, die verschleppt, gefoltert und getötet wurden, weil sie über Mißhandlungen zu klagen wagten, weil ihre Beschwerden zum Europäischen Gerichtshof nach Straßburg vorgestoßen waren oder weil sie das Pech hatten, Zeuge eines Verbrechens zu sein, das ein Offizier begangen hatte. Frau Politkowskaja arbeitete zuletzt an einem Artikel über Folteropfer, der am Montag in der „Novaya gazeta“ gedruckt werden sollte. Der Text ist verschwunden. Den Arbeitscomputer der Ermordeten haben Polizeiermittler am Wochenende aus der Redaktion abtransportiert.

Am vergangenen Donnerstag, dem dreißigsten Geburtstag des Premiers und moskautreuen starken Mannes in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, berichtete Anna Politkowskaja gegenüber „Radio Liberty“ über Opfer von Kadyrows Sonderkommandos. Die Moderatorin fragte, ob man angesichts des Baubooms in Grosnyj und der politischen Stabilität der Kaukasusrepublik heute nicht lieber von gewissen Mängeln reden könnte. Woraufhin Frau Politkowskaja entgegnete, die Zahl der Menschenrechtsverletzungen hätte im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Die Journalistin legte Wert darauf, stets konkrete Fälle vorzutragen, sie hatte Fotos von Folteropfern gesammelt, die in der „Novaya gazeta“ erscheinen sollten. Sie und andere Journalisten seien überhaupt nur imstande, über die Greuel zu berichten, weil sie keine Klanmitglieder der Opfer seien, erklärte Anna Politkowskaja.

Indem sie sich zur Stimme der Verfolgten machte, gab Anna Politkowskaja den Wehrlosen, welche die Machthaber als Manövriermasse betrachten, so etwas wie Würde. Ein Verehrer nannte sie Rußlands menschliches Gewissen. In dieser Eigenschaft kannte Anna Politkowskaja keine diplomatisch indirekte Ausdrucksweise. Den vom Kreml protegierten Ramsan Kadyrow, der das tschetschenische Präsidentenamt anstrebt, bezeichnete Frau Politkowskaja als bis an die Zähne bewaffneten Feigling. Sie träume davon, Kadyrow auf der Anklagebank zu sehen, dem einzigen ihm gebührenden Platz, bekannte die Journalistin in ihrer letzten Sendung.

Quelle: F.A.Z., 10.10.2006, Nr. 235 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr 3