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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Macht und Massenmedien Der britische Umsturz

 ·  England wirkt in diesen Tagen wie befreit von einer Besatzungsmacht. Es ist, als hätten in den letzten Jahren nicht Blair, Brown und Cameron regiert, sondern Murdoch, Murdoch und Murdoch. Wie mächtig sind Massenmedien wirklich?

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Kein revolutionärer Vergleich ist zu groß in diesen Tagen. Ein Kommentar im „Guardian“ verglich den Mut britischer Politiker, sich plötzlich gegen Rupert Murdoch zu Wort zu melden, mit den vorher unerhörten, unvorstellbaren Buh-Rufen, die dem rumänischen Diktator Nicolae Ceauescu aus einer Menschenmenge entgegenschallten und den Anfang seines Endes bedeuteten. Eine Art „britischer Frühling“ sei unterwegs, kommentierte David Carr, der Medienkolumnist der „New York Times“, „Demokratie ist ausgebrochen in Großbritannien“.

Am Donnerstagvormittag ließen Rupert Murdoch und sein Sohn dem Vorsitzenden des Medienausschusses des Parlaments noch ausrichten, dass sie sich leider aus terminlichen Gründen nicht in der Lage sähen, kommende Woche vor seinem Komitee zu sprechen. Wenige Stunden später ließ sich das plötzlich doch einrichten. Dazwischen hatte sich tatsächlich ein Bote mit einem offiziellen Schreiben auf den Weg gemacht vom Parlament zum Sitz von Murdochs „News International“. Die „Times“, die man altehrwürdig genannt hatte, bevor Murdoch sie kaufte, schrieb hinterher, dass man einstmals für Missachtung des Parlaments hingerichtet werden konnte und dass der Abgesandte auf dem Weg ausgerechnet am Tower Hill aus der U-Bahn stieg, wo Gefangene öffentlich exekutiert worden waren. Immerhin ließ sich der Ausschussvorsitzende mit den Worten zitieren: „Hinrichtung ist vermutlich keine Option mehr.“

Rechtzeitig auf die Seite der späteren Sieger

Es scheint, als sei Großbritannien von einer Besatzungsmacht befreit worden. Ein Bann ist gebrochen, und die Reaktionen sind so heftig, dass man fragen muss, ob es sein kann, dass das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht von Thatcher, Major, Blair, Brown und Cameron regiert wurde, sondern von Murdoch, Murdoch, Murdoch, Murdoch und Murdoch.

Legendär ist der Unterhaus-Wahlkampf 1992, als der konservative Premierminister John Major wiedergewählt werden wollte und alles darauf hindeutete, dass ihm das schwerfallen würde. Am Tag der Wahl erschien Murdochs Massenblatt „Sun“ mit der Schlagzeile: „Wenn (Labour-Führer) Kinnock heute gewinnt, kann die letzte Person, die Großbritannien verlässt, bitte das Licht hinter sich ausmachen“. Major gewann überraschend deutlich die Wahl, und zwei Tage später prahlte die „Sun“: „It’s The Sun Wot Won It“ – Wir haben die Wahl entschieden. Es war nicht nur ein Triumphschrei; es ließ sich auch als öffentliche Aufforderung an die Regierung zu Demut und Gehorsam lesen.

Tony Blair vernahm die Botschaft. Bevor er fünf Jahre später für Labour antrat, versicherte er sich der Unterstützung Murdochs und der „Sun“. Die nächste Wahl gewann er, so wie jede Wahl seit drei Jahrzehnten von der Partei gewonnen wurde, die die „Sun“ hinter sich hatte.

Oder war es vielmehr so, dass sich die „Sun“ jedes Mal rechtzeitig auf die Seite der späteren Sieger stellte? Auch bei Kinnock ist keineswegs sicher, dass er den Verlust der Wahl der „Sun“ zuschreiben kann. Viele Briten zweifelten tatsächlich, ob er wirklich der geeignete Premierminister wäre. Wenn die „Sun“ ihn erfolgreich als unwählbar darstellen konnte, dann deshalb, weil sie damit die ohnehin vorhandenen Sorgen der Wähler aufgriff und zuspitzte.

„Bild“ unterstützte Roland Koch - es half nichts

1998 war Daniel Finkelstein politischer Berater und Redenschreiber für William Hague. Hague war zu diesem Zeitpunkt erst seit einem Jahr konservativer Oppositionsführer, die nächste Unterhauswahl lag noch drei Jahre entfernt, aber bei einem Parteitag der Tories teilte ihm ein leitender Redakteur der „Sun“ mit, dass die Sache schon gelaufen sei. Er zeigte ihm die Titelseite vom nächsten Tag. Sie zeigte einen toten Papagei, wie im berühmten Sketch von Monty Python. Der Papagei trug das Gesicht von William Hague.

Finkelstein arbeitet heute als Journalist bei der „Times“, wo er diese Episode jetzt aufschrieb und seine Interpretation aus heutiger Sicht hinzufügte: Nicht die „Sun“ habe einen Erfolg von Hague vereitelt. Er habe schon keine Aussicht auf Erfolg gehabt. „Die ,Sun‘“, meint Finkelstein, „fühlte sich sicher, William Hague abzuschreiben, weil sie von ihren Lesern wusste, dass er keinen Erfolg haben würde. Sie spiegelte wider, was die Leute fühlten, die die Zeitung kauften.“ Finkelsteins Fazit: „It’s the readers wot won it, not the press“ – die Leser, nicht die Zeitungen, hätten die Wahl entschieden.

Ausgerechnet die in ihrer Einzelstellung in Deutschland eher noch mächtiger erscheinende „Bild“-Zeitung hat in den vergangenen Jahren einige gute Anhaltspunkte dafür geliefert, dass Menschen nicht einfach tun und denken, was ihnen ihre Medien vorgeben. Das vielleicht eindrucksvollste Indiz war der spektakuläre Misserfolg von Roland Koch vor drei Jahren, der versucht hatte, mithilfe einer Kampagne gegen insbesondere ausländische jugendliche Straftäter als hessischer Ministerpräsident wiedergewählt zu werden. „Bild“ hatte ihn nach Kräften und mit vielen hysterischen Schlagzeilen zum Thema unterstützt. Es half nicht.

„,Bild‘ ruft, Merkel springt“

Noch einseitiger und mit klaren Handlungsaufforderungen kämpfte „Bild“ in Berlin im Konzert mit anderen Springer-Blättern für zwei Volksentscheide – für eine Stärkung des Religionsunterrichts und den Erhalt des Flughafens Tempelhof. Dabei hatten sich die Verantwortlichen alle Mühe gegeben, jedes Risiko auszuschließen, und über Wochen in beispielloser Einseitigkeit und mit beeindruckender journalistischer Skrupellosigkeit den Eindruck erweckt, es gebe gar keine ernstzunehmende Alternative. Beide Volksentscheide scheiterten.

Das bedeutet nicht, dass Medien nicht Menschen manipulieren und Meinungen beeinflussen können. Vielleicht waren die Springer-Kampagnen einfach nicht gut genug gemacht.

Erfolgversprechender scheint es jedoch zu sein, nicht auf das Volk, sondern seine Vertreter zu zielen. Unvergessen, wie „Bild“ es vor acht Jahren erreichte, dass in Rekordzeit das Bundessozialhilfegesetz geändert wurde, um Zahlungen ins Ausland zu verhindern. Ein erwerbsunfähiger Mann, dessen Wohnung in Miami vom Staat finanziert wurde und den „Bild“ „Florida-Rolf“ taufte, wurde zum Symbol für angeblich grassierendes Sozialschnorrertum, und Regierung und Parlament trauten sich nicht, sich der Schlagzeilenwut mit Argumenten zu widersetzen.

„,Bild‘ ruft, Merkel springt“, fasste der ehemalige „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Michael Spreng die Machtverhältnisse im vergangenen Jahr zusammen, als die Kanzlerin gerade zum zweiten Mal in kurzer Zeit nach einer Aufforderung per Schlagzeile abrupt ihre Position geändert hatte. Man kann sich ausmalen, wie oft ähnliche Manöver im Hintergrund, noch vor einer Veröffentlichung stattfinden.

Sagen Medien uns das, was wir denken sollen?

Die Macht, die eine Zeitung hat, lässt sich aus dieser Perspektive exakt angeben: Sie ist genau so mächtig, wie Politiker es ihr zuschreiben. Eine Zeitung muss das Volk gar nicht erfolgreich manipulieren können, um Macht zu haben, es genügt die Annahme, sie könnte es. Auch in Großbritannien hat Murdoch weniger über die Massen geherrscht als über die Mächtigen. Und die wichtigste Waffe ist die Angst. Die Angst vor den Konsequenzen, wenn man es sich mit den Blättern oder ihren Verantwortlichen verscherzt.

Dass Angst kein guter Ratgeber ist, sieht man in diesen Tagen an der ARD, die angesichts einer angekündigten „Bild“-Zeitungs-Kampagne gegen sie in wilden Aktionismus verfällt und eine große Gegenkampagne plant, was besonders ironisch ist, weil Medienjournalisten in dem Senderverbund sich sonst bei jeder eigenen journalistisch motivierten, kritischen „Bild“-Berichterstattung fragen lassen mussten, ob das denn wirklich sein müsse, das Blatt und seinen Verlag damit wieder gegen sich aufzubringen.

Sagen Medien uns das, was wir denken sollen? Oder das, was wir lesen wollen? Am mächtigsten sind sie dann, wenn sich beides miteinander verbindet. Die Skepsis der Briten gegenüber einem Verlust der Souveränität an das europäische Festland ist vermutlich tief in den Genen des Inselvolkes und früheren Empires verwurzelt. Aber die Vorurteile und Ressentiments, die daraus erwachsen, werden fast täglich von den Massenblättern (und nicht nur denen Murdochs) neu aufgefrischt – mit einem nicht enden wollenden Strom von Übertreibungen, Verdrehungen und Lügen über das, was auf dem Kontinent und insbesondere in Brüssel passiert. Tony Blair kapitulierte in seiner Europapolitik vor dieser publizistischen Übermacht. Eine vernünftige Debatte ist in diesem Klima kaum möglich.

Wenn die „Bild“-Zeitung über Monate gegen „die Pleite-Griechen“ hetzt, dockt sie bei ohnehin vorhandenen Vorurteilen an. Aber nicht nur die in Deutschland lebenden Griechen werden feststellen können, dass solche Berichterstattung ganz reale Folgen hat.

Die Macht, Themen zu setzen

In den Vereinigten Staaten konnte Murdochs Propagandasender Fox News nicht verhindern, dass ein relativ liberaler Demokrat zum Präsidenten gewählt wurde. Aber die Programme sind nicht nur ein Dauerangriff auf alles vermeintlich Linke, sondern auch gegen die Vernunft. Fox News hat das Koordinatensystem der öffentlichen Debatte verschoben: nach rechts und in Richtung Wahnsinn.

Medien haben die Macht, Themen zu setzen, Handlungsmöglichkeiten von Politik zu schaffen und einzuschränken – und ihnen nicht genehme Fragen klein zu halten oder ganz auszublenden. Das ist die vielleicht unmittelbarste Macht, die sie haben, wenn sie eine gewisse Größe erreichen: sich selbst zu schützen. Dass der Abhörskandal in seiner ganzen Größe erst jetzt, mit Jahren Verspätung, ans Licht kommt, ist die Folge eines Schweigekartells. Nicht nur korrupte Polizisten und eingeschüchterte Politiker, auch die Medien selbst hatten – mit wenigen Ausnahmen – kein Interesse daran, dass die Wahrheit herauskommt.

Meinungsmacht und wirtschaftliche Interessen sind dabei nicht zu trennen: Margaret Thatcher dankte Rupert Murdoch die Unterstützung mit Vorzugsbehandlungen seiner Unternehmen. Und wenn Leo Kirch versuchte, liberale oder auch nur unberechenbare Chefredakteure im Springer-Verlag loszuwerden, ist es fast egal, ob er das aus ernster Sorge um den politischen Kurs der Blätter tat oder nur, um seinem Freund Helmut Kohl einen Gefallen zu tun, der sich dafür dann wieder revanchieren könnte.

Die Zeit solcher Freundschaftsdienste ist in Großbritannien vorerst vorbei. Es steht noch nicht fest, ob diese merkwürdige Revolution nachhaltig ist oder ob die Angst und die Kungelei wiederkommen. Für den Moment scheint immerhin die angemaßte Form der Macht der Medien gebrochen – die, die sich nicht über die Interessen ihrer Leser, sondern ihrer Besitzer legitimiert.

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