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Marcel Reich-Ranicki : Niemand anderer als er

Ein Mann bei der Arbeit: Reich-Ranicki in jüngeren Jahren Bild: Privatarchiv

„Ich, Reich-Ranicki“, den das ZDF heute abend um 22.35 Uhr zeigt, ist der erste große Film über den Kritiker seit vielen Jahren: ein leises, nachdenkliches und sehr intensives Porträt. Ein Satz aber darf nicht unwidersprochen bleiben.

          Nein, es gibt einen Satz in diesem hervorragenden Fernsehporträt von Marcel Reich-Ranicki, der nicht unwidersprochen bleiben darf. Er fällt nach 105 Minuten, ganz am Ende dieses Films, den Lutz Hachmeister und Gert Scobel dem berühmtesten lebenden Literaturkritiker gewidmet haben. Er fällt, nachdem wir immer wieder Sätze gehört haben, die uns aufhorchen lassen, weil wir glauben, daß mit ihnen eine Summe gezogen und die Person Marcel Reich-Ranickis im Kern erfaßt und auf den Punkt gebracht würde.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir glauben dies etwa, wenn wir sehen, wie Alfred Biolek den Kritiker fragt, ob er ihn als Entertainer bezeichnen dürfe, und Reich-Ranicki hocherfreut zustimmt. Oder wenn der Schriftsteller Dieter Wellershoff dem Kritiker einen ausgeprägten „Sinn für das Erzählen“ bescheinigt und Frank Schirrmacher an die berühmte Episode aus der Autobiographie „Mein Leben“ erinnert, in der Reich-Ranicki beschreibt, wie er nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto bei einem polnischen Drucker überlebt, dem er abends die Werke der Weltliteratur erzählt, als seien sie allesamt Unterhaltungsromane.

          Der Schlüssel zu diesem Leben

          Hier haben wir den Schlüssel zu diesem außergewöhnlichen Leben, so denken wir immer wieder, wenn wir ihm selbst lauschen und hören, wie er etwa über seine Schulzeit im Berlin des „Dritten Reiches“ spricht, über die Einsamkeit des polnischen Jungen, der sich seine Mitschülern unterlegen fühlt, der sich nach „Gleichberechtigung“ sehnt, auch nach Anerkennung, und sich ein Feld sucht, auf dem er beides erringen kann. Das ist zunächst die Mathematik, wenig später dann die Literatur. Aber die Entscheidung, sein Leben der Literatur zu verschreiben, fällt erst viele Jahre später, sie fällt in einer Einzelzelle in Warschau, die auf den ehemaligen Konsul des kommunistischen Polen in London gewartet hatte, als er aus England abberufen wird - schon wieder eine Schlüsselszene.

          Meine Frau, mein Auto: Teofila und Marcel Reich-Ranicki in den Sechzigern

          Zu diesem Zeitpunkt, 1949, ist Marceli Reich neunundzwanzig Jahre alt, und Hachmeister und Scobel haben uns bereits eine Fülle von Bildern präsentiert: Wir haben Eindrücke vom Geburtsort, dem polnischen Wloclawek an der Weichsel, empfangen und die leise Überraschung in Reich-Ranickis Gesicht gesehen, als ihm Hachmeister berichtet, wer damals, als er das Berliner Fichte-Gymnasium besuchte, im Gebäude gegenüber ein- und ausging: Es war Adolf Eichmann, der die Dienststelle des Reichssicherheitshauptamtes aufsuchte.

          Wie aus größter Distanz

          Das unvorstellbare Elend im Warschauer Ghetto, den Selbstmord seines zukünftigen Schwiegervaters, den Tod des Bruders in einem Arbeitslager der Nazis, die Angst zusammen mit seiner Frau Teofila im Versteck - all dies beschreibt und kommentiert Marcel Reich-Ranicki scheinbar gelassen und wie aus größter Distanz. Nur ein einziges Mal, als er die qualvolle Enge im Getto erwähnt, wo die Nazis die Menschen „zusammengepfercht“ hatten, betont er die letzte Silbe des Wortes so stark, daß sich für einen winzigen Augenblick die ganze Gewalt und Brutalität des Vorgangs mitzuteilen scheint.

          „Ich, Reich-Ranicki“, den das ZDF an diesem Freitag abend um 22.35 Uhr zeigt, ist der erste große Film über den Kritiker seit vielen Jahren. In mehr als einjähriger Arbeit ist ein leises, nachdenkliches und sehr intensives Porträt entstanden, das zahlreiche Stationen dieses Lebens nachzeichnet, kenntnisreich und gewissenhaft, glänzend geschnitten und montiert. Die Hintergründe der Londoner Geheimdiensttätigkeit und des sich anschließenden Parteiausschlußes werden von dem polnischen Publizisten Janusz Tycner beleuchtet, ein kurzer Film aus dem Jahr 1958 zeigt den noch in Polen lebenden Kritiker erstmals im deutschen Fernsehen, und erstmals äußert sich auch der noch in London geborene Sohn Andrew vor einer Kamera über den Vater, der das mathematisch begabte Kind nie zur Literatur habe zwingen wollen.

          Zur Sache

          Auch die zahlreichen Konflikte im Leben des Kritikers bleiben nicht unerwähnt; das Zerwürfnis mit Joachim Fest ebenso wenig wie jenes mit Sigrid Löffler oder Martin Walser. Aus der unüberschaubaren Menge des Bildmaterials und der Stimmen und Kommentare haben Hachmeister und Scobel klug das Wesentliche ausgewählt. Zu Wort kommt nur, wer Substantielles zu sagen hat, also, wie Reich-Ranicki sagen würde, „zur Sache spricht“.

          Das tut er, kein Wunder, vor allem selbst, wobei er Deutungen stets den anderen überläßt. Nur am Ende weicht er davon ab und liegt prompt falsch: „Das alles, was ich getan habe, konnten andere Leute auch tun.“ Das ist zwar ein schöner letzter Satz für einen wahrlich beeindruckendes Filmporträt, als Resümee eines einzigartigen Kritikerlebens jedoch unbrauchbar. Dieser Satz ist, um es mit einigen seiner Lieblingsausdrücke zu sagen, vollständig falsch und mit keinem Wort wahr.

          Lieber Marcel Reich-Ranicki, niemand sonst hat es, niemand sonst hätte es so tun können wie Sie.

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