http://www.faz.net/-gqz-7ofqv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 16.04.2014, 09:16 Uhr

Offener Brief an Eric Schmidt Warum wir Google fürchten


Seite     1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8   |  Artikel auf einer Seite

EU-behördlich sanktionierte Einführung von Schutzgeld

Doch diese fairen Kriterien sind nicht gegeben. Google listet eigene Produkte, vom E-Commerce bis hin zu den Seiten aus dem eigenen Google+-Netzwerk, besser als Wettbewerber, selbst wenn diese für den Verbraucher teilweise minderwertig sind und gemäß des Google-Algorithmus nicht erscheinen würden. Der Nutzer wird noch nicht einmal deutlich darauf hingewiesen, dass es sich bei diesen Suchergebnissen um Selbstwerbung handelt. Auch wenn ein Angebot von Google weniger Besucher hat als das eines Wettbewerbers, erscheint es weiter oben, bis es irgendwann auch mehr Besucher hat.

Das nennt man Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Und jeder hat erwartet, dass das europäische Kartellamt diese Praxis untersagt. Danach sieht es nicht aus. Vielmehr schlägt der Wettbewerbskommissar einen „Vergleich“ vor, der jedem, der die Sache ein bisschen durchschaut, die Sprache verschlägt. Eric, in Ihrem Artikel sprechen Sie von einem Kompromiss, den Sie mit der EU-Kommission gesucht hätten. Gefunden haben Sie, wenn die Kommission den vorliegenden Vorschlag so beschließt, ein zusätzliches Werbegeld-Beschaffungsmodell für Google. Das wären keine „schmerzlichen Zugeständnisse“, sondern Zusatzerlöse.

Die Kommission schlägt allen Ernstes vor, dass die infrastrukturbeherrschende Suchmaschine Google weiterhin Wettbewerber in der erfolgsentscheidenden Plazierung von Suchergebnissen diskriminieren darf. Zum Ausgleich aber – und jetzt kommt es – würde ein neues Werbefenster zu Beginn der Suchliste eingerichtet, in dem die diskriminierten Unternehmen sich einen Listenplatz kaufen könnten. Das ist kein Kompromiss. Das ist die EU-behördlich sanktionierte Einführung jenes Geschäftsmodells, das man in weniger ehrenwerten Kreisen Schutzgeld nennt. Nach dem Motto: Wenn du willst, dass wir dich nicht umbringen, musst du bezahlen.

Wissen, was wir gerade denken

Sie wissen sehr genau, dass dies eine langfristige Diskriminierung und Schwächung jeglichen Wettbewerbs bedeuten würde. Dass Google so seine Marktübermacht noch weiter ausbauen würde. Und dass dies vor allem die europäische Digital-Ökonomie noch weiter schwächen würde. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es das war, was Sie mit Kompromiss gemeint haben. Aber dies ist kein Vorwurf, den ich Ihnen und Google mache.

Sie als Vertreter des Unternehmens dürfen und müssen Ihre Interessen vertreten. Der Vorwurf geht an die Europäische Wettbewerbskommission. Kommissar Almunia sollte noch einmal darüber nachdenken, ob es so klug ist, als quasi letzte Amtshandlung das zu fabrizieren, was als Sargnagel der ohnehin etwas sklerotischen europäischen Internet-Ökonomie in die Geschichte eingehen würde. Vor allem aber wäre es ein Verrat am Verbraucher, der nicht mehr das für ihn Wichtigste und Beste findet, sondern das für Google Profitabelste – am Ende ein Verrat an der Grundidee Googles.

Vorherige Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Von Hannes Hintermeier

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn. Mehr 0