Bisweilen lohnt es sich, schon ein paar Minuten vor einer Sendung einzuschalten. Im „Heute-Journal“ kündigte Maybrit Illner mit großem Selbstbewusstsein ihre nachfolgende Gesprächsrunde an: „Wenn wir in einer Stunde nicht wissen, wie die Welt gerettet werden kann, dann weiß ich auch nicht.“
Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn er ist von einer derartigen Banalität, dass man sich die bevorstehende Stunde besten Gewissens sofort hätte sparen und direkt auf die ARD umschalten sollen, wo Harald Schmidt mit Spielzeug Hans Ulrich Wehlers „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ nachstellte. Ja, selbst „Die Gerichtsmedizinerin“ auf RTL dürfte mehr Rettungspotential geboten haben als Frau Illners Sendung. Hoffen durfte man nur noch auf ihre beiden Gäste: Friedrich Merz, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der CDU und Autor des gerade erschienenen Buches „Mehr Kapitalismus wagen“, und Oskar Lafontaine, Chef der Partei Die Linke.
„Ist der Kapitalismus schuld an sich selbst?“
Über das Thema politischer Talkrunden im Fernsehen muss man derzeit kein Wort verlieren. Natürlich drehte sich alles um die Finanzkrise, auch wenn man früher unter Weltrettung etwas anderes verstanden hat als die Lösung von ökonomischen Problemen. Frau Illner stellte sofort die Systemfrage: Hat der Kapitalismus versagt? Sie formulierte es allerdings origineller: „Ist der Kapitalismus schuld an sich selbst?“ Auch das wieder ein schön klingender, aber nichtssagender Satz, auf dessen Niveau Friedrich Merz sofort einstieg, indem er dazu riet, „den Pulverdampf dieser Krise“ abziehen zu lassen. Kann man nicht endlich einen Metaphernbeauftragten im Fernsehen installieren, der solch hanebüchenes Zeug mit einem gnädigen Piepton unhörbar macht?
Maybrit Illner spekulierte darauf, einen strammen Marktwirtschaftler und einen gandenlosen Verstaatlicher aufeinander loszulassen, und Merz gab zumindest eine dazu brauchbare Vorlage, als er deklarierte: „Die Überlegenheit der Marktwirtschaft, auch die moralische, ist bewiesen.“ Dass er es nicht für notwenig erachtete auszuführen, gegenüber wem oder was denn diese Überlegenheit bestehe, war bezeichnend. Merz hatte Lafontaine von vorneherein als Planwirtschaftler abgestempelt, und so wird es ihn überrascht haben, als sein Opponent etwas später kühl feststellte: „Die Marktwirtschaft ist unersetzlich.“ Da hätte man das Gespräch abbrechen können, denn die geplante Konfrontation war ersichtlich gescheitert. Aber es waren ja noch fünfzig Minuten zu füllen, ehe endlich das Ehepaar Effenberg bei Johannes B. Kerner für wirklichen Rambazamba sorgen sollte.
Unerschütterliches Weiterreden
Fünfzig Minuten können sehr lang sein. Merz und Lafontaine forderten sich mit Demokratie-Definitionen heraus (Lafontaine: „Demokratie bedeutet die Vertretung der Interessen der Mehrheit“, Merz: „Demokratie ist das gleiche geheime Wahlrecht der Bürger“), mit höchst unterschiedlichen Vorstellungen über die Eigentumsverhältnisse an der beinahe faillierten Mittelstandsbank IKB (Merz: „Die IKB ist eine Tochter der KfW, also einer Staatsbank, Lafontaine: „Das ist Irreführung“) und mit differierenden Ansichten über Selbstverständnis des CDU-Gründervaters Karl Arnold (Lafontaine: „Er bezeichnete sich selbst als christlichen Sozialisten“, Merz: „Das hat er nie getan“). Leider wurde keine dieser grundsätzlichen Differenzen ausdiskutiert, denn wir hatten es mit zwei Dauer-Talkshowgästen zu tun, die unerschütterlich weiterreden können, wenn der andere eine Zwischenbemerkung machen will, und dass Frau Illner nicht Manns genug ist, um einfach auch mal ihren Gästen das unendliche Wort abzuschneiden, das wussten beide aus Erfahrung.
Hätte Oskar Lafontaine die Moderatorin nicht einmal nonchalant als „meine Liebe“ angesprochen, wäre gar nichts Ungewöhnliches von der Gesprächsrunde zu berichten. So reichte es wenigstens für die süffisante Bemerkung Illners zu Merz: „Mal sehen, ob ich in dieser Sendung auch noch Ihre Liebe werde.“
Totenstille, als Merz sich an einem Scherz versuchte
Spannung wurde mit fortdauernder Sendezeit nur noch dadurch erweckt, wie groß die physiognomische Ähnlichkeit Lafontaines zu Michail Gorbatschow wohl einmal werden wird und ob das beim skeptischen Zuhören verschobene Kinn von Merz jemals wieder in die Ausgangsposition zurückfinden kann. Und es war interessant, die Publikumsreaktionen im Studio zu beobachten. Merz bekam eindeutig mehr Szenenapplaus, aber die Klatschenden erwiesen sich als eher bärbeißige ältere Herrschaften, während Lafontaine bei den Jungen im Saal punktete.
Eine Sternsekunde immerhin war dabei die Totenstille im Publikum, als Merz sich an einem Scherz versuchte und auf Lafontaines Feststellung, alle Regierungen hätten in der Krise Fehler gemacht, einwarf: „Außer der von Oskar Lafontaine im Saarland, die ist unfehlbar.“ Es ist solcher Wadenbeißerhumor, der am Ende Lafontaine ungleich viel staatstragender wirken ließ als Merz.
„Bleiben Sie heiter - irgendwie“
Das größte Fiasko aber sparte Maybrit Illner für sich selbst auf. Sie konfrontierte ihre beiden Gäste mit drei Zitaten, deren Urheber sie erraten sollten. Natürlich durchschauten Merz wie Lafontaine sofort, dass die scheinbar linken Parolen von Guido Westerwelle, Hilmar Kopper und Angela Merkel stammten. Man konnte Frau Illner die Ratlosigkeit darüber ansehen, wie souverän ihre ach so sorgfältig vorbereitete Verblüffungsstrategie ad absurdum geführt wurde. Lafontaine reagierte da ungleich origineller, als er nach dem dritten Zitat lapidar feststellte: „Wir sind alle links geworden. Ich höre nur noch Wendehälse.“ Leider verkniff sich Merz nicht die peinlich-eifrige Replik, dass man das aber über ihn nicht sagen könne. Hätten das die Zuschauer nicht selbst merken müssen?
Am Schluss entließ Maybrit Illner ihr Publikum mit dem Satz „Bleiben Sie heiter - irgendwie.“ Das war die endgültige Bankrotterklärung, wenn man noch so wach geblieben war, dass man sich an die großspurige Ankündigung von der weltrettenden Absicht dieser Sendung erinnern sollte. Rette sich, wer kann. Maybrit Illner konnte es nicht.
Schmalspur"journalismus"
Ralf Schneider (ralf61)
- 31.10.2008, 09:11 Uhr
Die öffentlich - rechtlichen Sender...
(Ingelmann)
- 31.10.2008, 09:28 Uhr
Kapitalismus ist keine Ideologie
Runa Gisladottir (runag)
- 31.10.2008, 09:32 Uhr
Qualitätsfernsehen
Tobias Kretschmer (pike66)
- 31.10.2008, 09:42 Uhr
Achtung, Herr Platthaus: Nicht so viel ernst nehmen,---
Bernd Michalski (michalski2)
- 31.10.2008, 10:27 Uhr