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Offener Brief an Eric Schmidt : Warum wir Google fürchten

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Dies gilt auch für den großen und noch problematischeren Komplex der Datensicherheit und Datenverwertung. Seit Snowden die NSA-Affäre ausgelöst hat, seitdem sich die engen Beziehungen zwischen großen amerikanischen Online-Unternehmen und amerikanischen Geheimdiensten herumgesprochen haben, hat sich das gesellschaftliche Klima – zumindest in Europa – grundlegend geändert. Die Menschen sind sensibler geworden dafür, was mit ihren Nutzerdaten geschieht.

Keiner weiß so viel über seine Kunden wie Google. Selbst private oder geschäftliche E-Mails werden von Gmail mitgelesen und können bei Bedarf ausgewertet werden. Sie selbst haben 2010 gesagt: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst.“ Das ist ein bemerkenswert ehrlicher Satz. Die Frage ist nur: Wollen die Nutzer das, wenn diese Informationen nicht nur für kommerzielle Zwecke benutzt werden – was zwar viele Vorteile hat, aber auch schon einige gruselige Schattenseiten –, sondern auch in die Hände von Geheimdiensten gelangen können und zum Teil schon gelangt sind?

Der Treibstoff des 21. Jahrhunderts

Ich habe in dem Buch „The Naked Future – What happens in a world that anticipates your every move?“ von Patrick Tucker – dem Buch, dessen Zukunftsvision Googles Chefdenker Vint Cerf für „unentrinnbar“ hält –, eine Szene gelesen, die sich wie Science-Fiction anhört, aber nicht ist: Stellen Sie sich vor, schreibt der Autor sinngemäß, Sie wachen eines Tages auf, lesen auf Ihrem Handy „Guten Morgen! Nach der Arbeit wirst du zufällig deiner Ex-Freundin Vanessa begegnen, und sie wird dir von ihrer Verlobung am nächsten Sonntag erzählen. Tu so, als seist du überrascht. Denn Vanessa hat es noch niemandem erzählt. Aber vergiss nicht, ihr am Sonntag einen Blumenstrauß zu schicken.“

Nehmen wir an, Sie wundern sich kurz, woher Ihr Handy das weiß oder ob das ein Scherz ist, und ignorieren die Nachricht fürs Erste. Am Abend dann laufen Sie Vanessa tatsächlich über den Weg. In vager Erinnerung an die SMS Ihres Telefons gratulieren Sie zur Verlobung. Vanessa ist alarmiert. „Woher weißt du davon?“, fragt sie. „Hast du es nicht auf Facebook gepostet?“, stottern Sie verlegen. „Noch nicht“, sagt Vanessa und sucht schnell das Weite. Die Blumen brauchen Sie nicht mehr zu schicken.

Google durchsucht mehr als eine halbe Milliarde Internetadressen. Google weiß über jeden digital aktiven Bürger mehr, als sich George Orwell in seinen kühnsten Visionen in „1984“ je vorzustellen wagte. Google sitzt auf dem gesamten gegenwärtigen Datenschatz der Menschheit wie der Riese Fafner im „Ring des Nibelungen“: „Hier lieg’ ich und besitz’.“ Ich hoffe, Sie sind sich der besonderen Verantwortung Ihres Unternehmens bewusst. Wenn der Treibstoff des 20.Jahrhunderts fossile Brennstoffe waren, dann sind Daten und Nutzerprofile ganz sicher der des 21.Jahrhunderts. Man muss sich fragen, ob Wettbewerb im digitalen Zeitalter generell noch funktionieren kann, wenn Daten so umfangreich in der Hand einer Partei konzentriert sind.

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