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Margot Honecker im Fernsehporträt : Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern

Margot Honecker gibt dem Reporter Eric Friedler im chilenischen Exil ein Interview, das eine Geschichtsstunde ist Bild: NDR

Die deutsche Einheit ist ein Irrtum, und der Sozialismus wird doch noch siegen: In Eric Friedlers Filmdokumentation äußert sich Margot Honecker erstmals seit 20 Jahren im Fernsehen.

          Er hat Briefe geschrieben und E-Mails verschickt. Er hat Kontaktleute bemüht und nicht lockergelassen. Er war hartnäckig, durfte aber nicht damit rechnen, Erfolg zu haben. Und dann habe er, sagt Eric Friedler, ein wenig „Reporterglück“ gehabt. Das Glück, ein Interview zu führen, wie es dies seit zwanzig Jahren nicht gegeben hat. So lange schon schweigt - von ein paar kleineren Äußerungen in der linken Kampfpresse abgesehen - die Witwe des Diktators. Ein Gesprächsbuch ist gerade herausgekommen, in dem sie ihre Rolle als Bildungsministerin der untergegangenen DDR verbrämt. Doch wird sie dort hofiert und mit keiner einzigen kritischen Frage konfrontiert.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das hält Eric Friedler in seinem Film „Der Sturz - Honeckers Ende“, der am kommenden Montag in der ARD läuft, anders. An drei aufeinanderfolgenden Tagen hatte er jeweils eine Stunde Zeit. Und in diesen drei Runden redet Margot Honecker Tacheles, spricht in aller Klarheit aus, was eine Partei wie die Linke angesichts der allgemein obwaltenden Kritik an einem Finanzkapitalismus, der Staaten in den Ruin treibt und die Demokratie bedroht, unterschwellig in die Debatte einführt: Die DDR war das bessere Deutschland, es wäre an der Zeit, es noch einmal zu versuchen. Bewegungen wie Attac oder „Occupy Wall Street“ machen es richtig, es fehlt ihnen aber der notwendige ideologische Überbau. Der Sozialismus ist noch immer machbar.

          Die nächste Chance kommt

          Es ist ein staunenswertes Dokument, das Eric Friedler aus Chile mitgebracht hat. Da sitzt nun, in der grauen Strickjacke, in ihrem bescheidenen Domizil im Exil, die Frau, die rund dreißig Jahre lang als Ministerin die Bildungspolitik der DDR bestimmte und an der Seite ihres Mannes an der Spitze des Staates stand. Die Vierundachtzigjährige redet nicht wirr und nicht verbittert, sondern in dem Bewusstsein, dass die nächste Chance kommt. Sie hat sich nicht zu entschuldigen, sie legt Zeugnis ab über eine von der „Konterrevolution“ beendete Erfolgsgeschichte: „Es ist eine Tragik, dass es dies Land nicht mehr gibt.“

          Margot Honecker ist wie eine Geistererscheinung: Wer den Kalten Krieg noch erlebt hat, kennt das Vokabular, das geschlossene Denkgebäude, in dem es auf jede Frage eine Antwort gibt, wie aus der Pistole geschossen. Zwischen dem Herbst 1989 und dem Herbst 2011, in dem dieses Interview geführt wurde, liegt nur ein Wimpernschlag. In dem Augenblick, da die Republik in Joachim Gauck einen Bundespräsidenten bekommen hat, der unter der Diktatur leben musste und deshalb so ganz anders und emphatisch über die Freiheit sprechen kann, zeigt ein Filmemacher die andere Seite der Medaille.

          Waffengebrauchsbestimmungen

          Das ist eine abenteuerliche, atemberaubende Geschichtsstunde, auch weil Eric Friedler die entscheidenden Tage und Stunden, in denen Erich Honecker gestürzt wurde und es mit der DDR zu Ende ging, minutiös rekonstruiert und spannend wie einen Krimi erzählt. Auch dabei hatte er das nötige „Reporterglück“ - das Glück desjenigen allerdings, der sich dies immer wieder hart erarbeitet. Vor zwei Jahren hat er mit „Aghet“ eine epochale, mit Preisen bedachte Dokumentation über den Völkermord an den Armeniern vorgelegt. Damals wie heute recherchierte er im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks, bei diesem Sender reifte er zu einem Geschichtserzähler heran, der filmisch begnadet schildert und es spielend und ganz allein etwa mit der Knopp-Maschine des ZDF aufnehmen kann.

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