08.01.2008 · Vicco von Bülow öffnet seine Archive: Loriots komplettes Fernsehschaffen ist auf DVD erschienen. Seine Sketche erzählen von den Schrecken der Gemütlichkeit und zielen ins Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft.
Von Jörg ThomannUnd wenn das deutsche Volk dereinst ausgestorben ist, dann wird es an die Pforte treten zum Völkerhimmel, wo die untergegangenen Nationen fröhliche Feste feiern, und dem Petrus wird erst einmal die Kinnlade herunterklappen: die Deutschen! Schwermütige Grübler und steife Beamte allesamt - das kann ja heiter werden. Doch das kann es wirklich. Denn während Petrus noch über Strategien sinnt, den Neuzugang an den Kollegen ganz unten zu delegieren, zieht das deutsche Volk sechs Silberscheiben aus der Tasche: die „vollständige Fernseh-Edition“ des Loriot. Es darf eintreten.
12 Stunden und 40 Minuten umfasst das komplette Fernsehschaffen Vicco von Bülows. Für ein bald fünfundachtzig Jahre umfassendes Leben ist das ein durchaus mageres OEuvre; an einem ganz normalen Fernsehtag könnte man eine entsprechende, über die großen Privatsender verteilte Menge an Comedy-Formaten konsumieren und würde anschließend von jedem gewissenhaften Hausarzt krankgeschrieben. Ein halber Tag Loriot hingegen reinigt Geist und Seele, macht uns klüger, glücklicher und gelassener. Doch die Deutschen von der heilsamen Wirkung Loriots zu überzeugen hieße, Eulen nach Athen oder auch Pirole nach Brandenburg zu tragen.
Fernsehpremiere mit dreiundvierzig
Gewiss gibt es dennoch Gründe, sich diese DVD-Sammlung nicht zuzulegen. Darunter ist der beste, dass man sie bereits zu Weihnachten bekommen hat. Ein nicht ganz so guter ist der Besitz des vor gar nicht langer Zeit auf DVD erschienenen Loriotschen „Sketch-Archivs“. Denn wo jenes ausschließlich, aber auch nicht ungekürzt die fraglos populärsten Stücke Loriots aus seinen Tagen bei Radio Bremen (1976-1978) präsentiert, hat für die neue Edition der Meister in monatelanger Mühe sein häusliches Archiv durchforstet und bis dato weder auf Video noch auf DVD veröffentlichte Zeichentrickfilme ans Licht geholt. Außerdem finden sich hier Loriots Trickfilme und seine Moderationen aus jener Sendung, mit der er im reifen Alter von dreiundvierzig Jahren erstmals vor das Fernsehpublikum trat („Cartoon“, 1967-1972), seine Geburtstagssendungen, die Auftritte mit den Berliner Philharmonikern und vieles mehr. Wer sich also die neue Fernseh-Edition zulegt sowie die beiden Kinofilme, der verfügt über sämtliche Bewegtbilder, die Vicco von Bülow persönlich zu verantworten hat.
So stoßen wir nicht nur auf unverwüstliche Bekannte wie die Steinlaus oder Erwin Lotte-, Pardon, Lindemann, sondern auch auf eine knapp vierzig Jahre alte Variante der „Love Story“, in der ein älterer Herr, Typ pensionierter Beamter, mit seinem späten Mädchen Hand in Hand über einen Acker hüpft. Die so lachhafte wie rührende Idylle endet abrupt, als die Mundharmonika aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ ertönt, zwei finstere Revolverhelden - einer von ihnen Loriot - ins Bild stapfen und das schutzlose Paar kaltblütig abknallen: eine drastische Widerlegung des hartnäckigen Vorurteils, dass Loriots Humor harmlos sei. Nicht gemildert, wohl aber ins Bizarre weitergedreht wird die Sache durch die Schlussszene, in der wiederum ein Liebespaar Hand in Hand über den Acker tollt: die beiden Todesschützen. Ebenso böse ist die „Wünsch dir was“-Parodie, in der Loriot als jovialer Showmaster „die ganze liebe Familie Schackelgruber“ in einem Sack im Wasserbassin versenkt, aus dem sie ungeschickterweise nicht mehr lebend auftaucht und somit verloren hat.
Präzise und unbarmherzig
Wer solche Nummern für frühe Ausrutscher hält, der verkennt, dass die späteren Sketche ihnen an Schärfe nicht nachstehen. Präzise und unbarmherzig dekonstruiert Loriot das bürgerliche Individuum in seiner beredten Sprachlosigkeit. Selten klang das Wort „gemütlich“ furchteinflößender als beim trostlosen Weihnachtsfest der Familie Hoppenstedt mit ihrem dicken, verzogenen Einzelkind, dem senilen Opa und den Bergen an nutzlosen Geschenken. Anders als viele seiner Epigonen grenzt Loriot niemanden aus und spottet nie über Schwächere; seine Kritik zielt stets ins Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft. So können wir uns selbst erkennen - und zugleich befreit auflachen, weil nicht wir, sondern einer unserer Artgenossen die Wohnungseinrichtung in Trümmer gelegt hat: noch mal Glück gehabt.
Kaum mehr als fünf Minuten lang treten die Helden der Loriotschen Kurzdramen auf, doch sind Gesten und Worte so genau gesetzt und der Wiedererkennungswert so hoch, dass sich vor uns ihr gesamtes Dasein ausbreitet. Erst dadurch wird die tragische Komponente dieser Komik ersichtlich: Der ergraute Romeo, der den womöglich wichtigsten Augenblick in seinem Leben durch einen widerspenstigen Spaghettirest verpatzt, wird anschließend fern unserer Blicke seine traurige Existenz weiterführen. Milde zeigt sich Loriot nur insofern, als er seinen Geschöpfen die Gnade der Ignoranz gewährt: Sie werden des ganzen Ausmaßes ihrer Lächerlichkeit nicht gewahr. Und auch Romeo wird nie erfahren, dass seine Hildegard, als er ihr sein Innerstes öffnete, nur eine Nudel sah.
„Ach was“ heißt „indeed“
Unter den Extras der DVD-Edition findet sich manch Überraschendes. Frühe Homestories aus den Fünfzigern und Sechzigern etwa, in denen der später so diskrete und medienscheue Künstler mit Frau und Kindern vorm schmucken Häuschen posiert. Oder Aufnahmen, die vom Perfektionismus noch des Achtzigjährigen zeugen, der bei den Proben zu seiner Geburtstagssendung einem scheinbar unbedeutenden Detail wie einem Bilderrahmen auf dem Schreibtisch gefühlte Stunden widmet. Da ist es fast beruhigend zu erleben, wie ihm, dem stets Formvollendeten, nach einer Panne bei einer Probe ein ganz unbürgerliches „Scheiße“ entfährt - ebenso wie, in einer ähnlichen Szene, der großen Evelyn Hamann.
Und wie um noch ein weiteres Vorurteil zu widerlegen, dass nämlich Loriots Humor im Ausland nicht verstanden werde, finden sich auf einer der DVDs eine Reihe von Sketchen, die für die BBC englisch synchronisiert worden waren; das klingt eigentlich ganz passabel, auch wenn hier mysteriöserweise ein Herr Müller-Lüdenstadt auftaucht (und zwar aus der Wanne). Und doch ahnt man, dass sich manche Sprach- und Kulturgrenze nicht überwinden lässt. Das berühmte „Ach was“ jedenfalls, das Loriot geradezu erfunden zu haben schien, wird übersetzt mit einem vergleichsweise schnöden „Indeed“.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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