Martin Walser gehört zur ersten Fernsehgeneration der deutschen Literatur, mehr noch: Er repräsentiert sie. Nicht einmal Günter Grass kommt ihm da gleich, war und ist mediale Präsenz für ihn doch in allererster Linie eine Plattform für das Bekunden gefestigter Gewissheiten. Für Walser war und ist sie ungleich mehr: eine Probebühne und zugleich die Spiegelfläche seiner schriftstellerischen Existenz.
Gleich zu Beginn seiner neunzigminütigen Dokumentation lässt der Autor Frank Hertweck auf der Tonspur eine Sprecherin behaupten, der von ihm Porträtierte sei „der meistfotografierte und meistgefilmte Schriftsteller in Deutschland“. Hertweck, Literaturredakteur im SWR-Fernsehen, wird wissen, was er da sagt. Denn er hat für seinen Film aus Anlass von Walsers fünfundachtzigstem Geburtstag am 24. März in den vergangenen Monaten die Archive von ARD und ZDF gesichtet und dabei Material in Hülle und Fülle gefunden.
Im Kern ist dieses Porträt also eine Collage von Walsers Fernsehauftritten während der vergangenen fünfeinhalb Jahrzehnte. Sie hat erheblichen biographischen Reiz, ist bisweilen so herrlich wie unfreiwillig komisch und verrät inklusive der wechselnden Brillenmoden viel über den jeweiligen Zeitgeist.
Walsers frühe Fernsehjahre
Vor allem aber ist der Film so etwas wie das erste Real-Kapitel zu einer noch imaginären Mediengeschichte der deutschen Nachkriegsliteratur. In dieser Mediengeschichte kommt Martin Walser in der Tat die Schlüsselrolle zu.
Vom Ende der vierziger Jahre an, noch während seines Studiums in Tübingen und des Entstehens seiner Dissertation über Franz Kafka, war er regelmäßig Mitarbeiter im damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Für das Radio zog er als Reporter durch die Lande, schrieb und inszenierte selbst erste Hörspiele.
Noch mehr lockte das ganz neue Medium Fernsehen: Features, Dokumentationen, Fernsehfilme. Der Intendant Fritz Eberhard offerierte dem Junggenie vom Bodensee alsbald einen öffentlich-rechtlichen Posten: Stellvertretender Fernsehdirektor des Südfunks hätte er werden können. Walser, der gerade eine Familie gründete und dringend Geld brauchte, lehnte gleichwohl ab.
Er wollte freier Schriftsteller werden und sein. Dass er es ohnehin besser könne als die meisten jener Autoren, die er als Berichterstatter bei der „Gruppe 47“ hatte lesen hören, duldete für ihn keinen Zweifel. Spätestens 1957, als sich mit dem Romanerstling „Ehen in Philippsburg“ auch ein erster größerer Erfolg einstellte, wechselte er für immer die Seiten. Aus dem Interviewer wurde ein Interviewter. Seine mediale Professionalität kam ihm gerade in der neuen Rolle sehr zugute.
Die Hassliebe zum Medium
Mehr oder weniger virtuos spielte er über die Jahrzehnte hinweg etwa mit dem höchst ambivalenten Grundgefühl, das er mit vielen und gerade den talentierten Fernsehleuten teilt: Sie hassen ihr Medium aus Überzeugung, wollen und können indes nicht von ihm lassen, weil sie es ob seiner Wirkungsmacht eben auch innig lieben.
So sicher und verlässlich, wie Walser seit Mitte der fünfziger Jahre Essay um Essay, Roman um Roman, Buch um Buch folgen ließ, so entschieden und folgenlos verkündete er deshalb in regelmäßigen Abständen, fortan medial nicht mehr zur Verfügung zu stehen: keine Statements zu Tagesfragen mehr, keinerlei Teilnahme mehr an Talkshows und schon gar keine Interviews vor Kameras.
Diese Abstinenzgelübde waren jeweils Folge von aktuellen Ekelanfällen gegen die Dauer- und Lieblingsfeinde aus Journalismus und Literaturkritik. „Meinungssoldaten mit vorgehaltener Moralpistole“ nennt er sie (auch) in den achtziger Jahren einmal und fügt, natürlich in öffentlicher Rede, hinzu: „Sie haben es immerhin so weit gebracht, dass Schriftsteller nicht mehr gelesen werden müssen, sondern nur noch interviewt.“ Sein nächstes Interview war da mit Sicherheit längst verabredet.
Solche Widersprüchlichkeit hat nur wenig mit den wechselnden Launen des Individuums Walser zu tun, sie ist vielmehr ein letztlich produktives Ferment des literarischen Lebens im Medien-, zumal im Fernsehzeitalter. Sie gehört ganz elementar zum großen Spiel.
Frank Hertweck gruppiert, komponiert und konzentriert sein immenses Archivmaterial um einige Leitthemen aus Walsers Schreib-, Rede- und Bürgerleben. „Was ist Heimat?“, „Warum schreiben Sie überhaupt?“, „Was ist ein gesellschaftskritischer Autor?“: so etwa lauten sie. Dazu Antworten, Stellungnahmen des Befragten vom Jünglingsalter bis zur unmittelbaren Gegenwart: erstaunlich konstante Positionen über die Zeiten hinweg, aber auch Ergänzungen, Rücknahmen und Revisionen.
Reich-Ranicki, Deutschland, Holocaust
Gekonnt, also in erster Linie fair, montiert der Film die zahlreichen Ausschnitte zum Verhältnis zwischen Martin Walser und seinem Kritikerpendant wie Kontrahenten Marcel Reich-Ranicki: Das Werten und Bewerten stellt Hertweck dann den Zuschauern anheim.
Walsers Zeitgenossenschaft wird nirgendwo deutlicher und emphatischer als bei der Frage nach der Wiedervereinigung des geteilten Deutschland - und bei den immer neuen Zugängen zum Zentralthema des Völkermords an den Juden Europas. In beiden Fällen entsteht hier aus der Collage der Bilder und Sätze ein singuläres Dokument darüber, wie ein deutscher Autor und Intellektueller namens Martin Walser - trotz eventuell temporärer Irrtümer und missverständlicher Formulierungen - aufs Ganze gesehen überaus erhellend, damit im besten Sinn aufklärend geschrieben und öffentlich geredet hat.
Wohl aus den späten sechziger Jahren stammend, stellt Hertweck darüber hinaus einen Ausschnitt vor, der im heutigen Fernsehen so nicht mehr denkbar erscheint: Über viele Minuten hinweg liest ein Sprecher direkt in die Kamera hinein Passage um Passage aus Walsers Essay „Unser Auschwitz“ vor, dessen Druckfassung erstmals 1965 und in der ersten Nummer von Hans Magnus Enzensbergers „Kursbuch“ erschien. In solchen Augenblicken wird Repräsentanz evident.
Quantität ist Qualität
Einen fleißigeren Autor als Martin Walser kennt die gegenwärtige Literatur wohl kaum. In seinem Zehntausende Seiten umfassenden Werk ist auch die schiere Quantität eine Qualität. Natürlich gibt es neben den Gipfeln dieses Werks - ebendem Auschwitz-Essay, der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978), der Sammlung „Über Deutschland reden“ (1988) oder dem Roman „Ein springender Brunnen“ (1998) - weniger Geglücktes und Gelungenes. Das eigentliche Zeugnis von Walsers öffentlicher Existenz aber ist die Dauerhaftigkeit seines Schreibens, des täglichen Formulierens selbst. Dem entspricht - und dies wird ergänzt durch mediale Dauerpräsenz.
„Ein Leben für Alle und Keinen“ nennt Hertweck seine Dokumentation. Der Titel mag der lakonisch sammelnden Collage angemessen sein, ihrem Ertrag ist er es nicht. Martin Walser hat ein Leben für sich gelebt, das darüber auch ein Leben für uns wurde. So wird es auch nach dem fünfundachtzigsten Geburtstag bleiben.
Den heiteren Rahmen von Hertwecks stupendem Film bildet das literarische Wunschkonzert, das vor kurzem im Stuttgarter Literaturhaus stattfand. Assistiert von Thea Dorn, las Walser auf Zuruf des Publikums spontan jeweils kurze Abschnitte aus den gesammelten Werken. „Das muss man auf sich nehmen, dass man das alles geschrieben hat“, sagte er beiläufig dazu in Hertwecks Mikrofon. Eine Last schien es nicht.