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Merkel bei Maischberger Leben ist mehr als Staat

20.05.2009 ·  „60 Jahre Deutschland - Sind die besten Jahre vorbei?“ fragte Sandra Maischberger am Dienstagabend - und hatte die Kanzlerin ins Studio geladen. Diese präsentierte sich souverän, erzählte von ihrer Jugend in der DDR - und machte klar: Auch in diesem Unrechtsstaat existierte ein Refugium des Privaten.

Von Oliver Jungen
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Bevor man zu spekulieren beginnt, was sich die Bundeskanzlerin davon verspricht, auf dem Jahrmarkt der Meinungen wohlgemut vor einem Platzhirschgehege aufzulaufen - neben dem stets eine Spur zu gut gelaunten Ego-Shooter Gregor Gysi waren am gestrigen Abend die Herren Privatöffentlichkeit und Vergangenheitsbewirtschaftung bei Sandra Maischberger zu Gast, und zwar in Gestalt von „Cicero“-Herausgeber Wolfram Weimer sowie dem auch nicht eben auratisch bescheidenen Totalerklärer Guido Knopp -, bevor man also zu mutmaßen beginnt, die natürlich gesondert und vorab interviewte Kanzlerin habe sich durch Abtreten der Hauptsendezeit an vier robuste Besserwisser (der mit zielloser Nörgelei zwischenfunkende Schauspieler Uwe Steimle war auch noch da) vielleicht unter Wert verkauft, bleibt doch festzuhalten: Angela Merkel konnte gar nicht anders.

Man darf es beinahe Erpressung nennen. Wenn eine der beliebtesten deutschen Talkshows linkisch die Frage stellt: „60 Jahre Deutschland: Sind die besten Jahre vorbei?“, dann muss die erste Dienerin des Landes einfach zur Stelle sein und mit aller Wucht und Würde ihres Amtes jedem dusseligen Defätismus wie jeder selbstverliebten Schönfärberei entgegentreten. Eben das hat sie getan, und zwar mit so viel Bravour und Raffinesse, dass die anschließende Diskussion nicht nur so luftleer wirkte, wie man das gewohnt ist, sondern - auch wenn das jetzt Unsinn sein mag - noch luftleerer.

Merkel: „Von der DDR konnte man überhaupt nichts lernen“

Mit Bravour: Ohne jeden Anflug von Überheblichkeit und ohne jeden Ausrutscher meisterte die Bundeskanzlerin dieses Interview, das die großen Jubiläen des Jahres 2009 - Mauerfall und Bundesrepublik - nur zum Anlass nahm, um dann vor dem Hintergrund zumindest konstatierter krisenbedingter Systemzweifel der Deutschen immer wieder auf die Frage zurückzukommen, ob man von der DDR nicht doch etwas hätte lernen können. Von diesem System, so die deutliche Antwort der Kanzlerin, könne man allerdings „überhaupt nichts lernen“. Die Lüge sei in der DDR „immer auf der Tagesordnung“ gewesen, „wenn es um den Machtanspruch der Arbeiterklasse ging“.

Und doch, so schränkte die CDU-Vorsitzende ein, habe es innerhalb dieses Unrechtssystems auch Akte gegeben, die rechtens waren: Hochzeiten beispielsweise mussten nach der Wiedervereinigung nicht neu geschlossen werden. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass auch in diesem Land, das seine Bürger einander bespitzeln ließ, ein Refugium des Privaten existierte: „Leben besteht Gott sei Dank nicht nur aus Staat.“ Mit der allgegenwärtigen Überwachung habe man eben gelebt und dabei einen gewissen Zynismus entwickelt, „um sich davon nicht kirre machen zu lassen“.

Raffiniert: Angela Merkel argumentierte über weite Strecken nicht abstrakt politisch, sondern persönlich, erzählte noch einmal, wie sie mit sieben Jahren nach einer ausgiebigen Urlaubsreise nach Bayern den Mauerbau erlebte („Man hat gedacht, vielleicht wird irgendwie Berlin abgetrennt“) und wie achtundzwanzig Jahre später den Fall derselben: „Ich bin in die Sauna gegangen, wie ich das jeden Donnerstag Abend getan habe mit einer Freundin, und als ich zurückkam, war die Bornholmer Straße, der Grenzübergang, offen - und da bin ich dann rüber.“

Anwerbeversuch der Stasi

Bereits vor der Ausstrahlung lanciert wurde die Mitteilung Angela Merkels über einen Anwerbeversuch der Staatssicherheit in den siebziger Jahren, das einzige Mal übrigens, dass die Stasi an sie herangetreten sei. Nach einem Bewerbungsgespräch für eine Assistentenstelle als Physikerin an der Universität Ilmenau sei sie unter dem Vorwand der Fahrtkostenerstattung in einen Raum geführt worden, wo sie ein Stasi-Mitarbeiter erwartete: „Ich habe dann sehr schnell gesagt, dass das für mich nichts ist“. Sie sei auf eine solche Situation durch ihre Eltern vorbereitet gewesen und habe einfach behauptet, sie könne den Mund nicht halten - „und damit war die Sache durchbrochen“. Ganz neu war diese Information allerdings nicht: Die Bundeskanzlerin hat bereits im Zusammenhang mit dem Besuch des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen im Beisein der Presse vor zwei Wochen einer Schulklasse davon berichtet.

Nachdem die Themen in dieser Weise gesetzt waren, durfte also die Expertenrunde übernehmen - und die Zuschauer in den Schlaf plappern. Guido Knopp beschied der DDR fachmännisch, keine Fußnote der Geschichte gewesen zu sein, schließlich habe sie vierzig Jahre bestanden, es sei denn, man betrachte sie „aus der absoluten Vogelperspektive heraus“, dann nämlich doch: Was seien schon vierzig Jahre im Vergleich zu Jahrhunderten? Gregor Gysi tat kund, ihn störe es, wenn man nun alles auf einen Begriff bringen wolle und dieser Begriff „Unrechtsstaat“ laute. Richtiger sei: „kein Rechtsstaat“ oder auch „Diktatur“. Aber Unrecht? Die Ziele seien ja keine Unrechtsziele gewesen. An anderer Stelle - ein Gysi-Klassiker - wurde der Jurist dann selbst zum Begriffsfuchs: „Das Problem bestand ja darin, dass wir beigetreten sind und keine Vereinigung hatten.“ Deshalb sei nun ein demokratischer Sozialismus vonnöten, den freilich „gibt es noch nicht“.

Gut abgehangene Floskeln

So ging es weiter mit gut abgehangenen Floskeln, die niemanden tangierten - mit Ausnahme vielleicht Uwe Steimles, dessen konfuse Beiträge aus der Perspektive des übertölpelten Ostdeutschen („Die Bundesrepublik war 1989 genauso am Ende wie die DDR, nur auf höherem Niveau“) in den immerhin glaubhaft herübergebrachten und diskussionswürdigen Satz mündeten: „Wir haben einen ausbeuterischen Kapitalismus, und es wird viel zu viel gearbeitet in diesem Land“. Wolfram Weimer, der überhaupt alles sehr rosig sah - die Krise fast vorüber, die Einigung gut gelaufen, der Ost blühend („wir haben die modernsten Glasfasernetze, wir haben die schönsten Trottoire“) - machte sich die Mühe einer Gegenrede von der Stange: Jeder dritte Euro in Deutschland sei heute ein sozialzweckdienlicher und deshalb des Schauspielers Lamento einfach absurd.

Einig war man sich schließlich darin, dass Fehler gemacht wurden bei der deutschen Einigung, bei der aber auch Eile geboten gewesen sei, und dass die besten Jahre Deutschlands noch keineswegs vorüber seien, sondern just vor uns lägen. Das wäre ja eine schöne Überraschung, hätten solche Runden auch nur noch den Hauch einer Glaubwürdigkeit.

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