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Marcel Reich-Ranicki im Film : Die Quellen seiner Leidenschaft

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Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer als Tosia und Marcel Reich-Ranicki Bild: WDR/Thomas Kost

Marcel Reich-Ranicki, an diesem Montagabend bei „Beckmann“ zu Gast, befürchtete das Schlimmste und ging voller Angst in den Kinosaal. Doch die Verfilmung seiner Biografie „Mein Leben“ ist ein Glücksfall. Sie zeigt die exemplarische Biographie des Menschen jagenden 20. Jahrhunderts.

          Am Donnerstag war Marcel Reich-Ranicki in meinem Büro. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Die Umstände aber waren neu. Er hatte offenbar eine ganze Weile mir gegenüber gesessen, ohne dass ich es, vertieft in Google Earth, gemerkt hätte. Ein Reich-Ranicki, den man nicht merkt, ist schon mal was Neues. Ehrlich gestanden, summt, zischt oder murmelt er, wenn ihm die Pausen zu lang werden.

          Am Donnerstag war es etwas anders. Hier baute das Schweigen einen gutgelaunten Vorwurf auf. „Was tun Sie für meinen Film?“ - „Herr Reich-Ranicki. Seit wann sind Sie hier? Sie haben mich erschreckt.“ - „Lang genug, um zu sehen, dass Sie überhaupt nichts für meinen Film tun, gar nichts. Alle tun was für meinen Film, alle interessieren sich für mich, nur nicht die Frankfurter Allgemeine. Der ,Spiegel' macht was, der Döpfner macht ein großes Interview mit mir, nur die F.A.Z. weiß nicht, was sie an mir hat. Beckmann wird anderthalb Stunden mit mir reden, und jetzt sitze ich hier, und Sie bemerken mich noch nicht einmal.“ - „Ich habe gerade was zu Ihrem Film gegoogelt.“ - „Sie sollen schreiben und keine Albernheiten machen.“ - „Dann fang' ich so meinen Artikel an, mit diesem Dialog.“ - „Ja, ja und sagen Sie gleich dazu, dass Sie eine ganze Seite schreiben werden und nicht weniger.“ - „Das sieht man ja“. „Sie müssen alles erklären, alles! Machen Sie es den Lesern doch nicht so schwer.“ - „Schweighöfer sieht sehr gut aus in dem Film.“ - „Ja, und? Wollen Sie das kritisieren?“ - „Nein, es gefällt mir.“ - „Haben Sie den Film denn überhaupt gesehen?“ - „Doch schon vor Wochen, Herr Reich-Ranicki.“ - „Und wie gefällt er Ihnen denn nun?“ - „Wie gefällt er Ihnen?“ - „Mein Lieber, ich habe das Schlimmste befürchtet, ich war sicher, es wird ein furchtbarer Film, ich bin voller Angst in den Kinosaal gegangen, es konnte nichts werden . . .“

          Nähe des Todes

          Die Entfernung zwischen uns und den Ereignissen im Warschauer Getto beträgt fast siebzig Jahre. Wir kreisen darüber wie historische Satelliten, die alles registrieren, aber niemals in die Welt, die sie zeigen, eintreten können. Es gibt eine Möglichkeit, sie näher an sich heranzuzoomen. Man lässt sich von Google Earth die Route zwischen Warschau und Treblinka ausrechnen. Man erkennt dadurch, dass es immer noch derselbe Erdboden ist, auf dem wir uns bewegen. 103 Kilometer, ca. 1 Stunde und 49 Minuten, rechts abbiegen, 4 Kilometer geradeaus, dann: „Ankunft in Treblinka“.

          Der Kritiker und sein Darsteller: Marcel Reich-Ranicki und Matthias Schweighöfer
          Der Kritiker und sein Darsteller: Marcel Reich-Ranicki und Matthias Schweighöfer : Bild: dpa

          Man kann aus dem Weltraum die Eisenbahnstrecke gut erkennen. Anderthalb Stunden oder hundert Kilometer, die zwischen 1940 und 1945 für Marcel und Teofila Reich-Ranicki den Unterschied von Leben und Ermordung bedeutet hätten. Anderthalb Stunden, das ist einmal Beckmann mit Reich-Ranicki. Anderthalb Stunden mal zwei, plus Entladung, plus Brennstoffaufnahme und Umkopplung sind vier bis fünf Stunden. Das ergibt in einer einfachen mathematischen Operation den Tod.

          „Man wusste“, erzählt Reich-Ranicki, „dass Deportation Tod bedeutet. Die auf dem Umschlagplatz in Warschau arbeitenden Menschen haben die Nummern der Waggons notiert und festgestellt, dass diese Waggons schon nach vier, fünf Stunden wieder da waren. Dem konnte man entnehmen, dass die Transporte gar nicht nach Smolensk oder Minsk gingen, sondern ganz in die Nähe von Warschau. Schon die Tatsache, dass Hunderttausende von Menschen dort hingebracht wurden und man nichts von ihnen hörte, ließ erkennen, dass diese Menschen dort gar nicht leben konnten . . .“

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