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Medialer Zynismus Ein Äffchen geht um die Welt

 ·  Seit eine Rentnerin in einem spanischen Kaff eine Christusdarstellung verunstaltet hat, ist das Netz voller Spott. Die Medien mischen bei diesem zynischen Spiel mit.

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Eine unbekannte Rentnerin in einem Nest bei Saragossa überpinselt in der Kirche eine kleine, verwitterte Christusdarstellung, weil sie sie „restaurieren“ möchte. Cecilia Giménez ist Hobbymalerin, sie hat so etwas schon öfter gemacht. Aber der Christuskopf geht ihr daneben. Die Verbesserung wird zur Fratze, sie ähnelt einem Äffchen. Ein Lokalblatt entdeckt die Stümperei, schickt die Geschichte mit den Vorher-Nachher-Fotos in die Welt hinaus, und innerhalb weniger Tage werden alle berühmt beziehungsweise berüchtigt: die Rentnerin, der Ort, das kleine Pfuschwerk. Aber warum?

Die Restaurationsarbeit von Cecilia Giménez, um damit zu beginnen, hat unbestreitbare Komik. Der ursprüngliche „Ecce homo“, vermutlich vor bald hundert Jahren von einem gewissen Elías García Martínez (1858 bis 1934) direkt auf die Wand gemalt und nach Ansicht der Experten von geringer künstlerischer Bedeutung, ist nach der Überpinselung nicht mehr wiederzuerkennen: Die gute Absicht produzierte ein Monster. Mit einer Mischung aus Schadenfreude und gutmütigem Spott gaben soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook die Geschichte weiter, und kurz darauf sprangen die ersten ausländischen Medien auf. Dass die BBC, „Le Monde“ oder die „New York Times“ auf ihren Internetseiten über den Fall berichteten, wirkte als Verstärkereffekt umgehend auf Spanien zurück, peitschte die Netzwerke hoch und zwang die spanischen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, Reporter nach Aragonien zu entsenden. Die kleine Ortschaft Borja und das außerhalb auf einem Hügel liegende Gotteshaus avancierten zur Sommerstory des Jahres.

Doch längst war daraus ein Bündel disparater Geschichten geworden. Niemand interessierte sich für die Frage, was die Enkelin des Malers angesichts der Beschädigung denken mochte. Das Originalwerk war „nicht im Katalog erfasst“ und somit bedeutungslos. Es galt nicht als schützenswertes Kulturgut. Manche Medien schrieben, es stamme aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, andere, aus den Dreißigern, wieder andere verlegten es ins neunzehnte Jahrhundert. Genauer braucht es offenbar niemand zu wissen. Immerhin steht der Maler seit vergangener Woche in Wikipedia. Fünf Tage später ist zum Entstehungsjahr noch immer keine verlässliche Information zu bekommen. Das Alter von Cecilia Giménez wird mal mit 80, dann mit 81 oder 82 Jahren angegeben. Ihr Sohn, der mit einer Behinderung im Rollstuhl sitzt, soll laut der einen Zeitung sechzig, einer anderen 54 Jahre alt sein.

Blödsinniger Aktivismus

Diese Woche rücken Restauratoren an, um den entstandenen Schaden zu begutachten, aber was sie tun werden, ist nicht vorherzusagen. Das Normale wäre, dass sie sich von der Amateurmalerin darüber informieren lassen, welche Farben sie benutzt hat. Aber wer weiß? Eine Unterschriftenaktion im Netz versucht, das darübergemalte Äffchen - spanisch „Ecce mono“ - zu erhalten. Innerhalb weniger Stunden gewann sie fünftausend Anhänger. Tags darauf waren es schon zwölftausend. Es ist völlig unklar, was solche Anhängerschaft im Netz überhaupt zu bedeuten hat, aber sie scheint uns zu beschäftigen: Im Nu verwandelte auch sie sich in einen Teil der sensationellen Nachricht.

Ebenso gut könnte es allerdings sein, dass der blödsinnige Aktivismus in sich zusammensinkt wie ein Soufflé, wenn man ihm 48 Stunden lang die Aufmerksamkeit entzieht. Nur: Wie macht man das heutzutage im Netz, wo so viele Menschen permanent online sind und mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wissen? „Gefällt mir“, „gefällt mir nicht“, das sind die banalen Kategorien einer sich selbst generierenden Meinungsindustrie, die weder Kenntnisse vorweisen muss noch für irgendetwas Verantwortung übernimmt.

Mit den besten Absichten übermalt

Was die Dramaturgie der letzten Woche angeht, hätte man für den Showablauf kein wirkungsvolleres Drehbuch schreiben können. Denn der Zufall wollte es, dass der vergangene Samstag in Borja ein traditioneller Festtag für Pilger war, an dem Gläubige Jahr für Jahr die kleine Kirche besuchen. Diesmal waren es laut Medienberichten rund fünftausend, ein Vielfaches der üblichen Zahl, darunter auch ausländische Touristen und Medien verschiedener Länder. Die Absichten der meisten Besucher waren alles andere als spirituell. Sie kamen, um die Attraktion zu bestaunen, die sie zum Teil selbst erschaffen hatten, und sich vor dem über Nacht berühmt gewordenen Gemälde zu fotografieren. Der Andrang war so groß, dass man vor dem Bild eine Sicherheitszone einrichten musste wie vor einem Meisterwerk der Kunstgeschichte. Auch ein Wachmann bezog Stellung.

Nicht nur der Originalkünstler wäre darüber erschüttert gewesen, auch die Restauratorin war es, jene Frau von mutmaßlich Anfang achtzig, die ihre Arbeit „mit den besten Absichten“ unternahm und seit dem Ausbruch der Hysterie unter Angstattacken leidet, ein „anständiger Mensch“, wie Dorfbewohner betonen, eine Frau, „die es nicht leicht hat im Leben“. Eine wichtige Aussage von ihr wollte die Welt gar nicht mehr hören, denn sie hätte den Witz zerstört: dass Cecilia Giménez mit ihrer Restaurierung „noch gar nicht fertig“ gewesen sei. Sie habe („Aber so machen wir Maler das immer“) erst mal mit grobem Pinsel vorgearbeitet und dann unterbrochen, um Urlaub zu machen. Und als sie zurückkam, um das Werk fortzusetzen, sei die Katastrophe schon geschehen: die Fotos in den Medien, der Andrang, das Gespött.

Ringen mit der Spaßgesellschaft

Dass es Initiativen gibt, das Äffchenbild auf T-Shirts zu drucken und den regionalen Tourismus anzuheizen, findet Cecilia Giménez grauenhaft, „eine Gotteslästerung“. Denn sie, die schon in früheren Jahren das Gewand des leidenden Christus mit neuer Farbe aufgefrischt hat, ohne dass sich jemand darüber beklagt hätte, sie handelte in gutem Glauben: um ein Kunstwerk zu retten, neben dem sie zu beten pflegt. Jeder habe sie bei der Arbeit gesehen, sagt sie. Auch der Priester habe Bescheid gewusst.

Worum es bei dem Aufruhr aber eigentlich geht, ist das Ringen des alten katholischen Spanien mit der säkularen Spaßgesellschaft, die keine Tabus mehr gelten lässt. Wie ein Tornado ist das gaffende und feixende Publikum in den geweihten Ort eingefallen und hat ihn profanisiert. Natürlich könnte man den Vorgang mit einem Begriff des russischen Literatuwissenschaftlers Michail Bachtin als „Karnevalisierung“ bezeichnen; doch eher ist zu vermuten, dass nur eine Art von Frömmigkeit gegen eine andere ausgetauscht wurde. Die frühere galt dem „Ecce homo“, einer gemalten Christusdarstellung, gerechtfertigt durch ihre Funktion im Kirchenraum. Die neue, von den sozialen Netzen heraustrompetete Frömmigkeit gilt dem Scherz, der peinlichen Lachnummer, der Banalisierung und Blasphemie.

Das Internet vergisst nichts

Der Zynismus dieser kurzzeitigen Aufmerksamkeit, die ihren Gegenstand auspresst und wegwirft, ist von den spanischen Medien erst erkannt worden, nachdem sie ihrerseits schon mehrere Tage Werkzeuge des Spektakels gewesen waren. In „El País“ veröffentlichte der Soziologe Vicente Verdú am Wochenende eine harsche Kritik an der Gedankenlosigkeit der Internetgemeinde. In „El Mundo“ versetzte sich der Schriftsteller Lorenzo Silva in das Innere der Amateurmalerin und nannte die Anhänger der verpatzten Restaurierung „Heuchler“, weil ihnen die Kunst genauso egal sei wie die Religion. Hier und da dämmert es manchen, dass eine alte Dame bewusst missverstanden und als Amüsierobjekt benutzt wurde.

Aber es ist zu spät. Das Internet vergisst nicht, entschuldigt sich nicht und löscht keine Spuren. Das Bild des Äffchens ist unwiderruflich in der Welt. Längst zirkulieren Dutzende von Parodien der unfreiwilligen Parodie, und jeder hat die Möglichkeit, den Kopf seiner Wahl in die Vorlage hineinzukopieren. Mit dem „Ecce mono“ hat eine neue Ikonographie begonnen.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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