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Medizin mit Daten : Google versucht sich auch mal an der Unsterblichkeit

Tiefkörpertaucher: Ein geschrumpfter Mensch leuchtet im Film „Die Reise ins Ich“ in seinem geschrumpften U-Boot die Blutbahnen aus. Bild: ddp Images

Willkommen im Showroom der medizinischen Avantgarde: Google will Nanopartikel in die Blutbahn schicken, um Krebszellen zu erkennen. Wie der Datenkonzern die Informationsökonomie des Lebens betreibt.

          Wenn Google den Menschen die Unsterblichkeit verspricht und die Angst vor Krebs nehmen will, müssen wir dann nicht alle klatschen? Müssen wir uns nicht glücklich schätzen, dass Wissenschaftler wie Andrew Conrad Sätze wie diese bilden und auch auszusprechen wagen: „Selbst wenn wir es heute noch nicht können, wir sollten es tun.“

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Conrad, Chef der Forschungsabteilung „Google X“, war Anfang der Woche auf einer vom „Wall Street Journal“ in Kalifornien zelebrierten Konferenz aufgetreten, die von der Ausrufung einer biomedizinischen Weltrevolution gerade so weit entfernt war wie ein Übungsfeueralarm vom Ernstfall. Nur dass Google es tatsächlich mal wieder geschafft hat, dass die halbe Welt über den Übungsalarm schreibt und debattiert. Google hat sich vorgenommen, den für sie lukrativen Umbruch der analogen in eine volldigitalisierte Gesellschaft auf einem Feld zu forcieren, das wie kein anderes von der „Macht der Hoffnung“ getragen wird, wie die beiden Stanford-Medizinethiker Charles Murdoch und Christopher Scott vor ein paar Jahren geschrieben haben: Die neue Medizin ist eine Art Systemmedizin - worunter man alles packen kann, was Stethoskop und Wadenwickel ersetzt. Und das ist eine ganze Menge.

          Stammzellen, individuelle, maßgeschneiderte Krebsmedizin, Genomanalysen, Genchirurgie und eben auch Nanomedizin. Sie ist das Geschäft von Andrew Conrad. Der Molekularbiologe war im März 2013 zu Google gestoßen, um die - aus eigener Krankengeschichte geborenen - Visionen der beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin zu verwirklichen. Visionen, von denen bis heute nicht klar ist, ob das dicke Geschäft mehr lockt oder doch der Wunsch nach der eigenen Unsterblichkeit - oder weniger pathetisch: der eigenen Unverletzlichkeit. Und damit medizinische Unversehrtheit bis zum Lebensende, das wäre ja schon mal ein Ziel. Als Subtext zur gesamten modernen Medizin hat dieses Ziel schon eine steile Karriere hinter sich.

          Die maximale Lebenserwartung des Menschen

          Page und Brin jedoch wollen mehr. Mit ihrer anderen Google-Health-Experimentierstube, dem Unternehmen Calico, das vom ehemaligen Chef des Genpionierunternehmens „Genentech“ Arthur Levinson geleitet wird, haben sie sich vorgenommen, die maximale Lebenserwartung des Menschen drastisch hinauszuschieben. Beides zusammen, Google X und Calico, sehen sie als Weltverbesserungsprojekt, das für sie den Charme hat, praktisch in keiner Kultur der Welt mehr abgelehnt zu werden. Wie sonst hätte die Medizin es zuwege gebracht, die Lebenserwartung rund um den Globus in hundertzwanzig Jahren um satte 44 Jahre zu verlängern (und damit zu verdoppeln), wenn die Bevölkerung den Erfindungsgeist und die Hinwendung zu Apparate- und Hochleistungsmedizin nicht unterstützt hätte?

          Google jedenfalls muss sich mit ihrer Medizinsparte nicht mehr aussuchen, wen sie wie bedient und ob selbststeuernde Autos marktfähig oder Datenbrillen schick genug sind. Gesünder älter werden wollen schließlich fast alle. Google braucht sich deshalb auch um Opfer nicht viel Gedanken machen. Google verspricht ihnen einfach, dort weiterzumachen, wo Medizin und Wissenschaft heute an Grenzen stoßen. Google, so lautet das Kalkül, schafft qua Marktmacht, was Hunderte Nobelpreisträger mit Hunderten von Milliarden Dollar in drei Generationen nicht zuwege gebracht haben: die Informationsökonomie des Digitalen auf das Leben anzuwenden.

          „Stellen Sie sich vor“, sagte Andrew Conrad nach der kalifornischen Show im Gespräch mit „Backchannel“, „Sie fliegen über Paris und wollen versuchen, von da aus die Pariser Kultur zu beschreiben. Sie sehen eine Stadt, einen großen Turm und in der Mitte einen Fluss. Es ist wirklich schwer, von da oben aus die Pariser Kultur zu verstehen.“ Deshalb müsse jetzt Schluss sein mit der tausendjährigen Geschichte einer Medizin, die den Menschen auf der organismischen Ebene behandeln wolle. „Die Natur erledigt ihre Geschäfte auf der molekularen Ebene.“ Und genau deswegen glaubt Conrad, dass die Menschen froh sein werden, wenn sie - so seine Ansage - in fünf Jahren ein Armband tragen, das magnetische Nanopartikel erfasst, die in der Blutbahn fließen und den Menschen zum frühestmöglichen Zeitpunkt über das Auftreten der ersten Krebszellen im Körper informieren.

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