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Magazin-Geschichte : Die braunen Wurzeln des „Stern“

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Ein Titelblatt des ersten, bereits 1938 gegründeten „Stern“: Hitler im Kreis der Künstler Bild: Stern, Halem-Verlag

Bald nach dem Krieg wurde der „Stern“ zu Europas größter Illustrierter - und ihr Chef Henri Nannen zu einer journalistischen Leitfigur. Neue Quellen belegen nun die anfänglich frappierenden Ähnlichkeiten mit dem NS-Magazin gleichen Namens.

          Im Herbst 1950 eskalierte der Streit zwischen „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen und seinem besten Mann. Karl Beckmeier, Bildredakteur und Nannens Stellvertreter, konsultierte den renommierten Urheberrechtler Kurt Bussmann, um auf der juristischen Ebene ausfechten zu lassen, wem die Meriten für die Erfindung der Illustrierten gebührten. Laut Beckmeiers Sohn Michael spielten sich bei den Verhandlungsrunden mitunter skurrile Szenen ab: So habe seine Mutter Ursula Marquardt-Beckmeier, vor dem Zerwürfnis als Graphikerin für den „Stern“ tätig und mit dem Kontrahenten per du, den „Herrn Nannen“ aufgefordert, sich ein Stück Papier zu nehmen und das „Stern“-Logo zu zeichnen. Nannens Antwort: „Ich bin heute nicht zum Zeichnen aufgelegt.“

          Einen unvollständigen Schlussstrich unter den Zwist, der vom Abgang Beckmeiers zur „Schwäbischen Illustrierten“ und seiner Rückkehr auf Vermittlung des „Stern“-Druckers Richard Gruner begleitet wurde, zog ein Vergleich, den die Parteien 1959 schlossen. Gegen die Zahlung von zehntausend Mark trat Ursula Marquardt-Beckmeier das unbeschränkte Verfügungsrecht am Logo an den Verlag Henri Nannen ab. Ungeklärt blieb aber der Konflikt um das visuelle Gesamtkonzept des Blattes.

          Henri Nannen, Galionsfigur des neuen „Stern“, hatte als Kampfpropagandist in der Nazizeit Netzwerke aufgebaut, deren Fäden auch unter demokratischen Vorzeichen hielten

          Episoden wie diese werfen ein neues Licht auf die Gründung des „Stern“ im Jahr 1948. Wohl keine Legende der deutschen Nachkriegspresse besitzt ein ausgeprägteres Beharrungsvermögen als jene, nach der Nannen das später von ihm zur weltweit größten Illustrierten aufgebaute Blatt quasi über Nacht erfand. Dazu trug nicht zuletzt seine wohldokumentierte Marotte bei, die eigene Vergangenheit anekdotenhaft zu verklären. Doch besteht die publizistische Marke „Stern“ nicht erst seit 1948. Als der gebürtige Emder drei Jahre nach Kriegsende die Zeitschrift ins Leben rief, war der Titel bei der deutschen Bevölkerung bereits eingeführt. Zehn Jahre zuvor hatte es im Deutschen Reich ein Blatt gleichen Namens gegeben.

          Durch einen Zufall zum Lizenzträger avanciert

          Der „Hauptschriftleiter“ des „alten“ „Stern“ war Kurt Zentner. Er absolvierte von 1934 an eine steile Karriere bei Ullstein und im Deutschen Verlag, verantwortete als Chef vom Dienst der „Berliner Illustrierten“ die erfolgreichen Sonderhefte zu den Olympischen Spielen 1936. Im folgenden Jahr sammelte Zentner auf einer Studienreise durch die Vereinigten Staaten Anregungen für eine innovative Film- und Kulturillustrierte. Der „Stern“, im September 1938 auf den Markt geworfen, entwickelte sich mit Auflagen von 750.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager – und zu einem Musterbeispiel nationalsozialistischer Integrationspropaganda. Plumpe Hetze blieb außen vor, den Erfolg brachten aufwendige Fotostrecken, exklusive Reportagen aus dem Leben Prominenter, Fortsetzungsromane, Humorseiten, ein farbiges Layout und – jedenfalls zu Anfang – nackte Haut und sogar Berichte aus den Vereinigten Staaten.

          Kurz nach Kriegsbeginn wurde der als „Vierteljude“ diskreditierte Chefredakteur Zentner entmachtet, der „Stern“ in die Soldatenpostille „Erika“ umgewandelt. Max Amann, Leiter des nationalsozialistischen Eher-Verlags, hatte den Coup hinter dem Rücken seines Rivalen Joseph Goebbels eingefädelt. Der Propagandaminister äußerte in einer internen Konferenz zur Lenkung der Presse Überraschung und Missfallen über das plötzliche Verschwinden des Titels.

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