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Veröffentlicht: 09.07.2015, 22:29 Uhr

Meinungsforschung im Netz Wer stellt die Mehrheit?

In sozialen Netzwerken findet sich oft nur eine Illusion. Wissenschaftler haben errechnet, wie Meinungsströme in die Irre führen.

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© AFP Was ist toll? Der Facebook-Daumen gibt eine erste Antwort.

Nehmen wir das Tempolimit auf deutschen Autobahnen: Manche sind dagegen, manche dafür. Genau dieses differenzierte Bild sollte gewinnen, wer sich damit beschäftigt – völlig unabhängig davon, welche Meinung seine eigene ist. Doch in sozialen Netzwerken kann das Bild der herrschenden Meinung schnell täuschen. Das haben Wissenschaftler um die Informatikerin Kristina Lerman von der University of Southern California errechnet. Sie arbeiteten mit einem schlichten Schaubild, das die Vernetzung von vierzehn Menschen zeigt, wie sie etwa bei Facebook üblich ist.

35226348 © Majority Illusion / Kristina Lerman, Xiaoran Yan, Xin-Zeng Wu Vergrößern Wer kennt wen mit welcher Meinung? Die Verknüpfung entscheidet über die Wahrnehmung der Mehrheit.

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Dabei stellen drei Knotenpunkte jene Menschen dar, die eine Minderheitsmeinung vertreten, in diesem Fall also etwa: Tempo 130 ist noch zu viel, Tempo 100 wäre ideal. In der rechten Berechnung handelt es sich um drei Menschen mit wenigen Kontakten: Zwei sind nur mit jeweils zwei anderen vernetzt, der dritte mit vieren. Auf diese Weise hält keiner ihrer Kontakte den Wunsch nach Tempo 100 für die vorherrschende Meinung, denn sie alle sehen ihn seltener vertreten als die Gegenposition.

Das Individuum ist dem verfälschenden Effekt ausgesetzt

Im linken Bild vertreten die drei Menschen mit den meisten Kontakten die Minderheitsmeinung. Prompt verändert sich die Rechnung: Jetzt sehen die Menschen, die gegen das Tempolimit sind, sich in der Minderheit – obwohl sie es gar nicht sind. Lerman nennt das die Mehrheitsillusion.

Rosenmontagsumzug Köln © dpa Vergrößern Wer gut vernetzt ist, verbreitet seine Meinung schneller.

Es gibt einen Umstand, der den Effekt noch verstärkt: das „Freundschafts-Paradoxon“. Es besagt, dass die eigenen Freunde im Durchschnitt mit mehr Menschen befreundet sind als man selbst. Das liegt daran, dass einige heavy user überproportional viele Kontakte haben. Die Statistik kennt ein Maß, das solche Ausreißer nach oben relativiert: Der Median misst nicht den Durchschnitt, sondern das Mittel, von dem aus die Hälfte darüber und die Hälfte darunter liegt. Aber das Individuum ist dem verfälschenden Effekt ausgesetzt. Wenn einige dieser wenigen Nutzer dieselbe Minderheitsmeinung vertreten, sieht sie schnell für etliche andere wie die Mehrheitsmeinung aus. Hinzu kommt, dass gerade diejenigen, die sehr aktiv sind und viele Beiträge veröffentlichen, oft besonders viele Kontakte haben: Ein starkes Mitteilungsbedürfnis trifft auf ein großes Publikum.

Die Illusion der Mehrheit

Kristina Lerman und ihr Team wendeten ihre Berechnungen auf ein Netzwerk von Physikern an, auf das in Amerika beliebte soziale Netzwerk Digg und auf politische Blogs. Sie fanden heraus, dass die Mehrheitsillusion in allen drei Systemen vorkommt. Am wahrscheinlichsten ist sie in den politischen Blogs, wo zwanzig Prozent der Knotenpunkte sechzig bis siebzig Prozent der anderen eine Mehrheit vorgaukeln können.

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Die eigene Meinung mit der anderer abzugleichen ist ein menschliches Grundbedürfnis. In der Kommunikationswissenschaft gibt es den Begriff des quasi-statistischen Sinnes, mit dem Menschen sich ein Bild von der herrschenden Meinung ihres Umfelds machen. Aber was löst dieses Bild aus? In den siebziger Jahren stellte Elisabeth Noelle-Neumann die These der Schweigespirale auf, die besagt: Auch wenn die, die ihre Meinung öffentlich vehement kundtun, in der Minderheit sind, werden andere sie als Mehrheit empfinden – und über ihre eigene, abweichende Meinung schweigen.

Viele verstummen im Internet

So wollte Noelle-Neumann das schlechte Abschneiden der Union bei den Bundestagswahlen in ein anderes Licht rücken, indem sie etwa unterstellte, unter den Journalisten von ARD und ZDF seien überproportional viele Anhänger der SPD gewesen. Das habe Unionsanhänger unter den Zuschauern eingeschüchtert, so dass sie sich im sogenannten Bandwagon-Effekt der vermuteten Mehrheitsmeinung angeschlossen hätten, um nicht auf der Verliererseite zu stehen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen war seinerzeit als Medium in einer Weise dominant, die man sich nach der Einführung des privaten Rundfunks und mit der Omnipräsenz des Internets nicht mehr vorstellen kann. Beides hat zur Auffächerung des Meinungspluralismus beigetragen. Doch inzwischen muss man konstatieren, dass Facebook für viele Nutzer dieselbe zentrale Rolle spielt, wie es früher das öffentlich-rechtliche Fernsehen tat. Weltweit nutzen 936 Millionen Menschen das soziale Netzwerk jeden Tag.

Eine Studie des Pew Research Center von 2014 bestätigt die Theorie der Schweigespirale für das Internet: Viele passen sich stillschweigend der vermuteten Mehrheit an. 1081 Menschen wurden befragt, ob sie ihre Meinung zum Thema Edward Snowden online bei Facebook oder Twitter kundtun würden. Nur 42 Prozent von ihnen hätten das getan. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand seine Meinung veröffentlicht, obwohl sein Online-Freundeskreis eine andere vertritt, hielten die Forscher für halb so hoch als bei denjenigen, die sich in einem Konsens-Umfeld wähnen.

A tourist is seen through a soap bubble as she takes a picture at Comercio square in downtown Lisbon © Reuters Vergrößern Nichts kommt rein oder raus: Durch ihre ausgewählten Kontakte befinden sich viele in einer Art Meinungsblase.

Betrachte man beide Studien, liegt die Conclusio nahe, dass Menschen sich im Internet nicht nur leicht über die vorherrschende Meinung täuschen lassen, sondern viele verstummen. Das widerlegt die Mär von der digitalen Diskussionsplattform für alle. Tatsächlich neigen die Nutzer sozialer Medien dazu, sich online mit Gleichgesinnten zu umgeben, um sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Dieses als Filterbubble bekannte Phänomen sorgt dafür, dass sich am Ende alle fragen, wer denn eigentlich diese Leute sind, die andere Parteien wählen als sie selbst. Für die soziale Behaglichkeit mag das perfekt sein, für die Debattenkultur und einen weltoffenen Blick ist es tödlich.

Quelle: F.A.Z.

 

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