15.11.2006 · Wenn sie Peter Struck sieht, verfinstert sich ihre Miene: Das ZDF hat der „mächtigsten Frau der Welt“ über die Schulter geschaut und das erste Jahr der Kanzlerin Merkel besichtigt. Die Bilanz fällt eher freundlich aus.
Von Michael HanfeldEin bißchen hat sie sich gefühlt „wie die Prinzessin auf der Erbse“. Doch das verging schnell. Der „sehr bewegende“ Moment der Regierungsübernahme, Schröders Handschlag im Bundestag, nach dem denkwürdigen Schlagabtausch am Wahlabend in der Elefantenrunde, das Erstaunen, daß sie und niemand sonst plötzlich in der Walhalla steht, mit Franz Müntefering vor der Willy-Brandt-Statue und dann im Kanzleramt.
Sie, die Frau, die Ostdeutsche, mit dem charmanten handkußgebenden Chirac, dem flachsenden Bush und Schröders kaltem Männerfreund Putin. Und dann der Jubel bei der Weltmeisterschaft, die helle, reine Freude im Stadion über Klinsmann und seine Elf. Passé, perdu, verweht. Seit einem Jahr regiert Angela Merkel die Bundesrepublik, es ist „Zeit, Bilanz zu ziehen“, finden Claudia Bissinger und Evelyn Roll. Und die Bilanz fällt eher freundlich aus, der momentanen Befindlichkeit der Bürger zum Trotz.
Meist lächelt sie
Das hat vor allem damit zu tun, daß die beiden Autorinnen der ZDF-Dokumentation „Die Kanzlerin“ das Jahr eins der großen Koalition gemeinsam mit Angela Merkel besichtigen. Da sitzen sie gemeinsam vor dem Monitor und schauen die Bilder von all den Staatsbesuchen, Empfängen und Parteitagen an, die Kamera schaut Angela Merkel über die Schulter und ihr ins Gesicht, meist lächelt sie, zieht mal die Augenbrauen hoch, einmal, als Peter Struck auftaucht, wird ihre Miene ernst.
Sie sei „die mächtigste Frau der Welt“, sagen die Autorinnen. Angela Merkel selbst macht darum nicht viel Aufhebens, das ist das Angenehme an der Nach-Schröder-Ära, das Fehlen der dauerhaften Aufgeregtheiten um nichts und wieder nichts. Das Unangenehme, maßlos Enttäuschende, ja tendenziell Gefährliche der großen Koalition der Angela Merkel wird nur angedeutet - die Erosion der beiden Volksparteien, das Erstarken der Radikalen am Rand des politischen Spektrums, die Kompromißformeln, die stets das Gegenteil bewirken, was Christ- und Sozialdemokraten im Wahlkampf versprochen haben; und die Chancen der Jüngeren verschleudern, die in einen Staat hineinwachsen, der ihre Zukunft verbraucht, bevor sie begonnen hat.
Keine Sterndeuter
Warum ist Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden? Wie sichert sie ihre Macht? Wer flüstert ihr ein? Fragt man sich. Doch warum sollten auch ausgerechnet Claudia Bissinger und Evelyn Roll die Antwort auf die Frage haben, die viele sich stellen? Sie stellen Angela Merkel vor und aus und - fertig. Eine Frau ist Bundeskanzlerin. Na und, was noch?
Die Grüne Renate Künast sagt, die Frau im Machtzentrum der Männer habe viele Beobachter zunächst „hyperventilieren“ lassen. Und jetzt - „ist eigentlich nicht viel passiert“. Ob wir das hinbekommen, sagt der Vizekanzler Franz Müntefering zu seiner Regierung, „steht noch in den Sternen“. Den Himmel deuten will auch dieser Film nicht.