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TV-Krimi im ZDF : Wie bringe ich die Jagdgesellschaft zur Strecke?

Das Aktenstudium lohnt sich: Lotte Jäger (Silke Bodenbender) sichtet Unterlagen zu einem Verbrechen aus der DDR-Zeit. Bild: ZDF und Hans-Joachim Pfeiffer

In „Lotte Jäger und das tote Mädchen“ bringt eine Kommissarin ein Verbrechen aus der DDR-Zeit ans Licht. Die Täter, allesamt hohe Parteikader, kamen damals davon. Das soll sich ändern.

          Es ist Sommer. Ein altes Haus, ein verwachsener Garten, Himmel, Sonne, Bäume, ein Liegestuhl: es sind schöne Bilder, mit denen dieser Film beginnt. Hier wohnt Lotte Jäger (Silke Bodenbender). Sie war eigentlich einmal bei der Mordkommission, nach zwölf Jahren konnte sie aber keine Toten mehr sehen und wechselte in die Abteilung „SE 12“, die Sonderermittlung für ungeklärte Morde. Gemeinsam mit ihrem ostdeutschen Kollegen Kurt Schaake (Sebastian Hülk) buddelt sie nun alte Geschichten wieder aus – durchaus mit Erfolg, wie die Schlagzeile einer Zeitung vermuten lässt. „Das Vergangene ist nicht tot“, sagt Lotte Jäger, „es ist nicht einmal vergangen.“

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Schauplatz der Vergangenheit ist in diesem Fall die DDR. August 1988, Schorfheide in Brandenburg: Eine junge Frau mit langen roten Haaren und einem Sommerkleid wird von Jägern durch den Wald gehetzt – das ist die Symbolik des Films, die sich allerdings anders auflöst, als man denkt. In der Tat ist die Frau auf der Flucht, doch es ist ihr Liebhaber, der hinter Birgit Wachowiak (Isolda Dychauk) her ist, in bester Absicht, wie es scheint. Die Jäger versammeln sich anschließend auf dem Jagdschloss Hubertusstock, allesamt Parteifunktionäre, Diplomaten, zwielichtige Gestalten. Kurz darauf wird Birgit, die als Angestellte im Schloss gearbeitet hat, tot im Wald aufgefunden. Ihr Liebhaber beteuert seine Unschuld, wird aber trotzdem ins Gefängnis gesperrt. 27 Jahren später kommt der Fall durch eine unvermutete Begegnung wieder ans Licht.

          Damit die hochgestellten Herren etwas zu trinken haben: Birgit (Isolda Dychauk, links) und Sonja (Anna Maria Mühe) sind dienstverpflichtet worden.

          Lotte Jäger wird gerufen – um „unblutige Kreuzzüge für die Gerechtigkeit“ zu führen, wie ihr ein Tatverdächtiger vorwirft? Wohl kaum. Dass sie nicht „taff“ sei, wie sie über sich selbst sagt, stimmt natürlich nicht. Nur ist das bei ihre keine bloß vordergründige Haltung. Die Ausstrahlung der Figur ist wie die Stimmung in ihrem Garten. Nichts ist verstellt, nichts zu viel oder zu wenig, Silke Bodenbender spielt ihre Rolle bis ins Detail natürlich und glaubwürdig. Lotte Jäger ist anders als die Kommissarinnen, die man aus dem Fernsehen sonst so kennt.

          Sie verkörpert nichts Kaltes, sondern wirkt eher zugewandt und ruhig, ohne sich dabei das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Sie ist der Gegenpol zu den Abgründen, die sich in dieser Geschichte offenbaren: die skrupellose Jagdgesellschaft, die maßlose Gier der alten, stockbetrunkenen Männer, die sich an zwei jungen Frauen vergehen, der ganze Parteifilz, die Vertuschungen, Macht und Korruption, der real existierende Sozialismus von seiner übelsten Seite. Was es bedeutet, von Männern solchen Schlages gebrochen zu werden, spiegelt sich in der Freundin der Toten, die Anna Maria Mühe ganz herausragend spielt.

          Man sollte ihnen nicht im Dunkeln begegnen: Diese Amateur-Jäger führen nichts Gutes im Schilde.

          Wer aufmerksam hinschaut, wird sich den Tathergang vielleicht ein bisschen zu rasch erschließen können, doch das mindert die Qualität des Films nicht, der ohnehin mehr sein will als ein bloßer Krimi. „Inspiriert von wahren Begebenheiten“, wie es im Vorspann heißt, wurde er unter der Regie von Sherry Hormann an Originalschauplätzen des Jagdschlosses gedreht, das Drehbuch kommt von Ralf Zöller und Rolf Basedow, dem „Stammautor“ von Dominik Graf. Der Film ist berührend und aufwühlend, er besticht durch die Kraft der Bilder, die stimmige Atmosphäre und die durchweg starke Besetzung. Dass selbst an der Arbeit für die Nebenrollen nicht gespart wurde, zeigt der glänzende Auftritt von Marie Gruber in der Rolle als abgeklärte Mutter der Toten.

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