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Mobbing im Internet Eine Hetzseite im Netz schürt puren Hass

24.03.2011 ·  Es gibt ein Webforum, das Jugendliche anhält, zu drohen und zu schmähen. Die Pöbelei führt zu Gewalt. In Berlin wurde ein Schüler krankenhausreif geschlagen. Jetzt soll die Seite auf den Index.

Von Friederike Haupt
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Eine Internetseite, die Pornographie, Mobbing und Max Beckmann vereint, ist etwas Besonderes. Etwas besonders Unnützes zwar, aber doch etwas, das in diesen Wochen Schüler, Lehrer und Eltern in die Verzweiflung treibt. Vor allem, weil dort so flächendeckend gemobbt wird wie noch nie im deutschsprachigen Internet und die Opfer die Schwächsten sind: Kinder und Jugendliche, die auf der Internetseite als „Schulschlampen“, „die Eklige mit ihrer Hexennase“ oder „hässlichster Junge aus der 9ten“ beleidigt werden.

Schüler lästern über Schüler, anonym und ungestraft. Schon seit Monaten, doch nachdem in der vergangenen Woche eine Berliner Schule wegen einer Amokdrohung auf der Seite für zwei Tage schließen musste und vor wenigen Tagen ein siebzehn Jahre alter Schüler ebenfalls in Berlin von Online-Mobbern bewusstlos geprügelt wurde, hat die Sache eine neue Dimension erreicht. Wer Angst und Kummer für die einzigen Folgen von Mobbing hielt, wurde eines Besseren – eigentlich Schlechteren – belehrt. Am Donnerstag kündigte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) als erste Konsequenz an, die Seite auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu setzen. Sie würde dann nicht mehr in Suchmaschinen angezeigt. Dies soll bis Dienstag umgesetzt werden. Der Zugriff auf die Seite durch Eingabe der Adresse im Browser wäre damit aber weiterhin problemlos möglich.

Dem Betreiber auf der Spur

Dass der Betreiber der Seite namens „iShareGossip.com“ sich nicht um das Wohl der Schüler schert, zeigt schon die Vielzahl nackter Brüste auf der Startseite – Pop-up-Werbung einer Sexseite. Dabei versuchte der Gründer der Seite, der sich geheimnisvoll „Aaron G.“ und „CEO“ nennt, sein neues Lästerforum im Januar noch als gesellschaftskritisches Projekt darzustellen, das als „Spiegel der Gesellschaft“ die moralische Verwahrlosung der sich dort austobenden Teenager aufzeige (Cybermobbing: Lästern leicht gemacht). Damals beantwortete „Aaron G.“ noch Fragen per E-Mail; heute bleiben schriftliche Anfragen unbeantwortet, eine Telefonnummer wird im Impressum nicht angegeben. Mit gutem Grund: Polizei und Staatsanwaltschaft sind dem Betreiber auf der Spur.

Leicht haben sie es allerdings nicht. Die Domain der Seite wurde in Amerika angemeldet, gehostet wird sie in Schweden. Während zunächst noch eine neuseeländische Briefkastenfirma im Impressum stand, ist es seit Mitte Februar eine lettische. Der „neue Inhaber“ gewährleiste die „finanzielle Absicherung des Projekts“, heißt es im Blog zur Seite. Doch es ist zu bezweifeln, dass die Seite ins Ausland verkauft oder jemals von dort aus betrieben wurde. Es kursiert das Gerücht, der Betreiber sitze in Berlin, wo er selbst bis vor kurzem Schüler gewesen sei, auch Namen sind im Umlauf.

Unterrichtsausfall nach Amokdrohung

Günter Wittig, Leitender Oberstaatsanwalt für Internetkriminalität bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und mit dem Fall betraut, kennt diese Spekulationen und ist „verhalten optimistisch, dass es uns gelingt, den Betreiber ausfindig zu machen“. Ermittelt wird unter anderem wegen Beleidigung, übler Nachrede und auch wegen Volksverhetzung, seit antisemitische Parolen auf der Seite gepostet wurden. Für die Betroffenen sei die Seite eine „Katastrophe“, sagt Wittig. In Berlin wird nach mehreren auf „iShareGossip.com“ veröffentlichten Amokdrohungen ebenfalls ermittelt. Das Zehlendorfer Schadow-Gymnasium musste an zwei Tagen den Unterricht ausfallen lassen, nachdem die Mehrzahl der Schüler, geängstigt durch die Amokdrohung eines anonymen Schreibers auf der Lästerseite, zu Hause geblieben war.

Inzwischen ist man an der Schule zur Normalität zurückgekehrt, „aber jeder hat das noch im Hinterkopf und in der Magengrube“, sagt Schulleiter Harald Mier. Er habe fünf Versammlungen in der Aula einberufen, um die Schüler über die Folgen von Cybermobbing und Drohungen im Internet zu informieren; nun bereiteten die Lehrer das nach. Aber er weist auch darauf hin, dass Handlungsbedarf außerhalb der Schulen bestehe: „Es wäre schön, wenn die Eltern wüssten, was die Kinder am häuslichen Computer tun.“ Denn von dort – oder über ihr Mobiltelefon – schrieben sie auf „iShareGossip.com“. Was im Falle einer erneuten Amokdrohung getan werde, weiß Mier nicht zu sagen. Das komme auf den Zeitpunkt, auf die Formulierung der möglichen Ankündigung an. Eventuell soll schon bald ein Krisenteam gegründet werden. Es klingt nicht so, als halte Mier die Sache für einen Einzelfall und erledigt.

Dem Mobbing eine Gasse

Dass Jugendliche jeden Alters, auch Gymnasiasten aus bürgerlichen Vierteln, die Seite nutzen, dass über Lehrer ebenso wie über Mitschüler gelästert wird und dass die Seite nach drei Monaten immer noch nicht langweilig geworden ist für die Jugendlichen, macht Jugendschutzorganisationen Sorgen. Doch die Hilflosigkeit ist groß. Mehr als einen Screenshot der Beleidigung im Netz zu machen und damit bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt zu erstatten, bleibt Opfern zur Gegenwehr nicht übrig – und viele wissen nicht einmal, dass das möglich ist. Die Moderatoren der Seite um das Entfernen von Beleidigungen zu bitten führt selten zum Ziel – zu viele wollen das, und die Bereitschaft zur Hilfe hält sich in Grenzen. Dass anonym gehetzt wird, ist gewollt: Freie Meinungsäußerung könne „nur dann erfolgen, wenn eine Person keinerlei gesellschaftliche oder staatliche Repressalien zu befürchten hat“, so die Begründung des Betreibers, warum angeblich keine IP-Adressen der Mobber gespeichert würden.

Schüler und Eltern versuchen sich inzwischen selbst zu helfen: durch Aufklärung über die Gefahren des Mobbings, durch „Guttenbergeln gegen Gossip“, wie sie das wahllose Kopieren von Informationen wie denen über das Leben Max Beckmanns in das Forum nennen, durch den Hinweis darauf, das anonyme Lästern zeuge von bemitleidenswerter „Hobbylosigkeit“. Doch dass am vergangenen Samstag ein siebzehn Jahre alter Berliner, der die Online-Mobber seiner Freundin ganz real zur Rede stellte, von einem Trupp aus zwanzig Jugendlichen krankenhausreif geschlagen wurde, konnten sie alle nicht verhindern. Der Betreiber der Seite will es nicht verhindern.

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