Home
http://www.faz.net/-gqz-7bann
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Markenchecks“ im Ersten Testprobiert und abgehakt

Die „Markenchecks“ im Ersten sind zwar beim Publikum beliebt, provozieren aber auch Kritik, weil sie sich die Verbraucheraufklärung ziemlich einfach machen.

© WDR Rewe legte eine Beschwerde gegen den „Edeka/Rewe-Check“ ein

Als das Erste Mitte Juni die neue Staffel seiner „Markenchecks“ begann, glich das einem wahren Expertenexzess: In 45 Minuten kamen ein Materialprüfer von der Versuchs- und Prüfanstalt, ein Sachverständiger der Maler- und Lackiererinnung, ein Gutachter der Landwirtschaftskammer, ein Sachverständiger für Garten- und Landschaftsbau, ein Elektriker, ein Experte der Innung Sanitär- und Heizungstechnik Rhein-Erft, ein Holzforscher, ein Universitätsprofessor mit dem Fachgebiet Moorlandschaften und eine lettische Naturschützerin zu Wort. Am Ende des „Bauhaus-Obi-Checks“ wussten die Zuschauer: Billiges Werkzeug aus dem Baumarkt ist schlechter als teures, die Beratung ist mal so, mal so, beim Fachhändler gibt’s auch gute Preise - und der Ökofaktor der großen Ketten ist „ausbaufähig“.

Nirgendwo sonst im deutschen Fernsehen wird mit so großem Aufwand an so kleinen Erkenntnisgewinnen gearbeitet. Die „Markenchecks“ erfreuen sich dennoch großer Beliebtheit - zumindest beim Publikum. Zweimal im Jahr produziert die Redaktion von Detlef Flintz derzeit neue Folgen. Zuletzt lief schon der zweite „Aldi-Check“, der mit 4,62 Millionen Zuschauer die meistgesehene Sendung des Tages war.

2011 erfand der WDR-Journalist die Reihe fürs Dritte Programm und wählte den Anglizismus „Check“, weil ein klassischer „Test“ im Zweifelsfall juristischen Kriterien genügen müsste. Nach dem Wechsel ins Erste sorgte die Reihe zunehmend für Verstimmung - bei den „gecheckten“ Unternehmen. Der Reiseveranstalter TUI erklärte nach der Ausstrahlung des „TUI-Checks“ im Januar, man sei „schockiert über die Art und Weise, wie dieser Beitrag gestaltet wurde“. Die Supermarktkette Rewe legte eine Beschwerde gegen den „Edeka/Rewe-Check“ ein, die derzeit im Schneckentempo durch die Sendergremien gereicht wird. Auf einem Kongress machte der Pressechef von Coca-Cola Deutschland im Frühjahr seinem Ärger über den „Coca-Cola Check“ Luft.

Fast alle „Markenchecks“ sind identisch aufgebaut

Die Unternehmen beklagen, ihre Positionen zu kritischen Themen würden stark verkürzt dargestellt oder durch den Schnitt in einen falschen Zusammenhang gerückt. Sie vermuten, es gebe ein fertiges „Drehbuch“ zur Sendung, bevor das Team zu Aufnahmen vorbeikomme. Über Pressemitteilungen und soziale Netzwerke schaffen die Firmen Gegenöffentlichkeit.

Flintz hält dagegen: „Wir versuchen, mit einer freundlich-positiven Stimmung in jede neue Sendung einzusteigen - aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir den Unternehmen kritisch auf die Finger schauen wollen.“ Die Vermutung, in der Redaktion stehe das Fazit von Anfang an fest, weist er zurück: „Wir gehen völlig ergebnisoffen an eine Recherche heran. Es gibt keine festen Thesen im Vorfeld.“

Dass sie vor einem Millionenpublikum zur Hauptsendezeit im deutschen Fernsehen angegangen werden, ist für viele Firmen ungewohnt. Vielleicht sind die Empfindlichkeiten deshalb so groß. Richtig ist aber auch, dass fast alle „Markenchecks“ identisch aufgebaut sind. Anfangs wird über Geschmäcker, Preise, Image und Werbewirkung geredet - am Ende katapultiert der „Markencheck“ seine Zuschauer aus der Fußgängerzone in Entwicklungsländer, wo die Redaktion Dumpinglöhne und miese Arbeitsbedingungen bei Zulieferfirmen anprangert, die auf das Unternehmen zurückfallen. Gewerkschafter und Umweltaktivisten bestätigen die Zustände. Als Masche mag Flintz den Ablauf aber nicht verstanden wissen: „Wir wollen nicht krampfhaft im Dreck wühlen. Das Problem ist eher, dass viele große Markenhersteller, was das Thema soziale und ökologische Rahmenbedingungen angeht, Nachbesserungsbedarf haben.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fusion Edeka und Tengelmann Monopolkommission lehnt Supermarkthochzeit ab

Der Zusammenschluss der Supermarktketten Edeka und Tengelmann droht endgültig zu scheitern. Die Monopolkommission ist gegen eine Sondergenehmigung. Mehr Von Helmut Bünder, Bonn

03.08.2015, 10:39 Uhr | Wirtschaft
Nassrasierer im Test Klingen auf Knopfdruck

Wer sich nass rasiert, kennt das Problem. Es zerrt und zieht am Bart, die Klingen sind stumpf. Nachschub ist nicht da, weil man immer nur morgens dran denkt. Gillette versucht hier nun zu helfen. Mehr

23.02.2015, 15:10 Uhr | Technik-Motor
Neue Masche bei Discountern Preiskampf mit Jack Daniel’s

Aldi wirbt mit Kampfpreisen um Kunden. So weit, so bekannt. Doch seit kurzem reduziert der Discounter vor allem Markenware. Das bleibt Konkurrent Lidl nicht verborgen. Mehr Von Florentin Schumacher, Rhein-Main

21.07.2015, 11:58 Uhr | Rhein-Main
Videografik Der Panama-Kanal wird geflutet

Am erweiterten Panamakanal haben die ersten Tests für die in zehn Monaten geplante Eröffnung begonnen: Ein Kanalabschnitt an der Atlantikküste wurde geflutet. Die für den Welthandel wichtige Wasserstraße zwischen Pazifik und Atlantik wird ausgebaut, weil sie in der alten Form an ihre Grenzen gestoßen ist. 14.000 Schiffe durchqueren den Kanal pro Jahr. Mehr

12.06.2015, 12:12 Uhr | Wirtschaft
Griechische Börse Tipps für die Wiedereröffnung

Die griechische Börse ist zu, die Aussichten eher trübe. Wagemutige bereiten sich aber schon auf die Wiedereröffnung vor - mit einigen heißen Tipps. Mehr Von Martin Hock

22.07.2015, 14:12 Uhr | Finanzen

Veröffentlicht: 16.07.2013, 20:18 Uhr

Glosse

Kampfansage mit Kultur

Von Jürg Altwegg

Paris rüstet sich mit der Attraktivität seiner Kulturinstitutionen für den europäischen Metropolenvergleich. Wer so gute Zahlen vorlegen kann, dürfte bei der Olympia-Bewerbung kaum zu schlagen sein. Mehr 1