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Veröffentlicht: 09.03.2017, 19:52 Uhr

Luc Bondys letzter Film Im Gegenlicht lacht es sich leichter

An diesem Film drehte der Theaterregisseur Luc Bondy bis zu seinem Tod: In „Falsche Vertraulichkeiten“ glänzt Isabelle Huppert als Dame von Welt, die ihrem jungen Privatsekretär verfällt.

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© © Jess Hoffman Die Dame von Welt und ihr privater Sekretär: Araminte (Isabelle Huppert) und Dorante (Louis Garrel) kommen sich nicht nur im Park näher.

Zur Beerdigung des Theaterregisseurs Luc Bondy im Dezember 2015 auf dem Père-Lachaise ließ der Pariser Vormittagshimmel dicke Trauertropfen auf die Gäste herabfallen. In strömendem Regen standen dicht aneinandergedrängt Nicolas Sarkozy und Peter Handke, Birgit Minichmayr und Bruno Ganz. Sie alle waren gekommen, um Abschied zu nehmen von einem, der das europäische Theater mit seiner überbordenden Phantasie und seinem feinfühligen Witz belebt hat, obwohl oder gerade weil er sehr früh schon gegen den Tod kämpfte.

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Mit Mitte zwanzig erkrankte Luc Bondy zum ersten Mal an Krebs, da hatte er gerade seine ersten Inszenierungen in Göttingen und München gezeigt und war am Schauspiel Frankfurt Hausregisseur geworden. 1975, mit siebenundzwanzig, zeigte er dort erstmals ein Stück des damals in Deutschland wenig bekannten Rokoko-Dichters Pierre Carlet de Marivaux. „Die Unbeständigkeit der Liebe“ hieß es und wurde ein großer Erfolg.

Bondy und Marivaux - das passt

Bondy und Marivaux – das passte zusammen, weil bei beiden das Herz höher gehandelt wurde als der Verstand, es beiden um die großen Irrtümer und Versprechungen der Liebe ging. An der Berliner Schaubühne inszenierte Bondy zehn Jahre später Marivauxs „Triumph der Liebe“ mit Starbesetzung. Schon damals, 1985, setzte er seine Theaterinszenierung mit Jutta Lampe, Corinna Kirchhoff, Thomas Holtzmann und Libgart Schwarz für das ZDF in einem Fernsehfilm um. Auch aus seiner letzten, weltweit umjubelten Marivaux-Inszenierung „Falsche Vertraulichkeiten“, die Bondy am Pariser Théâtre de l’Odéon im Januar 2014 mit Isabelle Huppert und Louis Garrel auf die Bühne brachte, wollte er einen Film machen. Einen richtigen Kinofilm diesmal. Noch auf dem Krankenbett ließ er sich den Rohschnitt zeigen, war voller Tatendrang und starb dann doch zu früh, um alles zu vollenden. Seine Frau, Marie-Louise Bischofberger, selbst Dramaturgin und Regisseurin, hat den Film zu Ende geschnitten. Ins Kino wird er in Deutschland wohl nicht kommen, aber Arte zeigt ihn heute.

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Marivauxs 1736 geschriebene Liebesposse über die Intrigen eines gutaussehenden Privatsekretärs, der sich in die Dienste einer reichen Madame schleicht und seine abgründigen erotischen Spielchen mit ihr treibt, ist unter der zärtlichen Regiehand von Luc Bondy zu einem sehr feinfühligen Theaterfilm geworden. Ein Theaterfilm nicht nur, weil fast alle Szenen im Gebäude des Théâtre de l’Odéon spielen – auf der prachtvollen Terrasse, im herrschaftlichen Treppenhaus ebenso wie auf dem düsteren Schnürboden und in der Kellerküche –, sondern auch, weil die Gänge und Gesten der Schauspieler ihrem Wesen nach Theatergänge und Theatergesten sind. Also selbst etwas bedeuten wollen, nicht nur einfach passieren, um einen Handlungsgang oder eine Gemütsregung anzuzeigen.

45196082 © © Jess Hoffman Vergrößern An diesem Film arbeitete er bis zuletzt: Der Regisseur Luc Bondy bei den Dreharbeiten zu „Falsche Vertraulichkeiten“.

Wenn Isabelle Huppert ihrem schlafenden Sekretär die Zigarette aus den Fingern windet und sich langsam und ohne Berührung über ihn beugt, dann liegt in dieser extrovertierten Körperdrehung die Grazie einer Bühnenbewegung, die noch die letzten Zuschauer im dritten Rang entzücken will. Wenn Louis Garrel sich in seiner Dienstbotenkammer auf einem Bein um die eigene Achse dreht, kaum dass seine Madame den Raum verlassen hat, tut er das mit dem schnippischen Charme eines Verführers, der so nur noch im Theater glaubhaft ist. Bondy schafft es trotzdem, all das und viel mehr auch im Gegenlicht des anderen Mediums Film wirksam werden zu lassen.

Was Marivauxs Intrigen-Handlung an Vorlage bietet, wird vom Regisseur mit großer Lust in fein gearbeitete Szenenbilder eingeteilt. Das Gesicht von Huppert leuchtet durch Fensterscheiben und weiße Vorhänge, ihre spöttisch-strengen Züge spiegeln Enttäuschung und bleiben doch hoffnungsvoll. Die sonst so Ernste lacht hier über ihre eigenen Gefühle und den Konversationswahnsinn, den sie damit anrichtet.

Einmal sitzen die Dame und ihr Sekretär im Jardin du Luxembourg auf den grünen Blechstühlen und fallen kurz übereinander her. Dann ist wieder alles ruhig und nimmt seinen stillen Lauf. Das Licht scheint hell in diesem Film, die Kamera blickt in sonnendurchflutete Kammern und Flure, in denen auf prächtigem Mobiliar im seidenen Sommerkleid Schicksalsentscheidungen getroffen werden. Der Bühnenbildner Richard Peduzzi hat die Räume für Bondy so ausgestattet, dass sie zwischen allen Zeiten und Orten liegen, die im letzten Jahr verstorbene Moidele Bickel hat den Spielern Kostüme auf den Leib geschneidert.

„Falsche Vertraulichkeiten“ ist ein Film von einem, der sich nach Schönheit und Ruhe sehnt. Allein wie oft hier jemand auf Kissen oder ins Bett sinkt, wie langsam gesprochen, wie wenig sich bewegt wird – das Leben könnte doch auch endlos sein, warum sich also hetzen? Wenig ist zu spüren vom Pointen-Pingpong des Originals. Es kommt einem nicht so vor, als ob Luc Bondy noch einmal alle Kraft hätte zusammennehmen müssen, um seinen letzten Film zu drehen. Er ist gemacht mit jener bondyhaft-sinnlichen Leichtigkeit, die uns jetzt auf dem Theater so fehlt.

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