03.12.2007 · Seriös ist das alles nicht: Der ZDF-Jahresrückblick „Menschen 2007“ verzichtete auch in diesem Jahr auf Politisches. Johannes B. Kerner präsentierte statt dessen die gewohnte Mischung aus Schicksalsrevue und Kollegenlob.
Von Peer SchaderWar das ein Schock, als Johannes B. Kerner um viertel nach zehn nach einer halben Stunde Liveshow plötzlich mit Russland anfing! Da sei ja heute Wahl gewesen, vielleicht habe das der ein oder andere Zuschauer mitbekommen, und im Vorfeld habe es ja mächtig Ärger gegeben, unter anderem weil der Oppositionelle Kasparow abgeführt worden war. „Stellen Sie sich einfach mal vor, Renate Künast oder Guido Westerwelle würden verhaftet, weil sie vor der Bundestagswahl gegen Angela Merkel protestiert hätten“, erklärte Kerner seinem Publikum die Brisanz dieser Situation. Aber, nee, das hat man sich nicht so richtig vorstellen können.
Genauso wenig wie die Möglichkeit, dass Kerner plötzlich Politisches diskutiert in seinem ZDF-Jahresrückblick „Menschen 2007“, der in den Vorjahren doch stets ein buntes Potpourri aus Heldengeschichten, Kollegenlob und Schicksalsrevue war.
Aber da hatte Kerner auch schon längst an den Kollegen Claus Kleber abgegeben, der im dicken Mantel am Roten Platz in Moskau stand und in bester Peter-Kloeppel-Manier vor Ort ein „heute journal“ zur Russland-Wahl moderierte, das man beim Zweiten aus aktuellem Anlass eingeschoben hatte. Danach durfte Kerner - ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren - weiter im Programm machen, und das bedeutete: einen Talk, wie er ihn sonst werktäglich bei seinem Haussender abliefert, nur eben auf das Zweieinhalbfache aufgeblasen. Schwierige Themen haben da wenig Platz. Und vielleicht ist es ja besser so, denn wer will sich schon von Kerner die Welt erklären lassen? Soll es Günther Jauch bei RTL nächsten Sonntag doch erstmal besser machen!
WM-Siegerinnen auf dem Catwalk
Stattdessen empfing der ZDF-Moderator die Fußball-Nationalmannschaft der Damen, plauderte ein bisschen darüber, wie das ist, jetzt schon wieder Weltmeister zu sein, und fragte hochsensibel, wie viele Handtaschen die Fußballerinnen denn bei ihrer Shoppingtour aus Singapur mit nach Hause gebracht hätten. Anschließend wurde der „Model-Flüsterer“ Bruce Darnell dazu geholt, der nach seiner Pro-Sieben-Karriere künftig exklusiv im Ersten wirken darf, aber für die Kollegen vom ZDF nochmal eine Ausnahme machte und den Fußballerinnen den korrekten Gang auf dem Catwalk beibrachte - als Revanche dafür, dass er sich vorher mit Birgit Prinz im Torwandschießen üben musste. „Ladies, Ladies, was Sie geleistet habe (sic): der Hammer“, lobte Darnell. Auch Kerner selbst war den ganzen Abend damit beschäftigt, sich bei seinen Gästen so überschwänglich für ihr Kommen und ihre großartigen Leistungen zu bedanken, dass sich niemand mehr wundern musste, warum er über eine halbe Stunde überzog.
Die Frau, die gemeinhin als Schauspielerin Veronica Ferres bekannt ist, sich aber längst auf ihre Rolle als Gutmensch konzentriert, lobte Kerner als „wunderbar-wandelbar“, als „Charakterdarstellerin“ und „vielleicht beliebteste Schauspielerin Deutschlands“. Da war es nur konsequent, dass er - nachdem Ferres ein weiteres Mal über ihr Engagement bei der Kinderhilfsorganisation Power Child berichtet hatte - auch noch ihr Kinderbuch empfahl: „Das wäre sicher ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk.“ Mindestens genauso sinnvoll wie ein Vielfältigkeitstraining für Kerner.
Kerner kriegt die Kurve nicht
Es macht vermutlich gar keinen Sinn, wieder zu beklagen, dass „Menschen 2007“ mit seiner boulevardesken Einseitigkeit kaum als ernst zu nehmender Jahresrückblick durchgehen kann. Beim ZDF wissen sie schon, was sie zu tun haben: bloß nichts Mutiges - es wäre halt schön, wenn die Gäste irgendwas mit dem bald zu Ende gehenden Jahr zu tun hätten. Und dass Kerner mit seiner Art immer wieder an die Grenzen der Zumutbarkeit stößt, wird in Mainz vermutlich bloß mit einem Schulterzucken beantwortet.
Als der Pensionär Manfred Sedlazek mit seiner Frau zu Gast war, um zu erzählen, wie das war, als dieses Jahr ein LKW in sein Wohnzimmer krachte, hat Kerner das seriöse Gespräch simuliert - aber die Situation seiner Gäste zugleich ins Lächerliche gezogen. Platz nahmen die drei in einer nachgebauten Wohnzimmerkulisse, im Hintergrund mit Hirschbild vor Spießertapete, davor eine zerbröckelte Hauswand. „Nun werden einige schmunzeln, wenn sie diese Geschichte hören - aber für Sie ist das ernst“, heuchelte Kerner, weil die Kurve vor dem Haus der Sedlazeks so eng ist, dass des öfteren ein zu schnell fahrender LKW in ihr Haus kracht. Danach stellte er das Unglück mit einem kleinen Spielzeuglaster in einer Miniaturkulisse nach und bügelte den Gartenzaun ordentlich nieder. Im Einspielfilm hatte er das Problem schon auf den Punkt gebracht: „Jeder Brummi gibt zu viel Gummi.“
Diesmal blieb die Sendung tierlos
Als der New Yorker Wesley Autrey im Studio war, gab Kerner noch mal alles: Autrey schilderte, wie er Anfang des Jahres einem Mann das Leben rettete, der auf die Gleise der U-Bahn gestürzt war, indem er sich vor dem einfahrenden Zug über ihn schmiss und zu Boden drückte. Das durfte er mit dem ZDF-Moderator auf einem nachgebauten Schienenstück gleich noch einmal nachspielen.
Nein, seriös war das alles nicht. Es war die bekannte Mischung für „Menschen 2007“, eine Sendung, in der sich der Anwalt des in der Türkei inhaftierten Jugendlichen Marco Weiss im Namen der Familie dafür bedankte, dass der 17-jährige so viel Unterstützung aus Deutschland erfahre. Joachim Fuchsberger beantwortete die sensationelle Frage: „Hast du es dir so vorgestellt - achtzig zu sein?“ Und nachher lobte Kerner noch ausführlich einen Hoteldirektor, der zwei NPD-Funktionären die Zimmerbuchung gekündigt hatte, für dessen „Zivilcourage“. Beim ZDF kann eben jeder mal Held sein, auch wenn er dafür bloß eine E-Mail verschicken muss. Sowohl Marcos Anwalt als auch der Hoteldirektor übrigens waren zuvor schon Gäste in Kerners „JBK“-Talk gewesen.
Eine große Niederlage hat Kerner an diesem Abend dann aber doch einstecken müssen: Nachdem im Jahr zuvor die Braunbärdame Nora ins Studio geholt wurde, die ihren Artgenossen, den damaligen Unruhestörer Bruno, in freier Wildbahn hätte anlocken und besänftigen sollen, blieb „Menschen 2007“ diesmal tierlos. Oder - um das Unglück auf den Punkt zu bringen: Knut hat leider nicht vorbeigeschaut. Der weiß längst aus eigener Erfahrung, wann sich öffentliche Auftritte lohnen - und wann man besser zuhause bleibt.
Peinliches Schmieren-Theater
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 03.12.2007, 09:00 Uhr
Kerner...
Frank Neuhaus (frankalex1)
- 03.12.2007, 10:08 Uhr
Kerner Wischiwaschi
kurt schupp (Platino99)
- 03.12.2007, 10:14 Uhr
Schade liebes ZDF!
Stephan Birko (Stips)
- 03.12.2007, 10:20 Uhr
Es verkauft sich ja...
Nathalie Neumann (NathiNeu)
- 03.12.2007, 11:15 Uhr