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Mario Barth : Der Siegeszug des unmodernen Mannes

Außerhalb der Hallen findet man die Erfolgsstory irritierend. Äußern sich Kollegen, die natürlich auch Konkurrenten sind, dann klingt es fast, als gehe es um eine gefährliche Seuche. „Er ist ein Phänomen, das mir den Atem verschlägt“, sagt Bastian Pastewka. „Dessen Humor ist definitiv nicht meine Welt“, urteilt Harald Schmidt. Barth fülle Hallen mit 20.000 Menschen „mit einem einzigen Gag“, klagt der Autor Heinz Strunk. Entspannter zeigt sich Oliver Pocher: Er hat eine Mario-Barth-Parodie einstudiert, die aus vielen „Boah ey“-Rufen besteht. Allmählich kommt auch die seriöse Presse nicht mehr an Barth vorbei.

Der schmerzlose „Spiegel“-Reporter Henryk M. Broder hat sich dessen Programm angetan und rächt sich mit dem Genreklassiker der Publikumsbeschimpfung: Barth ist doof, seine Witze sind doof und seine Zuschauer sind es auch, Vokuhila- und Goldkettchenträger allesamt und „extrem einfach gestrickt“. Dabei mutet nicht nur seltsam an, dass dieselben Kritiker, die Barth seine schlappen Späße vorwerfen, Überschriften mit Namenswitzen wählen wie „Beim Barth des Mannes“ oder „Witz mit Barth“; wir warten noch auf „Barth des Proleten“ und „Barth in der Menge“. Merkwürdig ist auch, dass die Schwenks durchs Auditorium eine Menge Leute zeigen, die hinten kurz und gar kein Kettchen tragen. Warum verfallen auch sie, die hier doch nichts zu suchen haben dürften, in den kollektiven Lachrausch?

Die Sehnsucht nach Simplizität

Barths Humor ist voraussetzungslos und in seiner konsequenten Beschränkung fast wieder originell. Jeder, wirklich jeder kann hier alles verstehen - auch weil es nicht, wie bei etlichen Kollegen, um Fernsehen, Prominente oder Politiker geht. Der Horizont dieser Bühnenfigur reicht bis zur Tür der eigenen Wohnung. Wer sich in den Nummern nicht wiedererkennt, mag sich zumindest an eine Lebensphase erinnert fühlen, die er überwunden hat. Schlichte Gemüter dürfen Barth und seine Sprüche cool finden und eins zu eins nehmen. Man kann aber auch die Möglichkeit nutzen, herabzuschauen auf dieses wild herumhampelnde Prachtexemplar des unmodernen Mannes, für den schon als extravagant gilt, wer Zucchini verspeist und einen Korkenzieher besitzt.

„Ich bin schon sehr konservativ“, sagt der gelernte Elektriker Barth über sich selbst; er schwärmt von Mutters Gänsebraten und betont, dass die ganze Familie mit ihm zusammenarbeite. Mit seinen Auftritten erfüllt er, bei allen vulgären Ausfällen, eine Sehnsucht nach traditionellen Werten und nach Simplizität. Wer keine anderen Probleme hat als die Tatsache, dass seine Freundin die Fernbedienung stets auf den Fernseher legt, der muss in der Tat ein glücklicher Mann sein. So lässt Barth seinen Geschlechterkampf vor der Kulisse einer heilen Welt toben, die die Zumutungen des modernen Lebens nicht kennt, und liefert der Globalisierungsgeneration mit seinem Programm das, was für ihre Großeltern der Heimatfilm war. Da ist es konsequent, dass Barth jetzt ins Kino drängt und eine Tragikomödie ankündigt. Es passt: Zum Lachen oder zum Weinen bringt er die Leute ja jetzt schon.

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