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Veröffentlicht: 01.07.2014, 10:46 Uhr

Mertesacker-Interview Herzlichen Glückwunsch, Boris Büchler!

Es war ein Glücksmoment im Journalistenleben des ZDF-Manns Boris Büchler: Nach dem Ende des Achtelfinales gegen Algerien wurde er vom Innenverteidiger Per Mertesacker abgekanzelt. Warum? Er hatte den wunden Punkt getroffen.

von Frank Lübberding

Manchmal haben Journalisten Glücksmomente. Etwa wenn ein Gesprächspartner nicht jene PR-Floskeln von sich gibt, die schon niemand mehr hören kann und die trotzdem jeder erwartet. Im Sport-Journalismus gibt es dafür ein besonders gelungenes Beispiel. Direkt nach Spielende werden noch atemlose Fußballer über ihre Eindrücke befragt. Sie sind mittlerweile routiniert genug, um mit dieser professionellen Herausforderung in der dritten Halbzeit umzugehen. Bloß nicht anecken, nichts sagen, außer die positive Grundstimmung mit einer Prise Selbstkritik zu würzen.

Was sollen sie auch sonst tun, nach 120 Minuten höchster körperlicher Beanspruchung? Insofern gewährte Per Mertesacker nach dem Achtelfinalspiel gegen Algerien ungewohnte Einblicke in seinen Gemütszustand. Er kanzelte den ZDF-Reporter Boris Büchler live ab (Video). Jede Frage nach der Qualität des deutschen Spiels erschien ihm als Majestätsbeleidigung. Er wisse nicht, was die Leute von ihm und der Nationalmannschaft wollten. Schön spielen und wieder ausscheiden, wie in den vergangenen Turnieren?

Nach professionellen Maßstäben hatte Büchler unfassbares Glück gehabt. Keine Floskeln, dafür ein Statement mit Erregungspotential. Was will er mehr in der Epoche der als Journalismus drapierten Aufmerksamkeitsökonomie? Mit seinen Fragen, so unsinnig dieses Format Spieler-Interview auch sein mag, hatte er beim Innenverteidiger einen wunden Punkt getroffen.

Schonungslos die Stärken und Schwächen offenlegen?

Psychologisch ist seine Reaktion gut zu erklären: Die Nationalmannschaft steht unter enormen Druck, endlich einen Titel zu gewinnen, und sogar noch schönen Fußball zu spielen. Angesichts der desolaten Abwehrleistung im Achtelfinale war es kein Wunder, warum Mertesacker die Contenance verlor, und die üblichen PR-Floskeln vergessen hatte.

Aber was ist eigentlich die Aufgabe des Journalismus bei dieser Weltmeisterschaft? Ansprüche zu formulieren? Nach dem Titelgewinn und einem hinreißenden Fußball? Das Lied vom Eiapopeia des fußballerischen Himmelreichs zu singen, um die Erwartungen jener 80 Millionen zu befriedigen, die im Sessel sitzend den Spielern beim Schwitzen und Laufen zusehen? Oder wäre es nicht besser, sich auf die journalistische Kernkompetenz zu besinnen?

Schonungslos die individuellen Stärken und Schwächen der Spieler offenzulegen, ohne Häme, aber dafür mit Sachverstand? Das sollte nach dem Spiel gegen Algerien kein Problem sein. Dort findet der Journalismus genügend empirisches Material, so sollte man meinen. Vor allem könnte man sich mit einem Bundestrainer beschäftigen, der die Verantwortung für die Mannschaftsaufstellung und die taktische Einstellung übernehmen muss. Stattdessen sieht man etwa im Fernsehen jene Szenen namens „Löw am Strand“ im WM-Quartier der Nationalmannschaft. Ein nachdenklicher Trainer auf dem Wege zu Ruhm, so ist diese Form des öffentlich-rechtlichen Propaganda-Fernsehens zu nennen. Offenkundig muss jeder Journalist für ein kritisches Wort befürchten, am Hofe des DFB in Ungnade zu fallen.

Das Problem: Ehemalige Nationalspieler als Experten

Im harten Wettbewerb der Produzenten der Aufmerksamkeitsökonomie kann es sich niemand leisten, vom DFB auf die journalistische Ersatzbank gesetzt zu werden. Das Volk, der große Lümmel, lechzt geradezu nach Informationen aus dem Umfeld der Nationalmannschaft. Die Nähe zur Mannschaft, und damit zum DFB, verspricht Auflage und Klicks. Dazu kommt noch jene mittlerweile problematisch zu nennende Übung, vor allem im Fernsehen ehemalige Nationalspieler als Experten zu beschäftigen.

Sie verstärken noch jene Tendenz, die journalistische Distanz durch Identifizierung mit der Mannschaft zu ersetzen. Fußballer sind keine Journalisten. Insofern muss man ihnen auch nicht vorwerfen, wenn sie ihre Expertenfunktion als das Rollenbild des Nationalspielers in einer Ausnahmesituation namens WM definieren. Sie finden bisher in ARD und ZDF kein journalistisches Gegenüber, die gewillt sind, dieses Defizit auszugleichen.

Im Studio in Rio de Janeiro haben es Oliver Kahn und Mehmet Scholl mit braven Stichwortgebern statt Journalisten zu tun. Matthias Opdenhövel und Oliver Welke sind in Ehrfurcht erstarrt vor den ehemaligen Heroen der Nationalmannschaft. Was stimmt: Sie sind wahrscheinlich beide schlechte Fußballer gewesen. Nur schrieb Marcel Reich-Ranicki die besseren Romane? Jener wusste allerdings, was den Kritiker vom Schriftsteller unterscheidet. Dieses Wissen ist im Sport-Journalismus unter den Diktat der Aufmerksamkeitsökonomie verloren gegangen. Das ist jeden Tag live ab 17 Uhr zu erleben.

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Manchmal haben Journalisten Glücksmomente. Das Interview mit Mertesacker war so einer. Herzlichen Glückwunsch, Boris Büchler! Wichtiger wäre es allerdings, wenn der Journalismus diese Weltmeisterschaft zum Anlass nähme, sein Selbstverständnis als kritischer Beobachter des sportlichen Zeitgeschehens wiederzufinden. Deutschland ist bekanntlich eine Turniermannschaft. Wir werden sehen, ob der deutsche Journalismus ähnliche Qualitäten hat. Was allerdings dort nicht funktionieren wird: Lausig zu spielen und trotzdem zu gewinnen. Das konnten schon in der Vergangenheit nur deutsche Fußball-Nationalmannschaften. Insofern besteht für den Fan noch Hoffnung.

Quelle: FAZ.NET

 

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