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Manfred Krug im Interview Immer eine Eins in Deutsch

 ·  Finger wie ungebratene Bratwürste sind ein Horror: Manfred Krug über die Möbel seines Freundes Peter Hacks, Saunabesuche mit seinem Stasi-Spitzel, Drehbuchbearbeitungen, ein Leben als toller Hecht und über sein neues Buch „Schweinegezadder“.

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Die Gegensprechanlage schmettert: „Herzlich willkommen! Bitte gehen Sie in den Aufzug und tun Sie nichts.“ Oben dann Manfred Krug in Hausschuhen. Wie im Fernsehen, nur größer. Wie man sich ihn vorstellt, nur netter. Immer hört man: Manfred Krug gibt ungern Interviews. Aber jetzt hat er ein Buch geschrieben. Das Buch liegt auch schon auf dem Wohnzimmertisch, neben dem Kaffee und den Mandelplätzchen. Die Zigarre ist an. Manfred Krug würde natürlich lieber über das Buch sprechen als über Manfred Krug. Aber das lässt sich nicht immer trennen.

Zum Beispiel „Schweinegezadder“, der Titel, ist das ein krugsches Privatwort? Wenn man es im Duden sucht, kommen exakt null Treffer.

Krug: Ja, das ist eine Wortbildung. Rindergezadder, Schweinegezadder, Pferdegezadder. Also was als Steak verkauft wird, aber eigentlich ein Nackenstück ist, was dann zadderig ist, das ist Berlinerisch und heißt: es ist sehnig, unkaubar und stellt immer die Gefahr dar, dass es einem im Halse als Spirale hängen bleibt. Schweinegezadder. Aber: Hier ist es ja nur ein kleines Stück Gezadder, das im Zahn klemmt. Ist ja auch nur eine kleine Geschichte.


Ist die kleinste Geschichte des Buches überhaupt.


Ja, nicht? Mehr ist auch nicht rauszuholen.


Es gibt auch eigentlich keine Pointe. Außer die, dass das jetzt mal so aufgeschrieben wurde.


Stimmt, Sie sagen die Wahrheit.


Warum ist das die Titelgeschichte?


Sie kommen ja auch gleich drauf: „Schweinegezadder - wat is'n ditte?“ Und das ist doch ganz gut, wenn man so einen Titel findet, hier entlehnt einer Geschichte, der unwichtigsten und kleinsten Geschichte, von einem Menschen, der aufgegeben hat und es nicht rauspult. Einer, der sagt: Ich kann nicht mehr, ist mir alles zu viel. Also es ist ja doch, wenn man will, eine ganze Menge drin.


Es sind neun Geschichten insgesamt, sieben davon sind bereits auf einer CD veröffentlicht worden. Zwei sind neu, zum Beispiel die Erzählung „Hippel und Strack“: „Der reiche Hippel, ein blonder, homophil wirkender Schönling in mittleren Jahren, war gerade dabei, sich mitten im tiefsten Sozialismus ein feudales Leben anzugewöhnen.“ Man könnte zu der Annahme kommen, dass das Vorbild für diese Figur Peter Hacks hieß . . .


Jetzt, wo Sie es sagen, fällt mir auf, dass man auf so was kommen könnte, zumindest könnte man einige Dinge in Übereinstimmung bringen. Aber ich wollte eigentlich nur einer berühmten Geschichte von Roald Dahl mal die Pointe umdrehen.


Sie haben einmal erwähnt, dass Sie den Hacks erst drauf gebracht haben, antike Möbel zu sammeln. Sind Sie also der eigentlich Verantwortliche für den etwas feudalistischen Geschmack von Hacks?


Ja, wir waren früher befreundet, Hacks und ich, aber wir haben nicht viel über Kunst geredet.


Nicht?


Nö. Wir haben Karten gespielt. Hacks hatte eine Neigung, hübsche junge mädchenhafte Damen zu mögen, und meine Frau war damals ganz mädchenhaft und hübsch und jung und so, vielleicht spielte das auch eine Rolle. Wir haben ihn häufig besucht, er wohnte damals noch ausschließlich in der Schönhauser Allee, und ich sah, dass er so schreckliche Helleraumöbel hatte, Vierkantmöbel, die hatten zwar eine gewisse karge Noblesse, aber ich hatte damals schon die Neigung, altes Zeug zu suchen und zu lieben und kennen. Er wurde angesteckt, nicht ohne mein Zureden, und machte dann ähnliche Erfahrungen. Der Hacks musste sich seine feudale Einrichtung aber auch mühsam zusammensuchen, in der DDR gab es ja nur wenig gutes Zeug für das Geld, das ging ja alles durch die Firma von dem Schalck-Golodkowski zügeweise in Richtung Westen.


Sammeln Sie immer noch?


Nein.


Früher hatten Sie mal Oldtimer.


Autos hatte ich in der DDR. Das hing aber auch damit zusammen, dass ich mir für mein mühsam erarbeitetes Geld spekulativ ein erträgliches Schicksal ermöglichen wollte.

Was ist passiert damit?


Ich habe sie verkauft.


War das nicht hart?


Nö, ich hatte sie ja auch dafür gesammelt. Ich habe mir dafür ein Mietshaus angezahlt. Und das war für mich damals mit den drei kleinen Kindern zweckmäßiger, als mich hinzustellen und an Autos rumzuschrauben.


Das hat ja auch etwas geradezu Literarisches: Automobile werden eingetauscht gegen eine Immobilie. Erstaunlich auch, dass Sie dann im ummauerten Berlin geblieben sind. Andere, die aus der DDR weggegangen sind, sind ja gleich weiter nach Westdeutschland. Sie sitzen bis heute mitten im Zentrum des alten West-Berlin.


Berlin war mir sehr sympathisch. Auch die Eingemauertheit von West-Berlin war mir sehr sympathisch. Dadurch kriegte eine ehemals große und berüchtigte Stadt so etwas von einem großen Schiff. Das fand ich ganz gemütlich.


Nach der Biermann-Affäre ist ja die halbe Kulturszene der DDR in den Westen gegangen. Bildete die dort dann wieder eine Szene, gab es da noch einen Zusammenhalt, oder ging jeder seiner Wege?


Das war unterschiedlich. Manche trafen sich noch, aber eben nicht mehr unter so merkwürdigen, gefährlichen, konspirativen Umständen. Und dann gab es natürlich auch rückwirkend Gespräche darüber, wie man sich in der entscheidenden Phase verhalten hatte. Ob man wirklich eine verschworene Truppe war. Oder ob jeder einzeln überlegt hat, wie komm' ich am besten weg. Und da gab es schon, zumindest gedankliche, Auseinandersetzungen. Den einen empfand man als ein bisschen zu schleimig den DDR-Behörden gegenüber. Zumal man selber so ein richtiger Schleimabsonderer nicht sein wollte, hat man ehemalige Freunde dann vielleicht auch ein bisschen strenger beurteilt. Darauf kann ich inzwischen verzichten. Ich bin mir nicht mehr so sicher, dass ich ein toller Hecht bin, wie vielleicht damals.


Es gibt in dem Buch einen Text, der wie eine Abrechnung des Erzählers mit seinen gesammelten Stasi-Spitzeln daherkommt, „Unser Kollektiv“, da taucht ein Salman auf. Salman war aber auch der Deckname des befreundeten Bildhauers, der Sie bespitzelt hat. Wie war denn der Klarname?


Manfred Salow. Den gibt es noch. Der lebt noch. Der ist stolz darauf.


Und dass Sie ihm jetzt zur Strafe eine Makrophallie andichten, wie Sie es nennen . . .


Die war echt! Ich habe mit dem oft in der Sauna gesessen und da dieses Rüsselchen gesehen.


Der andere körperbetonte Aspekt in dieser Geschichte ist der, dass da außergewöhnlich viele Hände geschüttelt werden . . .


Sie werden es selber schon oft erlebt haben, dass es Leute gibt, die Schwitzehändchen haben. Glitschige Händchen. Kalt und schwitzig. Kalt und glitschig. Heiß und trocken. Fleischig. Knochig. Und so weiter. Und der Händedruck hat sich ja nicht aus Spaß ergeben, sondern ursprünglich wohl dadurch, dass man seine Waffenlosigkeit demonstrieren wollte . . .


. . . und in der DDR wurde, wie es in der Erzählung heißt, den ganzen Tag lang kaum noch etwas anderes gemacht, als sich gegenseitig die Hände zu drücken. Gleichzeitig ist es das SED-Zeichen. Wollten Sie darauf hinaus?


Das Logo ist nicht schlecht. Grotewohl und Pieck beim Vereinigungsparteitag 1946. Wenn der Rest der Partei so gut gewesen wäre wie dieses Logo . . .


. . . ein Händedruck wird beschrieben: „Finger wie ungebratene Bratwürste“ . . .


Ja, schrecklich.


Eine gewisse Handfestigkeit des Gegenübers ist schon wichtig für Sie?


Wenn ich der Queen von England mal begegnen sollte, würde ich darauf keinen so großen Wert legen. Aber ein Händedruck heißt ja Händedruck und nicht Händegeschlabber.


Einer der beeindruckendsten manfredkrugschen Händedrücke kommt in „Spur der Steine“ vor: Eberhard Esche stellt sich auf der Baustelle als neuer Parteisekretär vor, und Brigadeführer Balla schüttet ihm den gesammelten Regen aus seiner Zimmermannshutkrempe - platsch! - in die Hand!


War eine Idee von mir. Heute noch stolz drauf!


. . . und sagt dann: „Und ich bin Pittiplatsch, der liebe.“ Einverstanden, dass das einer der schönsten Krug-Sätze überhaupt ist?


Ja, ja, der war auch nicht im Buch. Mit Frank Beyer konnte man wunderbar solche Dinge machen. Zuerst hatte ich ihn eher für einen grüblerischen Schreibtischregisseur gehalten, der auch gern mal Schwitzehändchen hatte. Er wurde immer besser, immer lockerer. Dass der fehlt, bedauere ich sehr. Und „Pittiplatsch, der liebe“, das war eine Figur aus dem Kinderfernsehen, ein schrecklicher kleiner Kobold. War furchtbar. Ich habe gerne vorgeschlagen, dass wir Versionen machen. Eine Version ohne, eine mit - und er sollte am Schneidetisch entscheiden.


Der Balla in seiner ganzen unverschämten Ballahaftigkeit ist im Grunde erst eine Erfindung von Ihnen gewesen?


Natürlich immer in Absprache mit dem Regisseur. Der musste ja dafür dann geradestehen, nicht der Schauspieler, und Frank Beyer wurde ja dann prompt auch zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen. Das war ein schwerer Schicksalsschlag, auch dass der Film den werktätigen Massen bis 1990 vorenthalten wurde.


Und für Sie? Sie haben mal gesagt, der Film sei vielleicht „der Gipfel meines Eisberges“.


Das war einer der Gründe, warum ich den Sozialismus in Bausch und Bogen nicht gut fand. Nicht, dass ich mir keine andere Gesellschaftsordnung vorstellen könnte. Aber er war so feige und so grau und so ängstlich. Das war ja das Furchtbarste an ihm. Und den Film betrachte ich heute noch als den besten, an dem ich die Ehre hatte, mitzuwirken. Da konnte ich alles zeigen und machen, was ich als Typ konnte. Ich musste mich nicht wahnsinnig verstellen. Ich finde ja sowieso die Verwandlungsbemühungen im Film nur bis zu einem gewissen Grade wichtig.


Es heißt, dass Sie im Grunde immer nur sich selbst spielen . . .


Dann habe ich es am leichtesten und der Zuschauer auch.


Aber wollten Sie nicht manchmal auch jemand ganz anderes sein als immer nur Manfred Krug?


Das ist die Hauptsehnsucht vieler Schauspieler: möglichst viele zu sein. Das habe ich auch versucht, und ich habe einige Angebote gehabt, da hätte ich einen Frauenarzt spielen können - und da sagt der Regisseur: Also mit den Händen? Und da dachte ich mir: also . . . pfff, wenn es so ist, dann lass es! Setz diese Sehnsucht hintan!


Warum überhaupt so viel Film und so wenig Theater?


Ganz naiv, wie ich damals war: Im Film gab es richtige Pferde und im Theater immer nur ausgestopfte. Das rechnen Sie bitte hoch.


Es gibt in Ihrem Buch eine Geschichte von geradezu reinhardlettauhafter Schmerzlichkeit: Ein arbeitsloser Schauspieler freut sich, in der größten Kuckucksuhr der Welt auftreten zu dürfen - als Kuckuck. Die Horrorvision einer Schauspielerkarriere?


Da hatte ich im Fernsehen gesehen, dass jemand stolz darauf war, die größte Kuckucksuhr der Welt in seinen Garten gebaut zu haben, als Laube. Und da fiel mir sofort ein: Wer spielt denn da den Kuckuck? Und ich stand auf, ging rüber und schrieb die Geschichte. Das eigentliche Schauspielerleben verläuft ja nicht so wie deines verlaufen ist, sondern irgendwo in der Provinz, in Putbus, im kleinen Theater, mit Kabalen und Ränken und Intendantenschleim und allem solchen Zeug, und da musst du noch kämpfen, dass du überhaupt eine Rolle kriegst, und alle sagen, du kannst nichts. Also das ist ja ein ganz großes Elend, und ich nehme an, dass neunzig Prozent aller Schauspieler unbekannt und unzufrieden sind.


Vor solchen Ängsten standen Sie nie? Nicht mal, als Sie im Westen neu anfangen mussten?


Nö. Ich wusste ja, dass ich das mit dem Film ganz gut kann.


Der Aspekt, dass Theaterauftritte, selbst solche als Kuckuck, irgendwann in der Erinnerung verblassen, ein Film aber bleibt - hat das für Sie auch eine Rolle gespielt?


Ja, ich fand das auch gut, dass das dokumentiert wird. Und dass das dann fertig ist. Die Arbeit ist dann getan.

Gibt es da Parallelen zum Schreiben?


Schreiben ist sogar noch besser! Filme zerfallen irgendwann zu Staub. Ich lese manchmal Bücher, die sind vierhundert Jahre alt und immer noch da.


Welche zum Beispiel?


„Sachsenspiegel“! Dickes Buch. Schwierig zu lesen. Braucht man Liebe zur Sprache.


Wo haben Sie Ihre her?


Angeboren. Nie irgendwas dafür gemacht. Hatte immer eine Eins in Deutsch.


Und warum kommen Sie dann jetzt mit Kurzgeschichten? Die meisten drängt es doch gleich zum Roman.


Ich habe auch gehört, dass die Leute Kurzgeschichten gar nicht mehr so gerne lesen, die wollen, wenn sie sich schon ein Buch kaufen, lieber die lange Strecke.


Und das hieße für Sie?


Noch kürzer werden.

Interview Peter Richter

Quelle: F.A.S.
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