18.03.2007 · „Berlin Mitte“ heißt seit Donnerstag „Maybrit Illner“. Ein Zeichen für den Niedergang von Berlin-Mitte oder für den Aufstieg von Maybrit Illner? Die Moderatorin im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die Gesetze des Polit-Talks.
Die Moderatorin Maybrit Illner im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die Gesetze des Polit-Talks und ihre künftigen Konkurrenten.
Seit Donnerstag heißt Ihre Sendung „Berlin Mitte“ wie Sie „Maybrit Illner“. Ist das ein Zeichen für den Niedergang von Berlin-Mitte oder für den Aufstieg von Maybrit Illner?
Es ist vor allem ein Zeichen für einen völlig normalen Trend zur Personalisierung im Fernsehen. Die Leute haben die Sendung ohnehin mehr mit der Moderatorin verbunden als mit dem Titel „Berlin Mitte“. Aber keine Sorge, das ändert weder etwas an meinem Selbstverständnis noch am Auftrag der Sendung und wird bestimmt in drei, vier Wochen nicht mal mehr eine Frage wert sein.
Es gibt auch eine Reihe konzeptueller Änderungen: Die Sendung ist fünfzehn Minuten länger, im Publikum sitzen auch Gesprächspartner, die Sie in die Diskussion einbeziehen. Welche Effekte soll das erzielen?
Stimmt, es gibt uns jetzt sechzig Minuten lang. Wir haben nach sieben Jahren mal ein bisschen frische Farbe aufgelegt. Und wir haben uns im Studio eine größere Flexibilität gewünscht. Wir wollten einfach nicht mehr so sehr in diesen Halbkreis gepresst sein.
Aber warum ist das notwendig? Sie wollen diese Flexibilität ja nicht um der Flexibilität willen?
Die Welt ist bunter und komplizierter geworden. Es verändert sich viel, es gibt viel Kritik, es gibt viele originelle Lösungen. Nicht jeder Gast muss sechzig Minuten in der Sendung präsent sein. Es gibt Menschen, die haben eine tolle Geschichte zu erzählen; für die brauchen sie drei, vier Minuten, und die kriegen sie auch. Ein Polit- Talk, der die Wirklichkeit halbwegs adäquat abbilden will, muss beweglich sein - egal ob wir über die Rente, die „gelbe Gefahr“ aus China, das Rauchverbot oder den Klimawandel reden.
War es Ihnen auch wichtig, die Politiker stärker mit den Bürgern zu konfrontieren?
Das war immer schon das Ziel der Sendung. Wir verstehen uns auch als „Stiftung Warentest für Politik“. Nur veröffentlichen wir keine monatlichen Testberichte, sondern laden die Verbraucher direkt ins Testlabor, sprich unser Studio, ein. Das ist auch für die Hersteller von Politik ganz nützlich. Die scheinen manchmal zu vergessen, dass die Menschheit mit ihren Erfindungen leben muss.
Braucht denn die Politik eine Fernsehsendung, um den Kontakt zum Volk zu finden? Gehen die Politiker nach der Sendung geläutert nach Hause und denken: „Jetzt weiß ich endlich, wie die Bürger denken?“
Gott bewahre, ganz bestimmt begegnen sie dem Leben nicht nur bei uns. Aber Politiker denken innerhalb ihrer Systeme. In Zeiten der großen Koalition arbeiten sich SPD und CDU monatelang aneinander ab und legen dann oft einen Krampf-Kompromiss auf den Tisch. Der ist für die Leute gegebenenfalls weit von einer Lösung entfernt - nehmen Sie das Antidiskriminierungsgesetz oder die Gesundheitsreform. Aber viele Politiker haben längst verstanden, dass glatte Rechthaberei nicht weit führt. Sie denken öffentlich nach und geben keine Heilsversprechen mehr ab. Und dann können sie bei uns auch noch auf Menschen treffen, die über den ganz normalen Irrsinn kompetent und leidenschaftlich erzählen. Ein kluger Politiker hört da zu. Mal in aller Bescheidenheit: Ich habe ja selbst gelegentlich das Gefühl, nach einer Sendung schlauer zu sein als vorher.
Früher waren politische Talksendungen streng nach Parteiproporz besetzt. Welche Kriterien gelten heute? Stellen Sie Ihre Runden nach Positionen zusammen oder nach Personen?
Früher war eben doch nicht alles besser. Unsere erste Frage vor jeder Sendung ist natürlich: Worüber wollen wir diskutieren? Was ist unser Thema? Und dann schauen wir: Wer sind dann die interessantesten Kontrahenten für eine solche Debatte. Sicher greifen wir dabei auch auf Politiker von Regierung und Opposition zurück, einfach weil sie verantwortlich sind. Aber dann suchen wir sehr leidenschaftlich nach Menschen, die eine originelle, produktiv-kontroverse Sicht auf unser Thema haben. Und die kommen gegebenenfalls nicht aus Berlin-Mitte, sondern aus Kiel, Koblenz oder London oder aus der Provinz.
Ist nicht das Repertoire an interessanten Gästen dafür begrenzt?
Nun haben wir ja gerade gelernt, dass seit geraumer Zeit das eigentliche Potential für unsere Sendung authentische, leidenschaftliche Zeitgenossen, Freidenker ohne Parteibuch und Amt sind.
Und um die müssen Sie jetzt mit der ARD-Konkurrenz buhlen, die Ihnen demnächst ins Haus steht?
Unsere nennenswerte Konkurrenz war bisher „Sabine Christiansen“. Jetzt gibt's eine Nachfolgesendung mit Anne Will, auf die ich mich freue. Und irgendwann soll Frank Plasberg aus dem Dritten dazukommen. Beide wollen eines gewiss nicht sein: Mikrofonhalter für Funktionäre. Also sage ich im Sinne des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages: Je intensiver und passionierter die Diskussion um die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist, desto besser!
Aber Sie können doch nicht ganz ignorieren, wenn am Mittwoch in der ARD eine politische Gesprächsrunde zu einem Thema stattfindet, das Sie am Donnerstag möglicherweise auch machen wollen. Oder sind die Zuschauer interessiert genug, um zu sagen: Ich hab' das zwar alles gestern schon bei Plasberg gesehen, aber ich will heute noch mal gucken, was die Leute dazu sagen, die bei Illner sitzen.
Na ja, es könnte ja auch sein, dass die sagen: „Das habe ich letzte Woche schon bei der Illner gesehen, das will ich jetzt nicht mehr bei Will sehen.“ Das ist ein bisschen wie die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Außerdem gibt es da einen kleinen Trick: Man beackert nicht dasselbe Thema. Gott sei Dank ist Deutschland ja noch spannend genug, um genug Gesprächsmaterial herzugeben. Und nur mal nebenbei: Wir machen jeden Donnerstag eine Sendung, und das mit Erfolg. Anne Will und Frank Plasberg sind nicht nur zu beneiden. Als Paketlösung eingekauft, machen sie sich demnächst im selben Sender Konkurrenz und müssen noch dazu aufpassen, dass sie nicht zu sehr an ihre Vorgänger erinnern. Fazit: Die beiden haben mein Mitgefühl und meine volle Solidarität. Aber was arbeiten muss ich zwischendurch auch noch.
Sie halten also das Ausmaß der Diskussion um die Zukunft des Polit-Talks im deutschen Fernsehen eher für übertrieben?
Es ist schon etwas paradox: Einerseits steht das Ende des Polit- Talks seit Jahren unmittelbar bevor, andererseits gibt's ein großes Interesse an diesen Formaten. Ich sag' mal so: Das wird sich beruhigen!
Fühlen Sie sich eigentlich auch nach siebeneinhalb Jahren immer noch als Herausforderin?
Ein hübscher Hinweis. Ich bin ja jetzt bald die Dienstälteste. Darüber hab' ich noch gar nicht nachgedacht.
Es gilt in der Regel als Vorteil von Frauen, dass sie ihren Charme als Waffe einsetzen können, um kritische Fragen in Watte zu packen. Funktioniert das noch, wenn die derzeit wichtigsten Politiker Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Ulla Schmidt heißen?
Na ja, zunächst mal sind alle drei ja nicht erst seit der großen Koalition erfahrene Politikerinnen. Aber davon abgesehen: In der direkten Gesprächssituation denkt man weniger geschlechtsspezifisch, sondern vielmehr sachbezogen.
Sie lassen sich ungern parteipolitisch verorten, aber man merkt oft ein starkes Interesse an pragmatischen Lösungen. Glauben Sie, das hat damit zu tun, dass Sie grundsätzlich sensibel sind, wenn es um Ideologien geht, weil Sie in der DDR groß geworden sind?
In der DDR hieß es immer: Der Sozialismus hat vier Feinde. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die neuzeitliche Politik hat meiner Ansicht nach einen Feind: Denkschablonen. Im Übrigen könnten Frühling, Sommer, Herbst und Winter ein Problem werden, wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten. Das schaffen wir aber nicht, indem wir alten Mustern folgen. Und wir schaffen es auch nicht, indem wir den Lobbyisten folgen. Wir brauchen pragmatische Lösungen.
Aber spielt Ihre Herkunft gar keine Rolle?
Natürlich. Ich bin schlicht ein gebranntes Kind. Ideologien sind mir suspekt. Außerdem habe ich mit 23 schon Staaten und Wirtschaftsblöcke untergehen sehen. Ich lebe also längst mit der schönen Vorstellung, dass nichts so bleibt, wie es ist. Ich freue mich wie jeder Mensch auf ein schönes Alter nach einem langen erfüllten Berufsleben in einem wirtschaftlich gesunden Land. Wir wissen noch nicht genau, wie wir da hingelangen. Aber wir versuchen es rauszukriegen. Unter anderem in meiner Sendung.