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Veröffentlicht: 17.03.2017, 18:02 Uhr

„Marthaler“-Krimi bei Arte Der freundliche Politiker, der keine Skrupel kannte

Wenn Kommissar Marthaler in Frankfurt ermittelt, hat das immer etwas von Film Noir. Doch bringt der gestresste Ermittler natürlich trotzdem Licht in eine Verschwörung. Die reicht bis in höchste hessische Kreise.

von Matthias Hannemann
© © ZDF/Daniela Incoronato Safer Sex: Schwer gesichert und bewaffnet lässt Marthaler (Matthias Koeberlin, Mitte) im Sterntaler-Erotikclub eine Razzia vornehmen.

Der Film ist jemandem auf der Spur. Das spürt man sofort, als die Kamera von den nachtschwarzen Wellen des Mains zu den Lichtern der Hochhäuser aufblickt und dann Schattengestalten hinter einem Baustellenzaun zeigt. Die Einstellungen mit ihren harten Kontrasten, erinnern an den „Film noir“. Später zeigen Sie eine Frau, die in ein dunkles Hotelzimmer eilt, ihr Gesicht am Fenster wird nur von den Leuchtreklamen des Rotlichtviertels erhellt; einen solch panischen Schrei wie den ihren hat man lang nicht gehört. Auch der hagere Mann, der einen Tag nach dem Mord an der Frau auf die Tischglocke der Rezeption des Hotels schlägt, wirkt in seinem Mantel wie eine Filmgestalt aus den farblosen, stilbewussteren Jahren des Kinos. Eine schaurige Figur.

Es handelt sich um Axel Rotteck (André Hennicke), Mitarbeiter des Landeskriminalamts in Hessen. Kommissar Marthaler (Matthias Koeberlin) kann ihn nicht leiden. Er war vor Rotteck am Tatort und hat längst in Erfahrung gebracht, dass die Dame bar und im Voraus bezahlte und der Meldeschein leer blieb.

Haben Landespolitiker Finger im Spiel?

Rotteck aber sagt, das sei jetzt sein Tatort. „Und Abgang, zack zack“. Robert Marthaler, hundemüder Held des fünften Marthaler-Filmes „Die Sterntaler-Verschwörung“, hat sich dem LKA-Mann zu fügen, sein Kollege Carlos Sabato muss die am Tatort gesammelten Spuren abliefern, und die Mordkommission Frankfurt soll über das Gesehene Stillschweigen bewahren – Anweisung von ganz oben.

Im kleinen Kreis, zusammengepfercht in Marthalers Wagen, mit dem das Team zum Fundort einer weiteren Leiche zuckelt, zerreißt man sich trotzdem den Mund. Die entscheidende Frage lautet: „Wie hat das LKA in Wiesbaden so schnell erfahren, dass in einem Frankfurter Hotel eine Leiche liegt?“

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Einen Schlossbesuch später kommt eine weitere heikle Frage hinzu: Hat sich der hessische Landtagsabgeordnete Baron Freiherr von Münzenberg (Hans Peter Hallwachs), der tot in der freistehenden Badewanne seines Anwesens aufgefunden wurde, wirklich selbst ins Jenseits befördert? Für einen Selbstmord gäbe es womöglich triftige Gründe. Aber der Freiherr bewegte sich eben auch in einem politischen Umfeld, in dem die entscheidenden Köpfe im Bedarfsfall wenig Skrupel kennen. „Wenn Sie mich fragen, der geht über Leichen“, sagt etwa Marthalers neue Kollegin Sarah Jonas (Alice Dwyer) nach der Begegnung mit Münzenbergs Fraktionsvorsitzenden. Marthaler erwidert, der Mann sei doch „ausgesprochen freundlich“ gewesen. Darauf Sarah: „Dann geht er ausgesprochen freundlich über Leichen.“

Anspielungen der Romanvorlage fehlen

Spätestens durch dieses Zaunpfahlgewedel hat nun auch der Letzte verstanden, dass der Fall eine politische Dimension hat. Von den frechen Anspielungen der Romanvorlage allerdings, in der der Autor Jan Seghers unter seinem Pseudonym Matthias Altenburg die fiktive Handlung vor dem Hintergrund der turbulenten Landtagswahlen 2008 in Hessen entfaltete, ist im Drehbuch von Kai-Uwe Hasenheit und Lancelot von Naso nicht mehr viel übrig.

Ein neunzigminütiger Film habe nicht die Möglichkeiten eines 500-Seiten Roman, sagt Naso, man wollte möglichst eng aus Marthalers Warte erzählen, und außerdem seien die damaligen Ereignisse, die gescheiterten Verhandlungen zur Regierungsbildung sowie die Auflösung des Landtages im November 2008, vielen Zuschauern kein Begriff mehr. Sie klingen einmal kurz an, doch der Film spielt im Hessen der Gegenwart. Oder irgendwo dazwischen.

Züli Aladag aber hat der Krimi-Verfilmung gut getan. Der Regisseur, der zuletzt einen Teil der NSU-Trilogie „Mitten in Deutschland“ übernahm, weiß alle Register zu ziehen. Sein Marthaler-Film „Die Sterntaler-Verschwörung“ verliert selbst in den Passagen, die das Privatleben des Kommissars weitererzählen, nicht an Atmosphäre und Tempo. Über achtzig Minuten unterscheidet er sich von gewöhnlichen Fernsehkrimis durch einen ausgeprägten Willen zur Gestaltung sowie die durchweg unheimliche, die Protagonisten wie ein mächtiger aufgewühlter Fluss durch die Handlung treibende Musikspur von Oliver Thiede. Selbst eine Schießerei cineastischen Kalibers wird dank Aladag geboten.

Dass nicht die vollen neunzig Minuten tragen, liegt an einer überraschend uninspirierten, die Dinge ruckartig zusammenraffenden Szene gegen Ende, die den gekonnten Abgang verpatzt. Hier wirkt Koeberlins Marthaler arg überdreht, redet viel zu lang und scheint plötzlich fast etwas deplatziert. Der ambitionierten „Sterntaler-Verschwörung“ fehlt damit leider ein würdiger Schluss. Aber das macht nichts. Die Luft die es in diesem Fall noch nach oben gibt, weckt die Vorfreude auf den kommenden Marthaler-Fall.

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