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Männerschweißepos auf ZDFneo : Zwei Fäuste gegen die Gentrifizierung

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Hier darf Mann noch Mann sein: Tempel (Ken Duken) will seine Familie retten und zieht für sie in den Krieg. Bild: ZDF und Christian Stangassinger

Die erste Dramaserie von ZDFneo zeigt Männer im Besitzverteidigungsmodus – Spaghettiwestern sind subtiler. Ein Epos voller Schweiß, Blut, Nutten und Koks.

          Man stelle sich vor, ein Pharao besichtigt seine endlich fertiggestellte Pyramide und muss erkennen: Der Bauleiter hat den Plan falsch herum gehalten. Das Ding steht auf der Spitze. Es flögen die Fetzen. Bei ZDFneo geht das: Man lässt jahrelang eine eigene Dramaserie entwickeln, ein romantisches Männerschweißepos, das davon handelt, wie materielle Not, Hormone und Rachedurst einen gebändigten Berserker zurück in die Arena der harten Kerle treiben, und dann wirkt die gesamte erste Staffel, als hätte jemand das Drehbuch falsch herum gehalten. Erst nach dem krassen Finale hat Mark Tempel (Ken Duken) tatsächlich allen Grund, seine Feinde mit einem Krieg von trojanischen Ausmaßen zu überziehen. Das Ende also wäre ein prima Anfang, zumindest für ein Genrestück aus den schmutzigen Winkeln Berlins, das so gern ein bisschen „hardboiled“ wäre.

          Was allerdings in der Version von Conni Lubek (Buch) und Philipp Leinemann (Regie) den Altenpfleger Mark, der sein schillerndes Halbweltleben vor vielen Jahren Frau Sandra (Chiara Schoras) und Kind Juni (Michelle Barthel) zuliebe aufgegeben hat, wieder zum Raubtier werden lässt, ist – allen Ernstes – die Gentrifizierung des Wedding. Ihr Gesicht ist das von Bausenatorin Beate Puppe, die nicht eben mit Sympathie auf Dönerbudistan blickt: „Der Kiez – was ist das denn? Ein Drecksloch voll von Abschaum.“ Und eine Faust hat die Gentrifizierung auch, die des Oberschurken Milan (Aleksandar Jovanović), der von einem eigenen Outlet-Center träumt und mit dem neoliberalen Püppchen zusammenarbeitet.

          Kiezkönige und Altenpfleger

          Die Hausbesitzerlobby in ihrem Luxussanierungsfieber schreckt vor nichts zurück, um Objekte zu entmieten: Fenster werden zugemauert, maskierte Schlägertrupps schlagen die Einrichtung kurz und klein. „Das passiert doch jetzt ständig“, weiß Tempel, ist aber trotzdem erstaunt, als es auch ihn trifft. Seine im Rollstuhl sitzende Frau und die für ihr Alter erstaunlich reife Tochter müssen die Verwüstung mitansehen.

          Der bislang noch handzahme, aber abgebrannte Tempel wendet sich – zunächst nur für einen Kampf – an seinen ehemaligen Mentor, den alt gewordenen Kiezkönig und Boxclubbetreiber Jakob (ein vom auferlegten Jargon nicht ganz überzeugter Thomas Thieme; „Altenpflege“ etwa heißt bei ihm konsequent „Ärsche waschen“). Der nimmt den verlorenen Sohn gern wieder auf, denn sein Kleinganoven-Familienbetrieb läuft nicht mehr rund, seit die zugezogenen „Yoga-Fotzen“ für die klassischen Freizeitangebote des Wedding, Nutten und Koks, immer weniger übrighaben. Dreimal darf man raten, welcher Oberschurke Jakob im Nacken sitzt. Gegen verschlagene (osteuropäische) Gangster sind herzensgute (deutsche) Zuhälter machtlos. Mark jedenfalls hat bald Blut geleckt: Hier ist er Mann, hier darf er’s sein. Weil man „Breaking Bad“-Bezugnahmen bei einem solchen Plot ohnehin kaum entkommt, haben Lubek und Leinemann einen überdeutlichen Verweis eingebaut: Die erste Leiche wird mit viel schwarzem Humor entsorgt.

          „Eine Nutte ist wie ein Ei“

          Auch alle amourösen Verstrickungen erstrecken sich ganz zufällig auf den kleinen Kreis der an der Fehde Beteiligten: Der Sohn der Senatorin hat Tempels Tochter geschwängert, die sich als Krüppel ungeliebt fühlende Sandra Tempel - „Schwach ist unsexy. Die Evolution will, dass wir uns mit den Starken paaren“ – paart sich ein wenig mit der Gegenseite, und Ritter Tempel entdeckt neben seiner Alphamännlichkeit die Liebe zur Edelprostituierten Eva (Antje Traue) wieder, einer Femme fatale mit besten Beziehungen ins Milieu. Frauen als Heilige oder Huren, Männer im paläolithischen Besitzverteidigungsmodus, da sind Spaghetti-Western subtiler. Und muss der Protagonist ständig Zettel verlieren, die den eiskalten Bösewicht auf seine Spur bringen?

          Dass das Geschehen von der Familien-Rührseligkeit über den Rotlicht-Kitsch bis zum Mann gegen Mann ausgefochtenen Gut-Böse-Krieg in Klischees ertrinkt, könnte man für eine Parodie halten. Aber dafür fehlen die Ironiesignale. Sätze wie „Eine Nutte ist wie ein Ei; ein Ei ist empfindlich“ sind hier vollkommen ernst gemeint. Es handelt sich wohl einfach um Erzählkunst aus dem Outlet-Center.

          Menschenhandel in der Kehrwoche

          Nachdem TNT mit „Weinberg“ und RTL mit „Deutschland 83“ beim verspätet gestarteten Wettlauf um neue deutsche Qualitätsserien ganz gut vorgelegt haben, ist das ZDF schon mit dem unfreiwillig albernen Action-Thriller „Blochin“ breitbeinig ins Stolpern geraten. Jetzt holt sich der kleine Bruder mit einer pathetischen Milieuschnulze eine blutige Nase. Vielleicht ist das deutsche Fernsehen für Harte-Jungs-Thematiken einfach zu brav: Es kommen bloß Karikaturen heraus.

          Dennoch lässt sich diese Serie locker weggucken, was an ihrem stimmigen Tempo liegt, dem guten Schnitt, an der Kamera von Christian Stangassinger, die dem Geschehen dicht auf der Spur bleibt und meist aus dem Dunkel heraus agiert, an der geschmackssicheren Musikauswahl, aber vor allem an den Schauspielern, die selbst ihren eindimensionalen Abziehfiguren einigen Charme verleihen. Dieser Elan hätte ein besseres Buch verdient. Vielleicht kommt es ja in Staffel zwei dazu. Aber vermutlich werden da Waffenexporte und Kehrwoche oder Menschenhandel und BVG-Streik kurzgeschlossen.

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