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Medien im Libanon Verbündet mit den Islamisten

 ·  Die libanesische Zeitung „Al Akhbar“ hält sich für ein linkes Blatt - und unterstützt die schiitische Hizbullah. Doch auch Aufkleber von Ché Guevara schmücken die Redaktionsräume der vor zwei Jahren gegründeten Tageszeitung.

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Den „Liberty Tower“ hat Khaled Saghieh aus seinem Büro im sechsten Stock direkt im Blick. Ein leichter Wind zieht an diesem heißen Sommernachmittag durch das offene Fenster in den kleinen Raum, alle paar Minuten kommt ein Mitarbeiter herein und reicht dem Chefredakteur der linken Tageszeitung „Al Akhbar“ (“Die Nachrichten“) eine Druckfahne zur Durchsicht. Redaktionsschluss in Westbeiruts Einkaufsviertel Verdun, wo Benetton, Burger King, Starbucks und andere Symbole des globalisierten Kapitalismus ihre Fililalen unterhalten. Bei Monoprix im Erdgeschoss des Concorde Centers, in dem „Al Akhbar“ seinen Sitz hat, kaufen die, die es sich leisten können, französischen Käse und Champagner.

„Viele glauben ja, dass sich der große politische Kampf der Zukunft zwischen Liberalen und Islamisten abspielen wird“, sagt Saghieh, der 2006 zu dem im Berliner Format erscheinenden Blatt mit den prägnanten kurzen Artikeln stieß. „Wir hingegen meinen, dass es darum geht, eine Opposition gegen das amerikanische Projekt im Nahen und Mittleren Osten aufzubauen - und Widerstand gegen die von Amerika in Allianz mit Israel durchgeführte Besetzung Palästinas, Libanons und Iraks zu leisten.“

Islamisten natürliche Bündnispartner der Linken

Markige Worte des sanften jungen Mannes, den Zufall eher als publizistische Bestimmung an die Spitze des jüngsten libanesischen Zeitungsprojektes brachte. Als „Al Akhbar“ vor zwei Jahren gegründet wurde, unterrichtete Saghieh noch Ökonomie an der Lebanese American University. Den Einwand, das religiös-fundamentalistische Projekt der von Iran unterstützten Parteimiliz Hizbullah lasse sich kaum mit der dezidiert säkularen Blattlinie vereinbaren, lässt er nicht gelten: „Die siebziger Jahre, als palästinensische, panarabische und kommunistische Gruppierungen politische Hegemonie im Kampf gegen den Imperialismus ausübten, sind vorbei - angesichts deren Schwäche bilden islamistische Bewegungen heute den natürlichen Bündnispartner der Linken.“

Sein akademischer Hintergrund ist Saghieh sprachlich anzumerken. Erst eine regelmäßige Kolumne in der Tageszeitung „As Safir“ brachte ihm den Journalismus näher. Joseph Smeha, sein damaliger Mentor, animierte den bekennenden Marxisten, bei der anstehenden Neugründung einzusteigen - nach dem überraschenden Tod der libanesischen Zeitungslegende im Februar 2007 stärker, als ihm lieb ist. „Es gibt so viel Arbeit, dass ich eigentlich nur ein halber Chefredakteur sein kann - außerdem betreue ich noch die Meinungsseite und muss mich um vielen anderen Kleinkram kümmern“, klagt der 34 Jahre alte Saghieh, der 2005 nach drei Jahren an der University of Massachusetts in den Libanon zurückkehrte.

Der Tod Smehas, der 2006 gemeinsam mit Ibrahim al Amin „As Safir“ verließ, um „Al Akhbar“ zu gründen, machte dem täglich in einer Auflage zwischen zehn- und fünfzehntausend Exemplaren erscheinenden Blatt schwer zu schaffen. „Natürlich machen wir Fehler“, gibt Saghieh unumwunden zu. „Viele von uns haben keine journalistische Erfahrung, auch ich lerne täglich während des Jobs dazu.“ Die Mehrzahl der fünfzig Redakteure ist erst in den frühen Zwanzigern. Erschwert wird das Aufrechterhalten professioneller Standards dadurch, dass die Trennung von Meinung und Bericht in Libanons entlang konfessioneller Linien gespaltenem politischen System auch von den großen Konkurrenzblättern kaum eingehalten wird.

Beschreibe, was du siehst!

Thaer al Ghandour, junger Politikredakteur, weiß ein Lied davon zu singen. Zu Smehas Zeiten arbeitete er an einem Artikel, erinnert er sich, der die Hizbullah in ein schlechtes Licht rückte. „Dürfen wir das machen?“, fragte er seinen Chef zweifelnd. „Fang bloß nicht an, dich selbst zu zensieren“, habe Smeha geantwortet, „sondern beschreibe, was du siehst.“ Eine Maxime, die sich Ghandour zu Herzen genommen hat. Bevor er zu „Al Akhbar“ stieß, arbeitete er als freier Journalist für den kommunistischen Radiosender „Saut al Shaab“ (“Stimme des Volkes“). Auch bei „An Nahar“ (“Der Tag“), der großen liberalen Tageszeitung des Landes, sammelte er journalistische Erfahrungen.

Während „Al Akhbar“ die von dem Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah und dessen christlichem Verbündeten Michel Aoun geführte Opposition publizistisch unterstützt, ist „An Nahar“ das Organ der prowestlichen Regierungskräfte. Das allein könne bei der Recherche schon Schwierigkeiten bereiten, erzählt Ghandour und berichtet von Kollegen, die sich Visitenkarten mit dem Emblem der Konkurrenz drucken lassen, um in sunnitischen Gegenden leichter Gesprächspartner zu finden.

In den sechziger Jahren sei „An Nahar“ noch ein Vorbild für viele Journalisten in der arabischen Welt gewesen, sagt Saghieh. Heute wirft er der Zeitung vor, „nur für die Eliten der Gesellschaft zu schreiben, für Politiker, reiche Leute und Offizielle“. Die Finanzierung „An Nahars“ durch den vor drei Jahren ermordeten früheren sunnitischen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri und dessen Sohn Saad habe diese „neoliberale Tendenz“ weiter verstärkt: „Die Hariri-Gelder haben den scheinheiligen Ruf des Blattes als ,liberal' verstärkt, obwohl es die Greueltaten des saudi-arabischen und anderer Golf-Regime einfach verschweigt“, sagt er.

Nullnummern während des Krieges

„Al Akhbar“ ist das Gegenprojekt. Obwohl unter den Redakteuren viele Atheisten sind, setzt sich die Leserschaft vor allem aus schiitischen Anhängern der Hizbullah und deren Verbündeten Aoun zusammen - von „An Nahar“ hingegen wird der christliche Oppositionsführer entschieden bekämpft.

Nullnummern produzierte die Redaktion ausgerechnet während des Krieges zwischen Israel und der Hizbullah - die erste Ausgabe erschien am Tag des Waffenstillstandes am 14. August 2006. Kurze Zeit später rief Nasrallah zum Sturz der von Amerika und den EU-Staaten unterstützten Regierung Fuad Sinioras auf. Etwas Besseres hätte der Neugründung auf dem schwachen libanesischen Zeitungsmarkt nicht passieren können: Der interne Machtkampf, der dieses Frühjahr in der Besetzung Westbeiruts durch Einheiten der Hizbullah und ihrer Alliierten gipfelte, sollte den Ruf „Al Akhbars“ als publizistische Speerspitze der Opposition begründen. Innerhalb kurzer Zeit stieg das Blatt zur drittgrößten Zeitung des Landes auf, nach „An Nahar“ und „As Safir“. Im Internet hat es die Traditionsblätter hinter sich gelassen.

Aufkleber von Ché Guevara

Aus politischen Gründen würde der Redakteur al Ghandour heute nicht mehr für „An Nahar“ arbeiten - selbst wenn sich sein Sinn für die Einhaltung professioneller Standards inzwischen geschärft hat. Beim Berliner „Tagesspiegel“ und der „Financial Times Deutschland“ absolvierte er Praktika; wie andere Mitarbeiter konnte er über Austauschprogramme europäischer oder amerikanischer Stiftungen Einblicke in die Arbeitsweise westlicher Medien gewinnen. Mit dem Einstieg in das junge „Al Akhbar“-Team im Sommer 2006 ging ein Traum für ihn in Erfüllung: „Als Journalist hat man hier das Gefühl, dass die Zukunft vor einem liegt - und die Leser schätzen unsere Arbeit.“

Dass journalistische Standards und politisches Engagement sich nicht gegenseitig ausschließen, davon sind er und seine Kollegen überzeugt. An Ghandours Arbeitsplatz klebt ein Aufkleber des ermordeten Hizbullah-Gründers Imad Mugniyeh, der wegen Terroranschlägen in der ganzen Welt gesucht wurde. Ché-Guevara-Sticker finden sind ebenfalls zuhauf. An der Pinnwand von Chefredakteur Saghieh heften gelber Hammer und Sichel auf rotem Grund.

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Jahrgang 1971, Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Kairo.

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