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Aktualisiert: 16.04.2014, 09:16 Uhr

Offener Brief an Eric Schmidt Warum wir Google fürchten


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Überstaat im rechtsfreien Raum

16 Jahre Datenspeicherung und 16 Jahre Erfahrung von Zehntausenden IT-Entwicklern haben einen Wettbewerbsvorsprung erzeugt, der mit rein ökonomischen Mitteln nicht mehr einholbar ist. Seitdem Google „Nest“ gekauft hat, weiß Google noch genauer, was die Bürger in den eigenen vier Wänden tun. Und jetzt plant Google auch noch fahrerlose Autos, um langfristig auch der Autoindustrie von Toyota bis VW Konkurrenz zu machen. Dann weiß Google nicht nur, wohin wir mit unseren Autos fahren, sondern auch noch, womit wir uns beim Autofahren beschäftigen. Vergesst Big Brother – Google ist besser!

Vor diesem Hintergrund beunruhigt es mich sehr, dass Google – das gerade die Übernahme des Drohnen-Herstellers „Titan Aerospace“ gemeldet hat – seit einiger Zeit als Unterstützer geplanter riesiger Schiffe und schwimmender Arbeitswelten gilt, die auf offenem Meer, also in staatenlosem Gewässer, kreuzen und operieren können. Was ist der Grund für diese Entwicklung? Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um das beunruhigend zu finden, vor allem, wenn man den Worten des Google-Gründers und Großaktionärs Larry Page zuhört.

Er träumt von einem Ort ohne Datenschutzgesetze und ohne demokratische Verantwortung. „Es gibt eine Menge Dinge, die wir gern machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind“, verkündete Page schon 2013. „Weil es Gesetze gibt, die sie verbieten. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind. Wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden können, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“

Heißt das, Google plant für alle Fälle die Operation im rechtsfreien Raum, ohne lästige Kartellämter und Datenschutz? Eine Art Überstaat, der sein schwimmendes Reich ungestört an allen Nationalstaaten vorbeinavigiert?

Google könnte mit gutem Beispiel vorangehen

Bisher hießen die Sorgen: Was passiert, wenn Google seine absolut dominierende Marktmacht weiter ausbaut? Wird es noch weniger Wettbewerb geben? Wird die europäische Digital-Ökonomie gegenüber wenigen amerikanischen Superkonzernen noch weiter zurückgeworfen? Werden die Verbraucher noch transparenter, fremdbestimmter und von Dritten – sei es aus wirtschaftlichen oder politischen Interessen – noch weiter manipuliert? Und welchen Einfluss haben diese Faktoren auf unsere Gesellschaft?

Nach diesen beunruhigenden Nachrichten muss man sich fragen: Plant Google allen Ernstes den digitalen Suprastaat, in dem ein Konzern seinen Bürgern selbstverständlich nur Gutes und natürlich „nichts Böses“ tut? Bitte, lieber Eric, erklären Sie uns, warum unsere Interpretation von dem, was Larry Page sagt und tut, ein Missverständnis ist.

Ich weiß, dass die Probleme, die durch neue digitale Superautoritäten wie Amazon und Facebook entstanden sind, nicht Google allein lösen kann. Aber Google könnte – zum eigenen langfristigen Vorteil – mit gutem Beispiel vorangehen. Das Unternehmen könnte Transparenz schaffen, nicht nur, indem es Suchergebnisse nach klaren quantitativen Kriterien listet, sondern auch, indem es alle Algorithmus-Änderungen offen legt. Indem es IP-Adressen nicht speichert, Cookies nach jeder Sitzung automatisch löscht und Kundenverhalten nur dann speichert und nutzt, wenn dies ausdrücklich von Kunden gewünscht wird. Und indem es erklärt und belegt, was es mit seinen schwimmenden Konzernzentralen und Entwicklungslabors vorhat.

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