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Veröffentlicht: 20.05.2017, 16:16 Uhr

Manipulationen bei Google Maps Fahr doch auf einen Kaffee bei Starbucks vorbei

Googles digitale Karten sind nichts weiter als Werbeverzeichnisse, garniert mit Straßennamen. Sie werden von Firmen manipuliert – und sie manipulieren selbst die Wege, die die Nutzer nehmen sollen.

von Adrian Lobe
© dpa Bitte essen Sie hier: Google Maps empfiehlt und wirbt.

Kürzlich berichtete die „New York Times“, wie der Fahrdienstvermittler Uber über Jahre hinweg Behörden in Ländern, in denen der Dienst nicht zugelassen war, mit einer geheimen Software täuschte. Die Software namens Greyball sammelte Standortdaten, Kreditkarteninformationen und Details zu verwendeten Social-Media-Konten, um Behördenmitarbeiter zu identifizieren und Kontrollen ins Leere laufen zu lassen. Die Kontrolleure bekamen auf der App eine Fake-Karte mit „Phantom-Fahrzeugen“ angezeigt, die gar nicht existierten. Die Geisterkarte legte sich wie eine Folie, eine fiktionale Story über das Straßennetz, das die Kontrolleure in die Irre leitete.

Der Fall wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die illegalen Geschäftspraktiken der kalifornischen Plattformökonomie – die amerikanischen Behörden wollen Ermittlungen einleiten –, sondern auch darauf, wie manipulationsanfällig Karten im digitalen Zeitalter sind. Digitale Karten, auf die wir uns in Navigationsgeräten stützen, liefern Fake-News und verkommen selbst zum Fake. Kartographen wussten, dass Karten immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit waren. Die Karte, mit der Kolumbus nach Amerika und nicht nach Indien segelte, war gewissermaßen auch Fake. Doch das kartographische Ideal war stets, eine vollständige und korrekte Repräsentation von Geoobjekten herzustellen (einmal abgesehen von geopolitischen Grenzstreitigkeiten). Mit der Digitalisierung hat sich das geändert: Karten werden nicht mehr allein zu kartographischen, sondern auch zu kommerziellen Zwecken kreiert. Die „areas of interest“, die Google algorithmisch anhand der Konzentration von Bars und Restaurants auf seinen Karten ausweist, markieren eher Googles Geschäftsinteressen als die der Besucher. Google zeichnet eine eigene Version der urbanen Landschaft. Wer in diesen digitalen Karten nicht verzeichnet ist, existiert faktisch nicht. „Diese Repräsentationen“, schreibt der Internetkritiker Nicholas Carr auf seinem Blog „Rough Type“, „vermitteln nicht nur ihre Wirklichkeit; sie schaffen ihre eigene Wirklichkeit.“ Doch dieses Abbild der Wirklichkeit ist nicht nur verzerrt und lückenhaft, sondern wird auch gezielt mit falschen Informationen infiltriert.

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Laut einer Untersuchung von Google-Forschern und Wissenschaftlern der University of San Diego werden jeden Monat Tausende Scheinfirmen in Google Maps hinzugefügt, deren Telefonnummern entweder nicht existieren oder zu dubiosen Call-Centern führen. In West Harrison im Bundesstaat New York waren achtzig Prozent der Schlüsseldienste Fake. Zwar versucht Google laut einem Bericht des „New Scientist“ diesen Missbrauch zu minimieren, indem es Überprüfungspostkarten zur Verifizierung an die jeweilige Adresse schickt, wo die Geschäftsinhaber firmieren. Doch Betrüger könnten einfach eine Briefkastenfirma gründen – Google prüfe die Geschäftspraxis nicht weiter.

Nun kann man dem Internetkonzern schwerlich eine Prüfpflicht aller auf seinen Karten verzeichneten Geschäfte auferlegen. Doch Google trifft eine Mitschuld an der fehlerhaften Repräsentation der Wirklichkeit (nicht nur der kartographischen, sondern auch der nachrichtlichen), weil es behauptet, im Dienste der Allgemeinheit „die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen“, aber doch nur seine eigenen Geschäftsfelder vermisst. Google Maps ist, bei Lichte betrachtet, kein Kartendienst, sondern ein Werbeverzeichnis mit Straßennamen.

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Einmal abgesehen davon, dass mit der Verbreitung von Navigationsgeräten das Kartenlesen als Kulturtechnik an Bedeutung verliert, markieren digitale Karten auch insofern einen Paradigmenwechsel, als der Nutzer als blinkender Punkt im Mittelpunkt der Karte auftaucht und Routen zuweilen nach kommerziellen Kriterien festgelegt werden. Wer im Netz seine Präferenz für Starbucks zum Ausdruck gebracht hat, den lotsen Googles Algorithmen auf dem Weg zum Zielort an einer Filiale der Kaffeehauskette vorbei. Der Internetkonzern spurt damit auch den Weg im physischen Raum vor. Wie der amerikanische Algorithmenforscher John Cheney-Lippold in seinem neuen Buch „We Are Data“ beschreibt, schaffen Unternehmen wie Google oder Facebook über eine algorithmische Analyse digitale Versionen ihrer Nutzer. Die Konzerne greifen dabei, aus technischen und wirtschaftlichen Gründen (Menschen sind nicht computerisierbar, algorithmische Identitäten dafür monetarisierbar), auf fiktionale Repräsentationen zurück. Das „Ich“ in der Karte ist nur ein Avatar in einem fiktionalen Plot, genauso wie Geisterfahrzeuge von Uber.

Dass Karten heute nicht mehr von Kartographen, sondern von Software-Ingenieuren angefertigt werden, führt dazu, dass uns das technozentrische Weltbild des Silicon Valley aufoktroyiert wird und lokale Begebenheiten einfach überschrieben werden können; digitale Repräsentationen hängen vom Willen der Tech-Konzerne ab. Wer auf der Karte von Uber auf- oder abtaucht, entscheiden die Programmierer.

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