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Zuckerbergs Medienoffensive : Facebook will das Internet für sich allein

Er will, dass sich alle nur noch über Facebook informieren: Mark Zuckerberg Bild: Picture-Alliance

Zeitungsredakteure sollen exklusiv für Mark Zuckerbergs Netzwerk Artikel schreiben. Er gewinnt für Facebook Leser, die der Presse verlorengehen. Wieso lassen sich Medien darauf ein?

          Es ist eine Orgie der Innovation, aber auch eine Zeremonie der Hightech-Macht: die alljährliche Facebook-Entwicklerkonferenz. Wie vor ihm nur Steve Jobs, zelebriert der dreißig Jahre alte Milliardär und Unternehmensgründer Mark Zuckerberg Zahlen und Strategien seiner Plattform. Doch noch nie wurde so klar wie in diesem Jahr: Der Mann will nicht nur die Großmacht im Internet sein, er will, dass Facebook das Internet ersetzt.

          Für viele ist es schon jetzt die erste Adresse im Netz: Wenn sie morgens aufwachen und ihr Smartphone zur Hand nehmen, wenn sie tagsüber irgendwo warten oder bevor sie abends im Bett die Augen schließen. Mehr als 1,4 Milliarden Menschen nutzen das soziale Netzwerk, siebenhundert Millionen die Quassel-Box WhatsApp, sechshundert Millionen die Mobil-Anwendung Messenger und dreihundert Millionen das gigantische Bilderbuch Instagram, allesamt zu Facebook gehörend.

          In Zukunft werden sich Facebook-Nutzer nicht nur in multimedialer Schönheit miteinander austauschen oder sich mit ihren Facebook-Daten bei nahezu allen wichtigen Apps anmelden können. Facebook will Bank werden, Einkaufsmeile, Fundament für das Internet der Dinge und nebenbei das perfekte Werbenetzwerk, kurzum das Rückgrat der Informationsgesellschaft.

          Information nur noch über Facebook

          Dafür will Facebook auch noch zur globalen Medienplattform werden, zum perfekten Unterhaltungszentrum und zum Informationsdienst schlechthin - News-App, aktuelle Website, Videodienst und moderne Zeitung in einem. Schon heute nutzt ein Drittel der Amerikaner Facebook auch als News-Dienst, künftig sollen sich immer größere Teile der Welt mit dessen Hilfe über die Ereignisse des Tages informieren - nach den ganz eigenen Facebook-Regeln. Was wertvoll erscheint, bestimmen allein Facebook und seine Nutzer.

          Doch was bedeutet diese Art der Informationsgebung? Wer nicht selbst einen Nachrichten-Strang abonniert hat - etwa den dieser Zeitung -, der erhält in seinem Newsfeed, wie die meisten Nutzer, nur die Artikel, die Freunde empfohlen haben. Das mögen persönlich durchaus berührende und relevante Stücke sein, die auf diese Weise in die persönliche Sphäre des Netzwerkes hineinwehen. Mit gründlicher Information über das Tagesgeschehen hat das aber nichts zu tun.

          Nun will Zuckerberg das Medienerlebnis auf seiner Plattform dramatisch verbessern. Er hat erste Gespräche mit großen amerikanischen Medienunternehmen aufgenommen. Schon bisher haben Facebook-Nutzer eifrig die Artikel großer Websites empfohlen oder geteilt und auf diese Weise in die Newsfeeds ihrer Freunde expediert. Jetzt sollen die besten Redaktionen der Welt, darunter die „New York Times“, direkt für Facebook Artikel produzieren.

          War es bisher so, dass auf Facebook nur Überschriften und Bilder erschienen, die auf die Texte der Medienseiten verlinkten, der Facebook-Nutzer also zur „New York Times“ wanderte, wird künftig die Redaktion zum Artikel-Zulieferer von Facebook - ohne eigene Homepage. Das ist für den Facebook-Nutzer bequem. Statt eine neue Seite aufrufen zu müssen, was in der mobilen Anwendung lästige Sekunden Wartezeit bedeutet, sind die Artikel in der Plattform embedded und sofort abrufbar.

          Für Verlage ein Verhängnis

          Für die Verlage dagegen ist das eine verhängnisvolle Umarmung. Natürlich wollen Redaktionen so nahe wie möglich bei ihren Lesern sein. Deswegen arbeiten sie emsig an der digitalen Distribution - über mobile Kanäle, soziale Netzwerke, in Zukunft Smartwatches. Doch irgendwo muss am Ende auch Umsatz anfallen, sonst kann keine Qualität entstehen. Den Hauptumsatz machen Verlage immer noch mit ihren gedruckten Produkten. Digitale Werbeerlöse auf den Websites kommen dazu, rasch wächst der digitale Verkauf. Alle Modelle gehen davon aus, dass der Leser zu einem medialen Heimatort gelenkt wird, der ihm Glaubwürdigkeit verspricht, Verlässlichkeit, Orientierung. Deshalb sind Werbekunden bereit, in diesem Umfeld Anzeigen zu plazieren. Und ein Teil der Leser ist bereit, die Dienste kostenpflichtig zu abonnieren.

          Auf Facebook dagegen gibt es für Redaktionen keine Heimat. Auf Facebook gibt es nur den Strom des individuellen Newsfeed. Aus gutem Grund gibt es keine führende News-Seite der Welt, die ihre Homepage individualisierbar gemacht hat. Warum nicht? Weil der Strom der Ereignisse unvorhersehbar ist, genauso wie das Interesse des Lesers. Weil zu einem verlässlichen Informationsangebot auch eine thematische Breite gehört - von den Großereignissen der Politik bis zur Tragik eines Flugzeugabsturzes.

          Abhängig vom Giganten

          Auf Facebook gibt es weder Unabhängigkeit noch ein Geschäftsmodell. Redaktionen würden helfen, Zuckerbergs Netzwerk noch wertvoller zu machen. Sie würden dem Nutzer noch weniger Anlass liefern, Facebook je zu verlassen. Doch sie wären in ihrer thematischen Gewichtung abhängig von den Präferenzen der Freunde, dem Facebook-Algorithmus und den Brosamen der Werbeeinnahmen, an denen, wie Facebook neuerdings verspricht, die Verlage beteiligt werden sollen. Vor allem aber wären sie abhängig von einem Giganten der Internet-Wirtschaft, dem die Kontrollfunktion unabhängiger Medien, die vierte Gewalt im Staat, kaum am Herzen liegt.

          Ein Teil der deutschen Verlage hat sich in einem zuweilen absurden Kampf gegen Google verschlissen. Dabei ist das Auffinden von Artikeln eine essentielle Hilfe für Leser und Redaktionen. Viel dramatischer wäre es, wenn eine ganze Branche zum Rudersklaven der Facebook-Galeere würde. Dann würde aus der verhängnisvollen Umarmung rasch ein Todeskuss.

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          Quelle: F.A.Z.

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