26.07.2008 · Der Netzkritiker Nicholas Carr hat in einem vielbeachteten Essay beklagt, dass die Konzentrationsfähigkeit durch das Internet sinke. Kein Grund zum Pessimismus, meint Oliver Jungen. Wer das mentale Großkunstwerk Internet nicht zu nutzen wisse, trage dafür selbst die Verantwortung.
Von Oliver JungenAbstraktion als Vermögen: Vor neun Jahren gründeten drei Studienfreunde in der Schweiz das Unternehmen „getAbstract“. Sie wussten offenbar, worauf es Entscheidern ankommt, die Bücher nur noch in Form von Sparbüchern kennen: „Unsere fünfseitigen Zusammenfassungen kommen in einem kurzen, knackigen Magazin-Format daher. Sie können sie in weniger als zehn Minuten lesen - die perfekte Länge, um die Schlüsselinformationen eines Buches zu erfassen. Die logisch strukturierten Zusammenfassungen verzichten auf alles Überflüssige, um Ihre Lektüre so effizient wie möglich zu machen.“ Mehr als vier Millionen Datenbanklizenzen wurden schon teuer verkauft. Ein Fanal?
Verwerflich ist Komplexitätsreduktion sicher nicht, die Metalektüre eine der wichtigsten Kulturtechniken. Dass im Internet vielfach der Umstieg von Wissen (dem Anspruch nach exakt) auf Information (dem Anspruch nach sozial verwertbar) stattfindet, widerlegt keineswegs den Sinn eines rigiden Aufmerksamkeitsmanagements in Zeiten instantaner Allverfügbarkeit des Weltwissens.
Krawumm, das sitzt!
Nun aber hat Nicholas Carr, seit langem im Web 2.0 beheimateter Web-2.0-Kritiker, eine Diskussion über die Veränderung des Leseverhaltens durch das neue Universalmedium angestoßen: Durch das Internet sinke die Konzentrationsfähigkeit, so Carr in einem Essay, der jüngst unter dem Titel „Is Google Making Us Stupid?“ im Magazin „Atlantic Monthly“ erschien. Der heutige Surfer sei auf kurze Texte geeicht, könne längere gar nicht mehr verstehen. Krawumm, das sitzt! Weil es von innen kommt und der Netzeuphorie etwa des Technoliberalisten John Perry Barlow widerspricht. Und wer kennt nicht die Benommenheit nach Stunden im Cybertop? Carr stützt seine Analyse auf eine unumstößliche Autorität: die eigene Erfahrung. Eine Confessio also, populärpsychologisch bebildert, das macht den Reiz des Manifests aus. Darf man es sich aber so einfach machen?
Weil Carr keine Bücher mehr liest, mag ihm entgangen sein, dass seine Thesen in vielen dieser Langtexte schon vor Jahren und bedeutend vielschichtiger vertreten worden sind. Zahlreiche Blogger reagierten dennoch auf Carr, als wäre über postmoderne Wissensformen noch nie nachgedacht worden. John Battelle etwa bricht eine Lanze für die Bricolage. In „The Reality Club“ liest man, Google habe die Informationsflut nicht erfunden. Clay Shirky bemerkt im Britannica Forum, dass ohnehin längst niemand mehr Tolstoi gelesen habe, weil das einfach die Zeit nicht wert sei. Die Chance des Überflusses sei es, Ballast loszuwerden. Darauf hat Carr geantwortet, hier steche Glaube den Verstand aus. Am hintersinnigsten hat auf die kursierenden Empfehlungen von Carrs Essay ein gewisser „kris“ im „sofa“-Blog reagiert: „zu lang. keinen nerv, das zu lesen“.
Relative Einsichten in einer relativen Welt
Weshalb überhaupt die Aufregung? Carrs Essay wärmt schließlich nur die gut abgehangene mediengeschichtliche These vom Ende der Gutenberg-Galaxis auf. Nietzsches Telegrammstil führt er mit Friedrich Kittler auf die Schreibmaschine zurück: Was tut uns da erst der Computer an? Hinzu kommen Platitüden sonder Zahl etwa über den Google-Taylorismus. Ein Verdacht stellt sich ein: Nicht der wenig instruktive Inhalt ist für die Resonanz verantwortlich, sondern der Umstand, dass sich hier ein sehr alter, reflexhafter Kulturpessimismus Bahn bricht. In diesem Fall ist das gleich doppelt bedenklich, historisch und systematisch.
Historisch: Das Abendland geht unter, seit es existiert. Man lese nur im „Staat“ nach, wie Platon über Zeitgenossen denkt, die Sport lieben, aber beim Studieren die Anstrengung hassen. Auch der von Carr zitierte Nietzsche hat schon über den „deutschen Geist“ konstatiert, „daß er gröber wird, daß er sich verflacht“: „Unsere Kultur leidet an nichts mehr, als an dem Überfluß anmaßlicher Eckensteher und Bruchstück-Humanitäten.“ Wenn etwas Patina angesetzt hat, dann die Klage über moderne Reizüberflutung. Man denke an Georg Simmels Großstadtbashing: Arbeitsteilung, Übersteigerung des Nervenlebens. Er aber war es auch, der lange vor den Dekonstruktivisten forderte, die Ablenkung müsse sozusagen universal werden: „Gerade die letzten und höchsten Abstraktionen, Vereinfachungen oder Zusammenfassungen des Denkens müssen den dogmatischen Anspruch aufgeben, das Erkennen abzuschließen“: Nur noch relative Einsichten in einer relativen Welt. Oder: Her mit dem Internet!
Nieder mit dem Ideal der intensiven Lektüre
Wo wollte man also ansetzen, wo die Trennlinie zwischen Vorher und Nachher ziehen? Schon die Konversationstheorie des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts kennt das Abundanz-Problem. Beliebt war die Auffassung vom Wort als Kleid des Gedankens. Die Rhetoriker verstanden die Allegorie vom Kleid her: Die luxuriöse Ausgestaltung des Decorums erhöhe auch den Gedanken. Dagegen regte sich vor allem im puritanischen England Widerstand: Nackt solle der Gedanke auftreten. Faktenorientierung, „plainness“, war bei der Royal Society so gefragt wie heute in vielen Onlineforen. Doch die Dichter gaben nicht auf: Alexander Pope und Robert Fergusson kämpften um 1800 gegen die stumpfe Diskurskomprimierung an.
In der historischen Leseforschung gilt es als ausgemacht, dass Carrs Revolution bereits im achtzehnten Jahrhundert stattfand. Das extensive Lesen, eine sich auf Zeitungen und ganze Bibliotheken erstreckende „Lesewut“, löste das intensive Lesen kanonischer Texte ab. Erstaunlich, dass das Buch hier als Ablenkungsmedium fungiert. Dennoch wurde die intensive Lektüre von Kulturwächtern häufig idealisiert.
Auch Zeitungen zerstreuen
Aber an diesem Punkt - wir kommen zum Systematischen - setzte immer wieder die Verteidigung der Gegenwart ein. Manfred Nagl beispielsweise hat vor zwanzig Jahren die Bedeutung des extensiven Lesens für die Eroberung einer vielfältiger werdenden Welt herausgestellt. Lyotard und Konsorten entwickelten Großtheorien über das Wissen im Zustand seiner Zerstreutheit ins textuelle Universum. Dort stehen wir offenbar heute: Die ansonsten ziemlich abgemeldete Postmoderne erlebt ihre virtuelle Wiedergeburt, beginnt ein „Second Life“, ihrerseits in den Kontrasten verstärkt. Carr übernimmt als Habermas-Avatar die Rolle des Mahners.
Die Dominanz des Effizienzprinzips indes hat mit dem Medienwechsel wenig zu tun. Auch ohne Internet gibt es genug Anreize, von der Tiefenlektüre abzuzweigen; Zeitungen sind nur ein Beispiel. Aber weshalb Ablösetheorien? Die Erfindung des Flugzeugs war noch nicht das Ende des Fahrrads. Und so wird sich auch weiterhin bei allen, die sich nicht bewusst dagegen entscheiden, die Konzentration auf einzelne Werke erhalten. Faulheit aufs Medium abzuwälzen gleicht dem ostentativen Befühlen des Tennisschlägers, wenn man einen Ball übel verhauen hat.
Feier der Exuberanz
Das größte Problem am Effizienzprinzip ist, dass es funktioniert, dass es scheinbar zu Resultaten führt, wenn man sprachliche Äußerungen auf Kernideen herunterrechnet: Der „getAbstract“-Ansatz darf tatsächlich als Ethos der Netzkultur gelten, vielleicht gerade, weil das Internet mit Datenmüll überschwemmt wird - Verzweiflung von Ertrinkenden. Ein Problem ist das, weil es vergessen lassen könnte, dass es sich lediglich um ein der Welt übergestülptes Modell handelt. Es ähnelt dem alten Atommodell, das von winzig kleinen Atomkernen ausgeht, in denen aber die gesamte Masse und Energie enthalten ist: eine Welt aus beinahe Nichts.
Nicht nur daneben, sondern historisch-systematisch darüber steht das andere Modell: die Feier der Exuberanz, das Bad im vermeintlich Überflüssigen. Zeichnet es einen Text nicht aus, wenn er unendlich viel enthält, das über eine in ihn eingesenkte Idee hinausgeht, ästhetisch-formal wie inhaltlich-allusiv? Gerade im Stilistischen unterscheidet sich das Internet trotz allen „Netzjargon“-Geweses kaum vom Rest der Kultur. Heute wird im Netz glossiert, kommentiert, argumentiert, ediert, demontiert, überredet, kurz: das gesamte rhetorische Register gezogen. Dass dort, wo jeder schreibt, auch viel Mediokres zu finden ist, wird nur zu einem Aufschwung der guten Stilisten führen, jenen, die über „plainness“ hinausgehen.
Das Internet als mentales Großkunstwerk
Eine Zielführung, so genau sie auch sein mag, ist eben nie besser als das Ziel. Am Ende aller Abstraktionen steht schließlich das Abstrakte selbst - und wer (außer dem frühen Kittler) wollte da wirklich hin? Goethe jedenfalls nicht: „Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.“ In der Digression besteht der Mehrwert. Der künstlichen Intelligenz sind wir allein durch Assoziationen überlegen, durch genießende Ineffizienz, durch energieverzehrende Trampolinsprünge im neuronalen wie im weltweiten Netz, durch, ja, Offenheit für das Abgelenktwerden, auch von der Ablenkung selbst und wieder hin zum „deep reading“. Der intellektuelle Flaneur ist die geistige Leitfigur der Zeit, heute nicht anders als vor hundert Jahren - und, seien wir ehrlich, er flaniert längst durch das Internet, das nicht Infomaschine ist, sondern mentales Großkunstwerk.
Machen wir die Gegenprobe: Alle meine Bekannten sind inzwischen im Netz heimisch - und sie lesen Bücher, zahlreiche. Es mag ja sein, dass sich hier und da jemand verläuft im Infowarenhaus; aber ist er daran nicht selbst schuld? So monopolisierend, irreführend, ausspionierend, großkapitalistisch und oft parasitär-abschätzig gegenüber dem Wissensschatz der Tradition die großen Internetdienste auch sind - hinsichtlich des Vorwurfs, Google, Wikipedia und die Blogger zerstörten unser Hirn physiologisch, plädieren wir auf: nicht schuldig.