http://www.faz.net/-gqz-7ois8

Luzern-„Tatort“ im Ersten : Sag zum Abschied leise „Hare Krishna“

  • -Aktualisiert am

Fast schon erleuchtet: Die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) bringen Licht ins Dunkel Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Wie konnte man den „Tatort“ aus Luzern nur als Blindgänger bezeichnen? Die neue Folge besticht trotz heftiger Schlachten im Geschlechterkrieg mit gelassenem Realismus. Und die „Hippie“-Bewegung kommt wirklich an ein Ende.

          In den späten sechziger Jahren war der Folksong „Donna“ eines der wichtigsten Lieder des sanften Teils der damaligen Jugendrevolte. Donovan sang ihn, Joan Baez, Esther Ofarim. Und jeder, ob männlich oder weiblich, identifizierte sich mit jenem unschuldigen Kälbchen, das gefesselt zum Schlachthaus gekarrt wird und bei seinen letzten Blicken zum Himmel die Möwen beneidet, die frei dort oben fliegen. Wenn schon, dann besser Opfer als Täter sein, lautete die Devise.

          Die Welt hat sich weitergedreht. Inzwischen leben wir in einer phlegmatisch brutalen Ellenbogengesellschaft. Doch in der Wohnung, die zu Beginn dieses „Tatorts“ die Kommissare Liz Ritschard und Reto Flückiger durchsuchen, hat die Zeit innegehalten. Überall Feder-Mobiles und indische Ketten, Räucherstäbchen und Mandalas.

          Die Mieterin heißt, wie auch anders, Donna Müller, ist Physiotherapeutin, will „spirituelle Heilerin“ werden, hat drei Kinder von drei verschiedenen Vätern und plant, samt ihnen (die sie nicht gefragt hat), nach Indien auszuwandern, wo Alain Schaller, der Vater ihres Sohnes Ravi, in seinem Ashram auf sie wartet.

          Väter werden entrechtet und ausgeschaltet

          Doch Donna Müller wird nie mehr auf Reisen gehen. Sie ist ermordet worden. Das wiederum ist nur der erste Hinweis darauf, dass weder „Hare Krishna“ noch das scheinbar beschauliche Luzern vor dem aktuellen Gesetz des Jeder-gegen-Jeden gefeit sind. Bei der Tätersuche stoßen Ritschard und Flückinger schnell auf die „Organisation Väterrechte“, der sich Hafenarbeiter Daniele Rossi, Vater der ältesten Tochter, angeschlossen hat, um sein Kind für sich zu gewinnen. „Schlampentricks“ wirft er der spirituellen Donna vor, feministische stählerne Tücke, der jede juristische und unmoralische Gelegenheit recht sei, um Männer und Väter zu entrechten, zu entwürdigen, auszuschalten.

          Ähnlich ausgeliefert und hilflos wutschäumend steht André Barmettler da, der smarte und reiche Vater Alishas, der jüngsten Tochter. Seine Demütigung erwächst aus ungewolltem Vatersein: Er hat die Kleine, Ergebnis einer kurzen Affäre, nur wenige Male gesehen, („aber ich habe immer Alimente gezahlt“), hat sie seiner jetzigen Frau, die keine Kinder bekommen kann, verschwiegen und wurde, wie sich später herausstellt, von Donna erpresst. Das Geld sollte, wie wiederum per Fernschaltung aus Indien - „Mein Sohn tut mir leid, aber ich kann hier nicht weg“ - Alain Schaller zugibt, dem hochverschuldeten Ashram zugutekommen.

          Opfer familiärer Abgründe: Donna Müller ist ermordet worden. Die Luzerner Kommissare prüfen den Tatort

          Geldgier, Karrieresucht, Bigotterie, vor allem aber Geschlechterkampf, der die Glücksträume der Hippie-Ära unbeschadet und gnadenloser denn je überlebt hat: „Kinder brauchen Väter“ schreit irgendwann ein Transparent der Väter-Organisation Rossis, die sich als Männerbund entpuppt, der Ex-Ehefrauen stalkt. Die ihrerseits alles aufbieten, um ihre Kinder den Vätern zu entfremden. Eines aber ist beiden Seiten gemeinsam: Über ihrer strikten Selbstverwirklichung, dem pervertierten Erbe der Jugendrevolte, vernachlässigen sie die Kinder, würdigen sie herab zu Werkzeugen ihres egozentrischen Fanatismus.

          „Ich hab so genug, so genug“

          Umso stummer und hilfloser stehen, hervorragend unsüß gespielt, Donna Müllers Kinder Emma (Anina Walt), Ravi (Pablo Caprez) und Alisha (Anna Fritz) zwischen den Fronten. Bis schließlich der lange angestaute Hass aus ihnen bricht. Wer hat Donna Müller umgebracht? Die Frage interessiert kaum noch, wenn gegen Ende die im letzten Moment vor dem Selbstmord bewahrte Emma verzweifelt: „Ich hab so genug, so genug“ stammelt.

          Der Satz geht einem lange nicht aus dem Sinn. Wenn er dann in einen hinteren Winkel des Bewusstseins verstaut ist, wird einem bewusst, welch einen bei aller Spannung ruhigen, mit Liebe zum Detail gedrehten Tatort man gesehen hat. Markante Gesichter wie aus Gemälden Ferdinand Hodlers, brillant beiläufige Spielweise, die Delia Mayers desillusionierte und trotzdem mitfühlende Kommissarin Ritschard so glaubhaft macht wie den grüblerisch einfühlsamen, manchmal hilflosen und gelegentlich verschämt selbstironischen Kommissar Flückiger des Stefan Gubser.

          Bei derart gelassenem Realismus, für den Regisseur Michael Schaerer und die Drehbuchautoren Eveline Stähelin und Josy Meier verantwortlich sind, lässt man der Geschichte auch die grotesk zwischen Satire und gothic novel schlingernden spiritistischen Passagen durchgehen, in denen ein junger Geisterseher - angenehm unpathetisch dargestellt von Grégoire Gros - Kontakt zur Ermordeten aufnimmt. Kaum zu glauben, dass anfangs die Schweizer „Tatorte“ als Blindgänger galten.

          Weitere Themen

          Mussolinis Architektur als Welterbe?

          Griechische Insel Leros : Mussolinis Architektur als Welterbe?

          Die griechische Insel Leros will für ihre Architektur den Welterbestatus. Die dort gelegene Stadt Lakki wurde als Einheit im Stil des Rationalismus gebaut, sie entstand, als die Insel zu Italien gehörte.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.