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Macron würdigt einen Helden : Entsetzen weicht der Bewunderung

Nun ehrte die Republik Arnaud Beltrame mit einer „Hommage national“ im Invalidendom. Macron hielt die Totenrede, würdigte das Heldentum des Verstorbenen – und sprach vom „unterirdischen Islamismus“ als Matrix des Terrorismus. So deutliche Worte hatte kein Präsident vor ihm und auch Macron selbst bis dahin nicht gefunden. Über die Osterfeiertage wurde Arnaud Beltrame von den Medien als Märtyrer gewürdigt, kein Magazin ohne ihm gewidmete Titelgeschichte: „Ein französischer Held“ titelte die Illustrierte „Paris Match“, „Was ist ein Held?“ lautete die Überschrift von „L’Obs“.

Keiner hat den Namen des Terroristen im Kopf

Auch Alain Finkielkraut hat sich diese Frage gestellt. Er gehörte zu den Intellektuellen, die angesichts des Terrors bedauerten, dass in Frankreich niemand für die Verteidigung freiheitlicher Werte zu sterben bereit sei. In einem Interview, das er dem „Figaro“ gewährte, vergleicht er Arnaud Beltrame mit Maximilian Kolbe in Auschwitz. Als Held, so Finkielkraut, habe der Philosoph Emmanuel Levinas einen Menschen definiert, der bereit ist, sich selbst aufzugeben und für einen anderen Menschen zu sterben.

Mit seinem Verhalten beendet Beltrame in Finkielkrauts Deutung die herrschende „nihilistische Konfusion“: Das Opfer des Polizisten hat nichts mit der Verachtung der Terroristen gemein, die ihr Leben wegwerfen, um möglichst viele Leben von Ungläubigen auszulöschen: „Märtyrer ist nicht gleich Märtyrer“. Die Anschläge haben Frankreich abermals erschüttert: „Aber zum ersten Mal in der blutigen Geschichte des islamischen Terrors in Frankreich weicht das Entsetzen der Bewunderung. Keiner hat den Namen des Terroristen im Kopf, jener des Retters (sauveur) hingegen ist im nationalen Gedächtnis festgeschrieben. Das ist noch nicht das Ende des Kriegs, aber ein erster Sieg.“

Alain Finkielkrauts Hoffnung stützt sich auf Macrons Rede. Noch im Wahlkampf hatte der Philosoph dem Kandidaten misstraut. Er hielt ihn für viel zu nachsichtig und naiv im Umgang mit den „Kindern der postkolonialen Immigration“. Viel zu lange habe Macron die islamische Radikalisierung und Gefahr als Ausdruck der sozialen Zustände verniedlicht. Anlässlich der Trauerfeier für Arnaud Beltram aber habe er nun erstmals „den Feind beim Namen genannt“ und „die Verantwortung für die Gewalt nicht auf die Gesellschaft abgewälzt“.

Finkielkraut sieht erstmals Anlass zu Zuversicht: „Vielleicht geht die Zeit der Realitätsverweigerung und Blindheit zu Ende.“ Auch im Schweigemarsch für Mireille Knoll erkennt er Anzeichen einer Bewusstseinsbildung: „Ich dachte, dass nach Hitler und Auschwitz der Antisemitismus für immer diskreditiert sei. Doch ein neuer Antisemitismus löst den alten ab und will sein Werk vollenden. Massenhaft verlassen die Juden ihre Wohnstätten in den Pariser Banlieues und ziehen um, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. Aber etwas tröstet mich: Als Ilan Halimi ermordet wurde, protestierten wir allein. Beim Trauermarsch für Mireille Knoll waren die Juden nicht mehr allein.“

Außerdem kritisiert Finkielkraut den Ausschluss von Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon von der Demonstration, geht hart mit dem Jüdischen Zentralrat ins Gericht: „Ist es ihm lieber, wenn der Front National ‚Tod den Juden‘ schreit und die extreme Linke die Demonstration als ‚zionistisch‘ bezeichnet?“ Der Antisemitismus ist kein Problem der Juden: „Und es ist nicht an den Juden, die Einmütigkeit im Kampf gegen die Barbarei, die sie bedroht, zu stören.“

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