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Magazine für junge Frauen Mädchen im Strom

11.01.2012 ·  Ein größeres Ganzes, an das man sich halten kann oder eben nicht: Zwei neue amerikanische Magazine probieren im Internet aus, wie man heute junge Frauen anspricht. Sie heißen „Rookie“ und „xoJane“.

Von Tobias Rüther
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© ddp images / Sipa Jane Pratt, 49 Jahre alt, ist die Chefredakteurin von „xoJane“

Es geht mal wieder um Magazine und die Menschen, die sie machen. Und darum, wie diese Menschen auf der Höhe mit den Rätseln und Problemen bleiben, die sich stellen, wenn man nur aus dem Haus geht, weil man ja am liebsten doch von diesen Rätseln und Problemen erzählt oder über sie lesen will.

Das Problem, was und warum sich andere Leute so anziehen, wie sie es tun, zum Beispiel, ist da nur das kleinste. Wie findet man den Ton dafür und die Bilder dazu, zum Leben jetzt und hier und bald? Wie bleibt man am besten nicht nur auf der Höhe, sondern hält immer einen Vorsprung auf die Gegenwart? Woher kommt überhaupt die Intuition? Und welche ist die richtige? Sehr anstrengend kann das sein. Immer wieder sind Magazine an diesem Stress eingegangen, neu zu bleiben, weiter zu sein als andere, anders zu denken und genauso anders darüber zu schreiben, irgendwann war das nicht mehr synchron, bei „The Face“ zum Beispiel war es so oder bei „Tempo“.

Bei „Rookie“ geht es nicht mehr nur um Mode

Die fünfzehnjährige Tavi Gevinson, Chefredakteurin des amerikanischen Mädchenmagazins „Rookie“, hat diese Probleme clever umgangen. Seit sie elf ist, schreibt sie ein Blog über Mode, „style rookie“, das hat natürlich schnell für ziemliches Aufsehen gesorgt: eine Elfjährige, die dann bald auch zu Modenschauen nach Paris eingeladen wurde, Fotostrecken für etablierte Magazine gestaltete oder Videos von der New Yorker Fashion Week drehte, sogar die „Bild“ berichtete. Tavi sah beängstigend schlau aus bei alledem, zierlich und klein mit monoton lässiger Stimme, die erstaunlichste Hipsterbrille im blassen Gesicht - und dann erwähnt sie im Nebensatz mal einfach so Edie Sedgwick. (Man muss sich nicht schämen, wenn man googelt, wer das ist, man muss sich eher fragen, wann genau in ihrem jungen Leben Tavi Gevinson das getan hat.)

Aber bevor sich dieser irritierende Effekt abnutzen konnte oder verdächtig wurde - ein Teenager zwischen Jason Schwartzman, Karl Lagerfeld und den Schwestern vom Modelabel Rodarte, das könnte man ja auch für einen Trick halten -, hat sich Tavi Gevinson aus Oak Park in Illinois befreit von dem Druck, das jüngste Radar der übernächsten Kollektionen zu sein, und sich im letzten Frühjahr zusammengetan mit Jane Pratt und ein Magazin gegründet. Für Mädchen. Im Internet. Wo sonst?

Bei „Rookie“ geht es jetzt nicht mehr nur um Mode, sondern gleich um alles, aber dafür eben auch nicht mehr um ein Wunderkind namens Tavi allein. „Today, Yesterday, This Month, Everything“ steht oben auf der Website, das sortiert zwar nur das Erscheinungsdatum von Artikeln wie „Getting over the Suburban Teenage Wasteland Blues“, aber im Grunde steckt es auch die Welt ab, aus der hier ungefähr fünfzig Autorinnen (und ein Autor namens Spencer) berichten. Und die nicht nur aus Vororten besteht und dem Blues, den sie auslösen.

Jetzt ist sie wieder da

Jane Pratt wiederum, die für „Rookie“ die gute Fee und Patin gleichzeitig ist, so steht es jedenfalls im Impressum, war auch mal ein Wunderkind im amerikanischen Gegenwartsbeschreiben: Anfang der Neunziger leitete sie die Redaktion von „Sassy“, das eigentlich als Musikmagazin für Mädchen begann, aber dann noch mehr ein Magazin für Mädchen wurde, deren Leben sich wegen Gefühlskomplexität und abweichender Kleidung stark von der Gegenwart abhob, woraus sich eine ästhetische Haltung ergab, die bald sehr populär wurde: Grunge, im weitesten Sinne.

Chloë Sevigny war 1992 Praktikantin bei „Sassy“, mit siebzehn und lange bevor sie mit dem Film „Kids“ 1995 berühmt wurde. Aber eigentlich waren es damals die Jahre von Winona Rider: So wie sie das Gesicht von Grunge war, war „Sassy“ das Magazin für Mädchen wie Winona Rider und solche, die gern so aussähen, und Jungen, die gern eine Freundin wie Winona Rider gehabt hätten.

„Sassy“ verschwand dann genauso wie Winona Rider verschwand, was bestimmt miteinander zusammenhängt. Jane Pratt, Jahrgang 1962, blieb noch einige Zeit länger die Chefin vom Nachfolgemagazin „Jane“, das schließlich auch eingestellt wurde, sie bekam eine Tochter, ging zum Radio, und jetzt ist sie wieder da.

Teenagerleben jenseits vorgefertigter Kulturprodukte

„xoJane“ heißt ihr Onlinemagazin, und dort, wo Tavi Gevinsons „Rookie“ verträumt erst mal im riesigen Katalog der Dinge blättert, die einen in der Pubertät überfallen, der Körper, die Bücher, die Eltern, die anderen, dort ist „xoJane“, weil für ein Publikum jenseits der Zwanzig gemacht, maliziöser, oft böse, sehr witzig und eigentlich illusionsfrei, wenn es um Körper und Bücher und darum geht, selbst Eltern zu sein. Wo es bei „xoJane“ um den Beruf geht, geht es bei „Rookie“ um die Schule. Weil man aber mit den formativen Erlebnissen aus der Schulzeit auch das Personal und die Probleme jenseits des zwanzigsten Lebensjahres sehr gut analysieren kann, sind die Geschichten auf lustige Weise oft sehr ähnlich.

„Rookie“ ist für Mädchen im Teenage-Alter - mehr Erklärung braucht und gibt die Website nicht. Was sich die Mädchen und Frauen, die hier schreiben, für Leserinnen wünschen, erfährt man eher im Nebensatz einer Geschichte über, genau, Chloë Sevigny, die nämlich zu den Heiligen von Tavi Gevinson gehört: „Cool but not bored, sweet but not sugarily so“, cool, aber nicht gelangweilt, süß, aber nicht überzuckert. Man findet auf dieser Seite eher Referenzen zu „Harold und Maude“ als zu den Filmen der „Twilight“-Serie, man findet überhaupt einen Haufen Gegenargumente zur gängigen Erzählung, dass sich das Leben von Teenagern um vorgefertigte Kulturprodukte dreht.

Viele Stimmen sprechen durcheinander und zueinander

Eher geht es in den Geschichten von „Rookie“ darum, sich gegen diese Art von Vorgefertigtheit zu wehren: Eine Bildstrecke neulich, „Annie’s Room“ betitelt, wanderte einmal durch dieses Zimmer von dieser Annie, Nachname ungenannt, einem jungen Mädchen, das aussah wie eine Mischung aus Charlotte Roche und Miranda July und das sich zu Hause ein Reich gebaut hatte aus Billy-Wilder-Postern, Fotos von Marc Bolan, allen Harry-Potter-Bänden, einem Marsriegel-Notfallschalter und tausend anderen Kleinigkeiten, die zusammen eher eine Stimmung als eine Weltanschauung ergeben. Die Geschichten auf „Rookie“, die Collagen und Bildstrecken untersuchen oft, wie sich die Zeichen zueinander verhalten und wo man zwischen ihnen steht.

„xoJane“ dagegen erklärt sich selbst im Impressum zu dem Ort, „wohin Frauen gehen, wenn sie an sich selbst denken, und wo ihr Egoismus bestärkt wird. Hier kann man nicht herausfinden, wie man es dem Mann, der Mutter, den Kindern oder dem Boss recht macht. Hier kann man den Dingen nachgeben, die einem guttun.“ Beide Magazine gäbe es in ihrer erzählerischen Form sicher nicht ohne die sozialen Medien des Internets, ohne die Zufallsschönheit von Blogs, das idiosynkratische Schreiben, ohne ein Ich, das ständig über sich spricht und um sich kreist. Beide Magazine sind entschieden keine Ratgeber, wie es die „Brigitte“ oder deren Online-Ableger „Brigitte Young Miss“ sind oder auch neuere Hefte wie „Fräulein“. Hier sprechen viele Stimmen aus ihrem Leben durcheinander und zueinander, und das sortiert sich zu einem größeren Ganzen, an das man sich halten kann oder eben nicht.

Wer ein Jahr älter ist, hat keine Ahnung mehr

Es macht jedenfalls Spaß zu sehen, wie diese Stimmen, wie das Ich bei den sehr jungen Autorinnen von „Rookie“ immer genauere Konturen bekommen: So will ich leben, so kann ich aussehen, das bin ich - und wie dann bei „xoJane“ diese Konturen weicher werden (eher selten) oder härter (eher oft). „It happened to me“, heißt dort eine Rubrik, „Das ist mir passiert“, ich habe mich geritzt, mein Vater starb, und ich war 4000 Kilometer weit weg, ich habe meinen Vergewaltiger ins Gefängnis gebracht, ich habe mich für ein Nacktmagazin ausgezogen, ich habe was mit einem Fünfzehnjährigen angefangen. Eine etwas weniger dramatische Bekenntnisrubrik heißt einfach nur „I Have Opinions!“, was den Hang zum Kolumnismus, der auf „xoJane“ manchmal auch herrscht und die Kehrseite der guten Geschichte vom Ich ist, angenehm kontert und ironisiert. Wo „Rookie“ vom Glück handelt, seine eigene Meinung zu finden, handelt „xoJane“ davon, sie auch mal für sich zu behalten, weil Meinungen eben verdächtig oft vorgefertigte Kulturprodukte sind.

Martin Walser hat mal gesagt: „Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung.“ Er hat da zwar von früher und vom Krieg und nicht von Mädchenmagazinen geredet, aber so oder so stimmt der Satz nicht. In Wirklichkeit ist es so, dass, wer ein Jahr älter ist, keine Ahnung mehr hat und dann Magazine wie Tavi Gevinsons „Rookie“ lesen muss und mit etwas Glück davon etwas schlauer wird. Man steht so in einem Strom von Dingen, die schon nächste Woche nicht mehr richtig zueinander passen können. Bis dahin halten sie aber die Welt zusammen, und wenn es nur die Welt von Tavi Gevinson ist.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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