Home
http://www.faz.net/-gsb-6xkdl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Medienphänomen Die Magazinmacher leiden unter dem wahren Burnout

11.02.2012 ·  Ein medizinisch leerer Modebegriff macht Karriere, ganz gleich, was die Fachleute sagen. Das Problem bei der Sache: Es gibt eine Diskrepanz zwischen tatsächlichem und medial inszeniertem Leid.

Von Christian Geyer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Ausgebrannt - was immer dieser Begriff differentialdiagnostisch (nicht) zu leisten vermag, so lässt sich doch sagen: Es handelt sich um eine Metapher, die an Drastik kaum zu überbieten ist, weil hier der Ausgebrannte als Aschehaufen firmiert, in dem soeben der letzte Funke verglüht. Unseren Müttern und Vätern stand ein derart eindringliches, die Hölle in unser Inneres verlegendes Sprachbild noch nicht zu Gebote, als sie sich müde, erschöpft oder überfordert fühlten - und mit diesen unspektakulären Begriffen ihr Unwohlsein benennen mussten.

Richtig ist, dass sich seitdem die Verhältnisse nicht nur sprachlich, sondern auch sozialpolitisch geändert haben. Wir leben in Zeiten prekärer Arbeitsverhältnisse, in denen es wie nie zuvor um Empowerment geht, jene organisationspsychologische Leitidee, die die Verschmelzung von persönlicher Identität und Leistungssteigerung vorsieht. Insoweit trifft der mediale Dauerbrenner des Ausgebranntseins auch Wirklichkeit und dient nicht nur einer Selbstbestätigung der Leser, die sich mit schickem neuem Narrativ nun gegenseitig von ihren Depressionen erzählen können.

Wobei man sagen muss, dass in Abwandlung von Mathias Döpfners thermodynamischem Grundgesetz Burnout derzeit im selben Medienlift nach unten fährt, mit dem es zuvor nach oben fuhr. Im "Spiegel", der wie "Focus" und viele andere Magazine zuvor mit mehreren Titelgeschichten Burnout dramatisierte, ist jetzt Entdramatisierung angesagt. Die aktuelle Ausgabe lässt Mediziner zu Wort kommen, die Burnout einen medizinisch leeren Begriff nennen und vor der Seelenindustrie warnen, die sich rund um die Modediagnose angesiedelt habe: "Nicht nur Ärzte und Psychologen, sondern auch Heilpraktiker, Wellness-Hoteliers und Urschrei-Therapeuten spezialisieren sich auf die neue Klientel." Und all das, obwohl Burnout im medizinischen Sinne gar keine Diagnose sei, sondern in einem Teil der Fälle nur ein neues Wort für Depression. Der - man muss wohl ergänzen: medial verführte - Volksmund aber interpretiere das völlig anders und verstehe darunter eine scheinbar neue und eigenständige Krankheit, charakterisiert durch pathologische Erschöpfung im Beruf.

Das Subjekt wird zum Patienten

Der Sinneswandel in der Magazinlandschaft geht einher mit der Dekonstruktion des Burnout-Syndroms aus medizinsoziologischer Sicht, wie sie etwa der Klinikleiter Markus Pawelzik im neuen "Merkur" durchführt. Dort heißt es: "Die ursprüngliche Idee, Burnout als eine Art berufsbedingter psychischer Störung zu etablieren, die insbesondere durch zu hohe Arbeitsüberlastung und eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten verursacht sei, kann als gescheitert gelten. Es besteht noch nicht einmal ein Anfangsverdacht, dass es sich um einen ätiologisch oder pathogenetisch spezifischen Prozess handelt." Dabei möchte auch ein Burnout-Kritiker wie Pawelzik die überfordernden Verhältnisse dort nicht bestreiten, wo sie existieren. "Nur führen diese nicht zu einer psychischen Störung namens Burnout, sondern bei ausbleibender Gegenwehr zu anhaltender Erschöpfung, die wiederum in entsprechend disponierten Individuen zu einschlägigen psychischen Störungen führen kann."

Der Medizinsoziologe David Mechanik ist, wie Pawelzik schreibt, schon vor mehr als fünfzig Jahren der Frage nachgegangen, wie der Prozess von einer subjektiven Beeinträchtigung ("Warum bin ich bloß so müde und erschöpft?") vom Patienten, der sich entschließt, zum Arzt zu gehen ("Vielleicht bin ich krank? Ich muss morgen einen Termin bei Dr. Müller machen!"), zu verstehen ist. Eine Schlüsselfrage in unserem Zusammenhang, nicht zuletzt, weil die Zunahme psychischer Beschwerden in den Statistiken der Krankenkassen nicht unabhängig von den Arztbesuchen zu sehen ist - letztere sind vielmehr die statistische Zähleinheit. Nicht auszuschließen ist, dass im Burnout-Passepartout weniger die Beschwerden, sondern die Arztbesuche zunehmen. Anders als die befürchtete Diagnose Depression ist der erwartete Befund Burnout geeignet, die Schwelle zum Arztbesuch zu senken.

Pawelziks diesbezügliches Evidenzerlebnis: "Wenn ich einen Vortrag über die häufigste psychische Störung, die Depression, halte, kommen im schönen Münster etwa fünfzig Zuhörer; wenn ich hingegen inhaltlich Ähnliches zum Thema Burnout vorzutragen ankündige, kommen fünfhundert." So ähnlich kalkulieren auch die Magazinmacher, wenn sie ihre Cover mit Menschen ausgestalten, die in engen Kisten als überfordertes Ich eingepfercht sind, um dann in einer der nächsten Ausgaben, wie Kai aus der Kiste springend, Wege aus der Burnout-Falle einschlagen. Als der Burnout-Zug schon lange abgefahren war, sprang auch die "Zeit" noch drauf und fragte in der Überschrift des Aufmachers: "Noch jemand ohne Burnout?"

Wirklich sinnbezogene Konzepte bleiben unterbelichtet

"Die gestresste Seele: Was ist noch Erschöpfung? Was ist schon Krankheit?" Die Frage, mit der der aktuelle "Spiegel" im Cover aufwartet, nimmt die alte Frage des Medizinsoziologen Mechanik fünfzig Jahre später noch einmal auf. Der Witz ist, dass sie eben nicht objektivistisch beantwortbar ist, sondern der kulturellen Selbstgestaltung überlassen bleibt, mit anderen Worten: Wie man sich in der Kiste fühlt, ist Einstellungssache. Genau hier liegt das entscheidende Defizit in der therapeutischen Berichterstattung, soweit sie Burnout betrifft. Denn im Grunde werden dieselben Empowerment-Konzepte als Therapie empfohlen, die in anderer Lesart gerade für das Entstehen des Ausgebranntsein verantwortlich sind. Immer geht es nur um die Wiedergewinnung von Autonomie, um Varianten der Selbstermächtigung und diverse Techniken des Ausruhens. Alles beginnt und endet auf diese Weise bei der Empowerment genannten Motivierungsstrategie. Beinahe lässt sich in diesem verordneten Autonomiekonzept eine List der ökonomischen Vernunft ausmachen, die der Kultursoziologe Ulrich Bröckling im "Glossar der Gegenwart" wie folgt beschreibt: "So spekulativ die Berufung auf angeborene Autonomiebedürfnisse und Vitalenergien ist, so wirksam ist sie als ethische Maxime. Handle stets so, dass du dir selbst das Gesetz deines Handelns gibst, statt es dir von anderen vorgeben zu lassen oder in Passivität zu verharren - das ist der kategorische Imperativ, der den Empowerment-Theorien eingeschrieben ist." Es gibt, so heißt es weiter, in dieser Perspektive keine Schwächen, sondern nur in die Latenz abgedrängte oder unterentwickelte Stärken, die darauf warten, bewusst gemacht und zur Geltung gebracht zu werden. Die Empowerment-Idee ist auf jeden Fall dies: anstrengend.

Diesseits von gegebenenfalls politisch herzustellenden Strukturänderungen macht Markus Pawelzik in der sich dramatisch verschiebenden Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit eine "Schicksalsuntauglichkeit" aus. Warum klafft in der medialen Burnout-Story eine therapeutische Lücke, wenn es um den Umgang mit tatsächlichem Leid geht? Greifen Appelle, autonom und aktiv zu sein, doch regelmäßig zu kurz, wenn man in Autonomie und Aktivität keinen Sinn zu erkennen vermag. Unterbelichtet bleiben sinnbezogene Konzepte, wie sie David Mechanik unter dem Begriff des "Illness Behaviour" vorstellte. Es beschreibt, wie der Rollenwechsel vom Leidenden zum Kranken wesentlich von der Selbstdeutung des Betroffenen abhängt. "Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln könnte entweder durch leisten oder dulden" (Goethe) - wenn es mal weh tut, sind die ausgebrannten Titelgeschichten der Magazine nicht unser Schicksal.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr