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Aktualisiert: 16.04.2014, 09:16 Uhr

Offener Brief an Eric Schmidt Warum wir Google fürchten

Zum ersten Mal bekennt hier ein deutscher Manager die totale Abhängigkeit seines Unternehmens von Google. Was heute die Verlage erleben, ist ein Vorbote: Bald gehören wir alle Google. Ein Offener Brief an Eric Schmidt.

von Mathias Döpfner
© dpa Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer SE, schreibt Eric Schmidt, warum die Angst vor Google berechtigt ist.

Lieber Eric Schmidt,

in Ihrem Text „Die Chancen des Wachstums“ in der F.A.Z. antworten Sie auf einen Beitrag, den dieselbe Zeitung ein paar Tage zuvor unter dem Titel „Angst vor Google“ veröffentlicht hat. Sie erwähnen darin immer wieder den Verlag Axel Springer. Ich möchte im Sinne der Transparenz mit einem offenen Brief antworten, um ein paar Dinge aus unserer Sicht zu beleuchten.

(English version: Why we fear Google - an open letter to Eric Schmidt by Mathias Döpfner)

Wir beide kennen uns seit vielen Jahren, haben, wie Sie schreiben, lange und oft über das Verhältnis zwischen den europäischen Verlagen und Google diskutiert. Wie Sie wissen, bin ich ein großer Bewunderer des unternehmerischen Erfolgs von Google. In nur wenigen Jahren, seit 1998, ist ein Unternehmen entstanden, das weltweit beinahe 50.000 Menschen beschäftigt, letztes Jahr rund sechzig Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftete und aktuell eine Marktkapitalisierung von über 350 Milliarden Dollar hat.

Google ist alternativlos

Google ist nicht nur die größte Suchmaschine der Welt, sondern mit Youtube auch die größte Video-Plattform (die gleichzeitig die zweitgrößte Suchmaschine ist), mit Chrome der größte Browser, mit Gmail der meistgenutzte E-Mail-Dienst und mit Android das größte Betriebssystem für mobile Geräte. Ihr Artikel weist zu Recht darauf hin, welche fabelhaften Impulse Google für das Wachstum der Digitalökonomie gegeben hat. Im Jahr 2013 hat Google vierzehn Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Ich ziehe vor dieser herausragenden unternehmerischen Leistung den Hut.

In Ihrem Text weisen Sie auf die Vermarktungskooperation zwischen Google und Axel Springer hin. Auch wir haben uns darüber gefreut. Der eine oder andere Leser hat das nun aber so interpretiert, dass Axel Springer offenbar schizophren sei: Einerseits ist Axel Springer Teil einer europäischen Kartellklage gegen Google und streitet mit dem Konzern über die Durchsetzung des deutschen Leistungsschutzrechts, das den Inhalte-Diebstahl verbietet, andererseits profitiert Axel Springer nicht nur von dem durch Google entstehenden Traffic, sondern auch bei der Vermarktung von Restplätzen seiner Online-Werbung von Googles Algorithmus. Das stimmt. Man kann das schizophren nennen. Oder liberal. Oder, und das ist die Wahrheit, um es mit einem Lieblingswort unserer Bundeskanzlerin zu sagen: alternativlos.

David und Goliath begegnen sich nicht auf Augenhöhe

Wir kennen keine Alternative, die auch nur ansatzweise vergleichbare technologische Voraussetzungen zur automatisierten Werbevermarktung bietet. Und wir dürfen auf diese Einnahmequelle nicht verzichten, weil wir das Geld dringend für technologische Zukunftsinvestitionen brauchen. Weshalb immer mehr andere Verlage das Gleiche tun. Wir kennen auch keine Suchmaschinen-Alternative zur Sicherung oder Steigerung unserer Online-Reichweite. Ein großer Anteil journalistischer Qualitätsmedien erhält seinen Traffic überwiegend via Google.

In anderen, vor allem nichtjournalistischen Bereichen findet der Kunde sogar fast ausschließlich durch Google den Weg zum Anbieter. Das heißt im Klartext: Wir – und viele andere – sind von Google abhängig. Google hat in Deutschland zurzeit einen Suchmaschinen-Marktanteil von 91,2 Prozent. Da ist die Aussage „wenn Google euch nicht passt, könnt ihr euch ja auslisten lassen und woandershin gehen“ in etwa so realistisch wie die Empfehlung an einen Atomstromgegner, doch einfach auf Strom zu verzichten. Das kann er – solange er nicht den Amish People beitreten möchte – im wahren Leben eben nicht.

Die Mitarbeiter von Google sind zwar immer ausgesucht freundlich zu uns und zu anderen Verlagen, aber auf Augenhöhe reden wir nicht miteinander. Wie sollten wir auch? Google braucht uns nicht. Aber wir brauchen Google. Und auch wirtschaftlich bewegen wir uns in anderen Galaxien. Mit vierzehn Milliarden Jahresgewinn macht Google etwa zwanzigmal so viel Profit wie Axel Springer. Pro Quartal erwirtschaftet der eine mehr Gewinn als der andere in einem ganzen Jahr Umsatz. Unsere Geschäftsbeziehung ist die des Goliath Google zu dem David Axel Springer. Wenn Google einen Algorithmus ändert, bricht bei einem unserer Tochterunternehmen in wenigen Tagen der Traffic um 70Prozent ein. Das ist ein realer Fall. Und dass dieses Tochterunternehmen ein Wettbewerber von Google ist, ist dabei sicher Zufall.

Unsere Werte, unser Menschenbild, unsere Gesellschaftsordnung

Wir haben Angst vor Google. Ich muss das einmal so klar und ehrlich sagen, denn es traut sich kaum einer meiner Kollegen, dies öffentlich zu tun. Und als Größter unter den Kleinen müssen wir vielleicht auch in dieser Debatte als Erste Klartext reden. Sie haben es selbst in Ihrem Buch geschrieben: „Wir sind überzeugt, dass Portale wie Google, Facebook, Amazon und Apple weitaus mächtiger sind, als die meisten Menschen ahnen. Ihre Macht beruht auf der Fähigkeit, exponentiell zu wachsen. Mit Ausnahmen von biologischen Viren gibt es nichts, was sich mit derartiger Geschwindigkeit, Effizienz und Aggressivität ausbreitet wie diese Technologieplattformen, und dies verleiht auch ihren Machern, Eigentümern und Nutzern neue Macht.“

Die Diskussion über die Macht von Google ist also keine Verschwörungstheorie von Ewiggestrigen. Sie selbst sprechen von der neuen Macht der Macher, Eigentümer und Nutzer. Bei den Nutzern bin ich da langfristig nicht so sicher. Da folgt auf Macht schnell Ohnmacht. Und genau deshalb müssen wir diese Diskussion im Interesse eines langfristig gesunden Ökosystems der Digital-Ökonomie jetzt führen. Das betrifft den Wettbewerb. Aber nicht nur den ökonomischen, sondern auch den politischen. Es betrifft unsere Werte, unser Menschenbild und unsere Gesellschaftsordnung weltweit und – aus unserer Perspektive – vor allem die Zukunft Europas.

Wem gehören die Daten?

Nach Lage der Dinge wird Ihr Konzern in den verschiedensten Bereichen unseres professionellen und privaten Alltags, im Haus, im Auto, im Gesundheitswesen, in der Robotronik eine führende Rolle spielen. Das ist eine riesige Chance und eine nicht minder große Bedrohung. Ich befürchte, es reicht einfach nicht, wie Sie es tun, zu behaupten, Sie wollten aus der Welt einen „besseren Ort“ machen.

Der Internetkritiker Evgeny Morozov hat die Haltung, die moderne Gesellschaften hier einnehmen müssen, klar beschrieben: Wir führen keine Debatte über Technik, deren faszinierende Möglichkeiten jedermann bewusst sind. Wir führen eine politische Debatte. Geräte und Google-Algorithmen sind kein Regierungsprogramm. Oder sollten es zumindest nicht sein. Die Bürger sind es, die entscheiden müssen, ob wir wollen, was Sie von uns verlangen – und welchen Preis wir selbst dafür zu zahlen bereit sind.

Die Verlage haben hier früh – als Vorboten für andere Branchen und Industrien – ihre Erfahrungen gemacht. Aber solange es nur um die Enteignung von Inhalten (die Suchmaschinen und Aggregatoren nutzen, aber nicht bezahlen wollen) ging, haben sich nur wenige dafür interessiert. Aber das ändert sich, wenn das Gleiche mit den persönlichen Daten der Menschen geschieht. Die Frage, wem diese Daten gehören, wird eine der politischen Hauptfragen der Zukunft sein.

Globales Netzmonopol

Sie sagen in Ihrem Artikel, die googlekritischen Stimmen würden „letztlich das Internet als solches kritisieren und die Möglichkeit, dass jeder egal von welchem Ort aus Informationen abrufen kann“. Das Gegenteil ist richtig. Wer Google kritisiert, kritisiert nicht das Internet. Sondern wem an einem intakten Netz gelegen ist, der muss Google kritisieren. Für uns als Verlag ist das Internet keine Bedrohung, sondern die größte Chance der letzten Jahrzehnte. 62 Prozent unseres Unternehmensgewinns sind heute aus dem digitalen Geschäft. Wir reden also nicht über das Internet, sondern nur über die Rolle, die Google darin spielt.

In diesem Zusammenhang sind die vor vier Jahren von verschiedenen europäischen Verlagsverbänden und Internetunternehmen eingereichten Wettbewerbsbeschwerden gegen Google bei der Europäischen Kommission in Brüssel von allergrößter Bedeutung. Google ist das Paradebeispiel eines marktbeherrschenden Unternehmens. Google definiert mit siebzig Prozent Weltmarktanteil die Infrastruktur im Internet. Die nächstgrößte Suchmaschine ist mit 16,4 Prozent Baidu in China – und das deshalb, weil China eine Diktatur ist und den freien Zugang zu Google verbietet. Danach kommen Suchmaschinen mit Marktanteilen von maximal sechs Prozent. Es sind Scheinwettbewerber.

Der Markt gehört nur einem. Der Anteil Googles am Online-Werbemarkt in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr und liegt derzeit zirka bei sechzig Prozent. Zum Vergleich: Die „Bild“-Zeitung, die seit Jahrzehnten vom deutschen Kartellamt als marktbeherrschend eingestuft wird (weshalb Axel Springer Pro Sieben Sat.1 oder auch Regionalzeitungen nicht kaufen durfte), hat neun Prozent Marktanteil der Printwerbung in Deutschland. Im Vergleich ist Google nicht nur marktbeherrschend, sondern sozusagen super-marktbeherrschend.

Google ist für das Netz, was die Deutsche Post für die Briefzustellung oder die Deutsche Telekom für das Telefonieren war. Damals gab es nationale Staatsmonopole. Heute gibt es ein globales Netzmonopol. Deshalb ist es von größter Bedeutung, ob es bei den Suchergebnissen von Google transparente und faire Kriterien gibt.

EU-behördlich sanktionierte Einführung von Schutzgeld

Doch diese fairen Kriterien sind nicht gegeben. Google listet eigene Produkte, vom E-Commerce bis hin zu den Seiten aus dem eigenen Google+-Netzwerk, besser als Wettbewerber, selbst wenn diese für den Verbraucher teilweise minderwertig sind und gemäß des Google-Algorithmus nicht erscheinen würden. Der Nutzer wird noch nicht einmal deutlich darauf hingewiesen, dass es sich bei diesen Suchergebnissen um Selbstwerbung handelt. Auch wenn ein Angebot von Google weniger Besucher hat als das eines Wettbewerbers, erscheint es weiter oben, bis es irgendwann auch mehr Besucher hat.

Das nennt man Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Und jeder hat erwartet, dass das europäische Kartellamt diese Praxis untersagt. Danach sieht es nicht aus. Vielmehr schlägt der Wettbewerbskommissar einen „Vergleich“ vor, der jedem, der die Sache ein bisschen durchschaut, die Sprache verschlägt. Eric, in Ihrem Artikel sprechen Sie von einem Kompromiss, den Sie mit der EU-Kommission gesucht hätten. Gefunden haben Sie, wenn die Kommission den vorliegenden Vorschlag so beschließt, ein zusätzliches Werbegeld-Beschaffungsmodell für Google. Das wären keine „schmerzlichen Zugeständnisse“, sondern Zusatzerlöse.

Die Kommission schlägt allen Ernstes vor, dass die infrastrukturbeherrschende Suchmaschine Google weiterhin Wettbewerber in der erfolgsentscheidenden Plazierung von Suchergebnissen diskriminieren darf. Zum Ausgleich aber – und jetzt kommt es – würde ein neues Werbefenster zu Beginn der Suchliste eingerichtet, in dem die diskriminierten Unternehmen sich einen Listenplatz kaufen könnten. Das ist kein Kompromiss. Das ist die EU-behördlich sanktionierte Einführung jenes Geschäftsmodells, das man in weniger ehrenwerten Kreisen Schutzgeld nennt. Nach dem Motto: Wenn du willst, dass wir dich nicht umbringen, musst du bezahlen.

Wissen, was wir gerade denken

Sie wissen sehr genau, dass dies eine langfristige Diskriminierung und Schwächung jeglichen Wettbewerbs bedeuten würde. Dass Google so seine Marktübermacht noch weiter ausbauen würde. Und dass dies vor allem die europäische Digital-Ökonomie noch weiter schwächen würde. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es das war, was Sie mit Kompromiss gemeint haben. Aber dies ist kein Vorwurf, den ich Ihnen und Google mache.

Sie als Vertreter des Unternehmens dürfen und müssen Ihre Interessen vertreten. Der Vorwurf geht an die Europäische Wettbewerbskommission. Kommissar Almunia sollte noch einmal darüber nachdenken, ob es so klug ist, als quasi letzte Amtshandlung das zu fabrizieren, was als Sargnagel der ohnehin etwas sklerotischen europäischen Internet-Ökonomie in die Geschichte eingehen würde. Vor allem aber wäre es ein Verrat am Verbraucher, der nicht mehr das für ihn Wichtigste und Beste findet, sondern das für Google Profitabelste – am Ende ein Verrat an der Grundidee Googles.

Dies gilt auch für den großen und noch problematischeren Komplex der Datensicherheit und Datenverwertung. Seit Snowden die NSA-Affäre ausgelöst hat, seitdem sich die engen Beziehungen zwischen großen amerikanischen Online-Unternehmen und amerikanischen Geheimdiensten herumgesprochen haben, hat sich das gesellschaftliche Klima – zumindest in Europa – grundlegend geändert. Die Menschen sind sensibler geworden dafür, was mit ihren Nutzerdaten geschieht.

Keiner weiß so viel über seine Kunden wie Google. Selbst private oder geschäftliche E-Mails werden von Gmail mitgelesen und können bei Bedarf ausgewertet werden. Sie selbst haben 2010 gesagt: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst.“ Das ist ein bemerkenswert ehrlicher Satz. Die Frage ist nur: Wollen die Nutzer das, wenn diese Informationen nicht nur für kommerzielle Zwecke benutzt werden – was zwar viele Vorteile hat, aber auch schon einige gruselige Schattenseiten –, sondern auch in die Hände von Geheimdiensten gelangen können und zum Teil schon gelangt sind?

Der Treibstoff des 21. Jahrhunderts

Ich habe in dem Buch „The Naked Future – What happens in a world that anticipates your every move?“ von Patrick Tucker – dem Buch, dessen Zukunftsvision Googles Chefdenker Vint Cerf für „unentrinnbar“ hält –, eine Szene gelesen, die sich wie Science-Fiction anhört, aber nicht ist: Stellen Sie sich vor, schreibt der Autor sinngemäß, Sie wachen eines Tages auf, lesen auf Ihrem Handy „Guten Morgen! Nach der Arbeit wirst du zufällig deiner Ex-Freundin Vanessa begegnen, und sie wird dir von ihrer Verlobung am nächsten Sonntag erzählen. Tu so, als seist du überrascht. Denn Vanessa hat es noch niemandem erzählt. Aber vergiss nicht, ihr am Sonntag einen Blumenstrauß zu schicken.“

Nehmen wir an, Sie wundern sich kurz, woher Ihr Handy das weiß oder ob das ein Scherz ist, und ignorieren die Nachricht fürs Erste. Am Abend dann laufen Sie Vanessa tatsächlich über den Weg. In vager Erinnerung an die SMS Ihres Telefons gratulieren Sie zur Verlobung. Vanessa ist alarmiert. „Woher weißt du davon?“, fragt sie. „Hast du es nicht auf Facebook gepostet?“, stottern Sie verlegen. „Noch nicht“, sagt Vanessa und sucht schnell das Weite. Die Blumen brauchen Sie nicht mehr zu schicken.

Google durchsucht mehr als eine halbe Milliarde Internetadressen. Google weiß über jeden digital aktiven Bürger mehr, als sich George Orwell in seinen kühnsten Visionen in „1984“ je vorzustellen wagte. Google sitzt auf dem gesamten gegenwärtigen Datenschatz der Menschheit wie der Riese Fafner im „Ring des Nibelungen“: „Hier lieg’ ich und besitz’.“ Ich hoffe, Sie sind sich der besonderen Verantwortung Ihres Unternehmens bewusst. Wenn der Treibstoff des 20.Jahrhunderts fossile Brennstoffe waren, dann sind Daten und Nutzerprofile ganz sicher der des 21.Jahrhunderts. Man muss sich fragen, ob Wettbewerb im digitalen Zeitalter generell noch funktionieren kann, wenn Daten so umfangreich in der Hand einer Partei konzentriert sind.

Nur Diktaturen wollen gläserne Bürger

Es gibt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Ihnen, das mich beunruhigt. 2009 haben Sie gesagt: „Wenn es Dinge gibt, von denen Sie nicht wollen, dass irgendjemand etwas darüber erfährt, dann sollten Sie so etwas nicht tun.“ Noch beunruhigender ist nur der Satz von Mark Zuckerberg, den er auf dem Podium der Sun-Valley-Konferenz sagte, während Sie und ich im Publikum saßen. Jemand fragte, wie es Facebook mit der Speicherung von Daten und dem Schutz der Privatsphäre halte. Und Zuckerberg sagte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“

Immer wieder musste ich über diesen Satz nachdenken. Ich finde ihn schrecklich. Ich weiß, es ist sicher nicht so gemeint. Aber dahinter stehen eine Geisteshaltung und ein Menschenbild, das in totalitären Regimen, nicht aber in freiheitlichen Gesellschaften gepflegt wird. Einen solchen Satz könnte auch der Chef der Stasi oder eines anderen Geheimdienstes einer Diktatur sagen. Das Wesen der Freiheit ist doch gerade, dass ich nicht verpflichtet bin, all das preiszugeben, was ich tue, dass ich das Recht auf Diskretion und, ja, sogar Geheimnisse habe, dass ich selbst bestimmen kann, was ich von mir preisgebe. Das individuelle Recht darauf macht eine Demokratie aus. Nur Diktaturen wollen anstatt einer freien Presse den gläsernen Bürger.

Selbstunterwerfung kann nicht das letzte Wort sein

In Brüssel machen sich jetzt Beamte Gedanken, wie man durch eine Einschränkung der Cookie-Setzung und Speicherung (anhand deren man heute noch nachvollziehen kann, auf welche Website man etwa am 16.April 2006 um 10.10 Uhr geklickt hat) im Internet die totale Transparenz der Nutzer vermeiden kann, um damit Verbraucherrechte zu stärken. Wie diese Regelung genau ausfällt, wissen wir noch nicht, ob sie mehr Gutes als Schlechtes bewirkt, auch nicht. Eines aber steht jetzt schon fest: Käme Sie, gäbe es einen Gewinner: Google. Denn Google gilt in Expertenkreisen als absolut führend in der Entwicklung von Technologien, die die Bewegungen und Gewohnheiten der Nutzer dokumentieren, ohne Cookies zu setzen.

Auch was das Brüsseler Kartellverfahren zum Thema Fair Search betrifft, hat Google vorgesorgt. Man geht zwar davon aus, dass das Ganze im Sinne Googles entschieden wird. Aber falls nicht, wäre man auch abgesichert. Zugeständnisse und in langwierigen Prozessen abgetrotzte Einschränkungen, die auf europäische Google-Domains beschränkt sind, wären schon bei der Einigung wirkungslos, weil Google mit Android oder Chrome willkürlich festlegen könnte, die Suche nicht mehr auf einer Internetadresse, sondern in einer App auszuführen. Damit könnte sich Google sämtlicher Zusagen, die heute immer noch an Suchen auf den Google-Domains wie google.de gebunden sind, entziehen.

Wird die Europa-Politik einknicken oder aufwachen? So wichtig waren die Institutionen in Brüssel noch nie. Zu entscheiden ist eine archaische Machtfrage. Gibt es die Chance für eine autonome digitale europäische Infrastruktur oder nicht? Es geht um Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Freiwillige Selbstunterwerfung kann nicht das letzte Wort der Alten Welt gewesen sein. Vielmehr könnte der Erfolgswillen der europäischen Digital-Ökonomie für die Europapolitik endlich zu dem werden, was die EU in den letzten Jahrzehnten so schmerzlich vermisst hat: ein emotionales Narrativ.

Überstaat im rechtsfreien Raum

16 Jahre Datenspeicherung und 16 Jahre Erfahrung von Zehntausenden IT-Entwicklern haben einen Wettbewerbsvorsprung erzeugt, der mit rein ökonomischen Mitteln nicht mehr einholbar ist. Seitdem Google „Nest“ gekauft hat, weiß Google noch genauer, was die Bürger in den eigenen vier Wänden tun. Und jetzt plant Google auch noch fahrerlose Autos, um langfristig auch der Autoindustrie von Toyota bis VW Konkurrenz zu machen. Dann weiß Google nicht nur, wohin wir mit unseren Autos fahren, sondern auch noch, womit wir uns beim Autofahren beschäftigen. Vergesst Big Brother – Google ist besser!

Vor diesem Hintergrund beunruhigt es mich sehr, dass Google – das gerade die Übernahme des Drohnen-Herstellers „Titan Aerospace“ gemeldet hat – seit einiger Zeit als Unterstützer geplanter riesiger Schiffe und schwimmender Arbeitswelten gilt, die auf offenem Meer, also in staatenlosem Gewässer, kreuzen und operieren können. Was ist der Grund für diese Entwicklung? Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um das beunruhigend zu finden, vor allem, wenn man den Worten des Google-Gründers und Großaktionärs Larry Page zuhört.

Er träumt von einem Ort ohne Datenschutzgesetze und ohne demokratische Verantwortung. „Es gibt eine Menge Dinge, die wir gern machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind“, verkündete Page schon 2013. „Weil es Gesetze gibt, die sie verbieten. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind. Wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden können, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“

Heißt das, Google plant für alle Fälle die Operation im rechtsfreien Raum, ohne lästige Kartellämter und Datenschutz? Eine Art Überstaat, der sein schwimmendes Reich ungestört an allen Nationalstaaten vorbeinavigiert?

Google könnte mit gutem Beispiel vorangehen

Bisher hießen die Sorgen: Was passiert, wenn Google seine absolut dominierende Marktmacht weiter ausbaut? Wird es noch weniger Wettbewerb geben? Wird die europäische Digital-Ökonomie gegenüber wenigen amerikanischen Superkonzernen noch weiter zurückgeworfen? Werden die Verbraucher noch transparenter, fremdbestimmter und von Dritten – sei es aus wirtschaftlichen oder politischen Interessen – noch weiter manipuliert? Und welchen Einfluss haben diese Faktoren auf unsere Gesellschaft?

Nach diesen beunruhigenden Nachrichten muss man sich fragen: Plant Google allen Ernstes den digitalen Suprastaat, in dem ein Konzern seinen Bürgern selbstverständlich nur Gutes und natürlich „nichts Böses“ tut? Bitte, lieber Eric, erklären Sie uns, warum unsere Interpretation von dem, was Larry Page sagt und tut, ein Missverständnis ist.

Ich weiß, dass die Probleme, die durch neue digitale Superautoritäten wie Amazon und Facebook entstanden sind, nicht Google allein lösen kann. Aber Google könnte – zum eigenen langfristigen Vorteil – mit gutem Beispiel vorangehen. Das Unternehmen könnte Transparenz schaffen, nicht nur, indem es Suchergebnisse nach klaren quantitativen Kriterien listet, sondern auch, indem es alle Algorithmus-Änderungen offen legt. Indem es IP-Adressen nicht speichert, Cookies nach jeder Sitzung automatisch löscht und Kundenverhalten nur dann speichert und nutzt, wenn dies ausdrücklich von Kunden gewünscht wird. Und indem es erklärt und belegt, was es mit seinen schwimmenden Konzernzentralen und Entwicklungslabors vorhat.

Der hohe Preis der Gratis-Kultur

Denn die Sorge vor der wachsenden Fremdbestimmung durch diese eine allesbestimmende Spinne im Netz treibt nicht irgendwelche analogen Dinosaurier um, die das Internet nicht verstanden und deshalb Angst vor allem Neuen haben. Es sind vielmehr die Digital Natives, und darunter die jüngsten und bestinformierten, die mit der immer vollständigeren Kontrolle durch Google ein wachsendes Problem haben.

Dazu gehört auch die Fiktion von der Gratis-Kultur. Im Internet, in der schönen bunten Google-Welt, scheint so vieles kostenlos: von Suchdienstleistungen bis zu journalistischen Verlagsangeboten. In Wahrheit zahlen wir mit unserem Verhalten. Mit der Berechenbarkeit und kommerziellen Verwertbarkeit unseres Verhaltens. Wer heute einen Autounfall hatte und das in einer E-Mail schreibt, kann morgen das Angebot eines Herstellers für einen Neuwagen auf sein Handy gesendet bekommen. Schrecklich praktisch.

Wer heute auf Websites über Bluthochdruck surft und über sein Fitnessarmband Jawbone automatisch seine notorische Bewegungsarmut verrät, kann übermorgen eine höhere Gesundheitsversicherungsprämie gewärtigen. Gar nicht praktisch. Nur schrecklich. Es könnte sein, dass es gar nicht mehr so lange dauert, bis immer mehr Menschen erkennen, dass die Währung des eigenen Verhaltens einen hohen Preis fordert: die Freiheit zur Selbstbestimmung. Und es deshalb besser und billiger ist, mit etwas ganz Altmodischem zu zahlen: einfach nur mit Geld.

Man kann sich auch zu Tode siegen

Google ist die weltmarktbeherrschende Großbank der Verhaltenswährung. Keiner kapitalisiert sein Wissen über uns so erfolgreich wie Google. Das ist eindrucksvoll und gefährlich.

Lieber Eric Schmidt, Sie brauchen meinen Rat nicht, und natürlich schreibe ich hier aus der Perspektive des Betroffenen. Ich bin Partei. Als Profiteur von Googles Traffic. Als Profiteur von Googles automatisierter Werbevermarktung. Und als potentielles Opfer von Googles Datenwissen und Marktmacht. Dennoch: Weniger ist manchmal mehr. Und man kann sich auch zu Tode siegen.

Monopole haben in der gesamten Wirtschaftsgeschichte langfristig nicht überlebt. Entweder sind sie an der Selbstzufriedenheit gescheitert, die der eigene Erfolg gebiert. Das ist im Falle Googles nicht wahrscheinlich. Oder sie sind durch Wettbewerb geschwächt worden. Das erscheint im Falle Googles kaum möglich. Oder aber sie sind durch politische Initiativen eingeschränkt worden. IBM und Microsoft sind die jüngsten Beispiele.

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Ein anderer Weg wäre die freiwillige Selbstbeschränkung des Siegers. Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert? Oder, noch schlimmer: bis die Bürger Ihnen die Gefolgschaft verweigern – solange sie noch können? Wir jedenfalls können es schon nicht mehr.

Herzlichst
Ihr Mathias Döpfner

Glosse

Stimmungsmache

Von Regina Mönch

Die Autorin Lamya Kaddor sagt, sie werde von Rechten bedroht und verfolgt. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen Kritik und Hass. Das aber sollte sie tun. Mehr 19 191

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