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TV-Kritik: „Maischberger“ : Biedermann und Brandstifter in Altena

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger spricht über den Mordversuch in Altena. Bild: WDR

In der Sendung von Sandra Maischberger wird der Mordversuch am Bürgermeister von Altena zum Anlass genommen, heillose Verwirrung zu stiften. Besonders die Moderatorin befördert zeitweise den Eindruck, sich die Agenda der AfD zu eigen zu machen.

          Auch dieses Mal haben die Studio-Dekorateure ganze Arbeit geleistet. Im Hintergrund sieht man eine schwer bepackte Menschengruppe von hinten einen Bergweg erklimmen, im Vordergrund ein Grenzschild der Bundesrepublik, darunter die Kilometerangabe 0.

          Was sagt dieses Bild? Die Horden sind da? Nach uns die Sintflut? Rette sich, wer kann? Was sagt dieses Bild über den Mordversuch an Bürgermeister Andreas Hollstein? Hat er den sich selbst zuzuschreiben? Was hat das Hintergrundbild mit der Frage „Verroht unsere Gesellschaft?“ zu tun? Die Text-Bild-Schere erzeugt den Eindruck eines Zusammenhangs, den die Gastgeberin auch im weiteren Verlauf des Abends befördert. Von kriminologischen Fakten Christian Pfeiffers oder Hinweisen Jan Fleischhauers auf die Folgen des Facebook-Nachrichtenstroms lässt sie sich nicht beirren.

          Mit diesem Arrangement wirkt ihr an Andreas Hollstein gerichteter Stoßseufzer, sie freue sich, dass er lebe, fast wie Heuchelei. Hätte es besser in diese Dramaturgie gepasst, wenn an seiner Stelle die Witwe im Studio gesessen hätte?

          Absurdität als Methode

          Leider lässt sich die Absurdität dieser Sendung nur in dieser Übertreibung angemessen beschreiben. Sie begann mit der Vernehmung Andreas Hollsteins. Groß wird das Fleischermesser mit einem daruntergelegten Zentimeterband in den Blick gerückt. Man nimmt Hollstein ab, dass die Angst nach dieser Erfahrung bleibt. Man versteht seine Irritation über die zwanzig Hassmails, die das Misslingen des Mordversuchs bedauern. Man freut sich über 480 Mails, die Anteil nehmen und ihm Mut machen. Man versteht das Urvertrauen in seine Heimatstadt und versteht auch, was passiert, dass dieses Vertrauen plötzlich angeknackst ist.

          Maischbergers Frage, was der Auslöser der Tat sei, wird das Strafgericht befassen. Dass dem Täter wegen unbezahlter Rechnungen das Wasser abgestellt worden ist, stellt keine ursächliche Beziehung her zu dem von ihm vorgebrachten Motiv, dem Hass auf Flüchtlinge, die Hollstein nach Altena geholt habe. Hollstein hat Mitleid mit dem Täter. Er sei der irreleitenden Argumentation aufgesessen, die Geflüchteten seien an allem schuld.

          Maischbergers Frage, ob ihre Partei Mitverantwortung trage für die Stimmung im Land, wird von Alice Weidel zurückgewiesen. Sie verurteile Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung. Warum kann ein Berliner AfD-Bezirksabgeordneter den Nazi Reinhard Heydrich loben, ohne dass das zum Anlass eines Tadels wurde, fragt Jan Fleischhauer. Darauf geht sie nicht ein.

          Rückläufige Kriminalität und zunehmende Hetze

          Heiko Maas erinnert pflichtgemäß daran, dass jeder selbst verantwortlich sei für das, was er tue, und konstatiert zunehmende Hetze in den sozialen Medien. Weidels Heuchelei rühre ihn zu Tränen. Jan Fleischhauer räumt ein, dass die Stimmung aufgeheizt sei. Für den Kriminologen Christian Pfeiffer steht außer Frage, dass die AfD Stimmung gegen die Flüchtlingspolitik gemacht und zu einem Klima des Hasses beigetragen habe. Die AfD erfinde eine Realität, aus der sie ihre politische Forderungen ableite. Tatsächlich sei die Kriminalität seit dem Jahr 2000 deutlich rückläufig.

          Sandra Maischberger aber tarockt nach. Gab es im Jahr 2015 nicht einen Brandanschlag in Altena gegen ein Haus, in dem Flüchtlinge untergebracht waren? Hatten die Täter nicht Angst vor Einbrüchen, Dieben und sexuellen Übergriffen bekundet? Fast wirken ihre Vorhalte wie eine Rechtfertigung, als sie Bürgermeister Hollstein fragt, ob ihn das überrascht habe. Ihre Frage erzeugt den Eindruck, der gute Mann lebe in Wolkenkuckucksheim und müsse von ihr auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Sie unterschätzt aber ihren Gast. Das seien Nazis gewesen. Die Nazis finde er gefährlicher als die AfD. Dass er Flüchtlinge nach Altena geholt habe, habe nicht dazu geführt, dass andere Bürger ihnen zustehende Leistungen nicht erhalten hätten.

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