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Magazin „Die Dame“ : Berliner Nabelschau

Die neue „Dame“ mit einem Titelbild des Künstlers Thomas Ruff. Bild: Axel Springer Verlag

Ein paar Mittemenschen schreiben eine Zeitschrift voll und nennen das Ergebnis „Die Dame“. Das Ergebnis ist sehr selbstbezüglich und sehr peinlich.

          Von 1912 bis 1937 erschien die Zeitschrift „Die Dame“ im Ullstein Verlag in Berlin und war etwas ziemlich Besonderes. Tucholsky und Brecht, Colette und Klabund waren sich nicht zu schade, für diese Frauenillustrierte zu schreiben, und Künstler wie George Grosz und Tamara de Lempicka gestalteten die Titelbilder. Die „Dame“-Frauen trugen ihre Haare kurz, sie fuhren Auto und sahen gut aus dabei. „Die Dame“ war mondän und verlangte ihren Leserinnen etwas ab. So etwas gibt es heute nicht mehr.

          Und nun kommt wieder eine „Dame“ auf den Markt, der Verlag Axel Springer hat sich an das Unternehmen gewagt, und seufzend nimmt man die Marketingvokabeln hin, die die Veröffentlichung begleiten. „Ein analoges Ausrufezeichen“ soll sie sein, eine „superanaloge Publikation“, ein „Magazin zum Erleben“. 50.000 Exemplare beträgt die Erstauflage, 15 Euro kosten die fast dreihundert Seiten, auf Wunsch ist „Die Dame“ auch für 49 Euro in superanaloger Buchform erhältlich.

          So gelangweilt hat noch niemand Ayahuasca eingeworfen

          Ganz leicht ist es nicht, zwischen den Anzeigen den redaktionellen Teil zu finden. Auf kleinteilige Schnipselseiten verzichtet „Die Dame“ konsequent, die Texte stehen ganzseitig neben ebenso ganzseitigen Bildern von Martin Eder oder Thomas Ruff. Das ist alles recht namhaft. Aber wie wurde diese legendäre historische Zeitschrift in die Gegenwart übersetzt – in eine Zeit, in der es nur noch ein recht undeutliches Damenkonzept neben all den Frauen, Mädchen und Best-Agerinnen gibt? Eine Dame von heute, so denkt man sich, ist im Idealfall sehr souverän und einigermaßen humorvoll und interessiert sich für die Dinge, die in der Welt vorfallen. So sollte diese Zeitschrift auch sein, das würde man als selbsternannte Dame gerne lesen.

          Und dann findet man diese Texte von den gleichen Berliner Gestalten, die ohnehin schon alles vollschreiben: Rönne, Biller, Hegemann. Ein paar fehlen, aber im Herbst soll ja auch noch eine Nummer erscheinen. Es gibt einen eröffnenden Essay über „den Versuch, im Strom der Bilder zwischen Geschlechterverwirrung und Avantgardekapitalismus ein Modell cooler Selbstbestimmtheit zu finden“, das steht da ernsthaft, und genauso holpert der Text dann auch über die folgenden drei Seiten. Eine Autorin stillt, eine besitzt ein Auto. Beide möchten anscheinend gerne darüber reden. Eine andere schreibt über kalifornisches Lifestylepipapo – so gelangweilt hat noch niemand Ayahuasca eingeworfen. Ein Journalistenehepaar weidet Schnitzlers Traumnovelle aus und klebt seine Reihenhausverruchtheiten – mit Drogen, hui! – daneben. Man möchte sie ein bisschen in den Arm nehmen, so traurig ist das alles, oder vielleicht doch lieber nicht, sonst erzählen sie einem noch mehr Details. Maxim Biller schachtelt einen langen Billertext mittenrein, und Bazon Brock wurde anscheinend auch immer noch nicht genug zu irgendwas befragt. Ein paar Rennfahrerinnen mehr – der wohl beste, weil am wenigsten selbstbezügliche Text porträtiert die Oldtimerpilotin Gaby von Oppenheim – hätten der Sache gutgetan.

          Dieses Berliner Haltungsturnen kann einem als Außenstehendem sehr schnell sehr peinlich werden. Die, die gestern noch Wir-Texte über grenzskandalöse Berghainnächte geschrieben haben, malen sich nun Lippenstift auf und schreiben Ich-Kleinklein über das, was ihnen zwischen Yoga und Bioladen widerfährt. Das ist weder souverän noch humorvoll noch interessiert es sich für irgendetwas, was in der Welt außerhalb einschlägiger Mitte-Szenebutzen los ist. Es hilft dann auch nicht, auf diese Provinzveranstaltung vorne „Berlin, est. 1912“ draufzuschreiben. Diese Zeitschrift guckt auf sich selbst, seziert die Fusseln im eigenen Nabel und stolpert dabei über die zu großen Stöckelschuhe. Man möchte ihr beim besten Willen nicht dabei zusehen müssen, Unfälle gibt es auf der Straße schon genug.

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