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Loriot-Ausstellung in Berlin Die Linie, die mir wichtig ist

07.11.2008 ·  Auf ihn kann man sich einigen: Loriot, der Grandseigneur des deutschen Humors, wird 85. Eine Woche zuvor ehrt ihn das Berliner Museum für Film und Fernsehen mit einer Ausstellung. Schmal in der Ausstattung, bietet sie dennoch genügend Gelegenheit, um sich kringelig zu lachen.

Von Jörg Thomann
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Vicco von Bülow, der am 12. November seinen fünfundachtzigsten Geburtstag feiert, gehört zu den ganz wenigen Zeitgenossen, mit denen ihre Mitmenschen praktisch nur Gutes verbinden; sein Werk scheint in den Rang eines Nationalheiligtums erhoben. Die Loriotsche „Universalbeliebtheit“ (Joachim Kaiser) indes überstrahlt, dass es durchaus Leute gab, die unter ihm zu leiden hatten.

Zum Beispiel der kleine Reinhold. Dem hatte der Zeichner, wie er in einem Brief vom 28. November 1957 eingestand, „großen Kummer“ bereitet. Seit 1953 erzählte Loriot im „Stern“ die Abenteuer des Cartoon-Nashorns Reinhold, das sich großer Popularität erfreute; prompt wurde der Knabe Reinhold von Mitschülern zum Rhinozeros erklärt und wandte sich hilfesuchend an den „Stern“. Seine Not ließ den Nashornvater selbst zur Feder greifen: Er werde es „bestimmt einsehen“, schrieb Loriot dem unfreiwillig Gehörnten, „dass ich den Namen nicht ändern kann“, freilich gebe es ja auch viele Zootiere mit menschlichen Namen; es folgten diverse Beispiele. Doch nicht nur solcherlei Trost oder Munition zur Gegenwehr bekam Reinhold gespendet, er durfte sich zudem ein „kleines Weihnachtsgeschenk“ aussuchen, sofern es nicht zu – das Wort „zu“ ist unterstrichen – kostspielig sei.

Karikaturisten halten Maß

Wie viele Reinholds damals beschert wurden, ist nicht überliefert. In der Regel bedurfte Vicco von Bülow keiner materiellen Güter, um den deutschen Alltag aufzuhellen. Seine nach wie vor erstaunliche Wirkung offenbarte sich am Mittwochabend bei der Eröffnung der Ausstellung „Loriot. Die Hommage“ im Museum für Film und Fernsehen in Berlin, als er unverhoffterweise selbst auf die Bühne trat, gebrechlich zwar, doch frisch im Geiste, und das mit Fernsehgrößen von Georg Stefan Troller bis Olli Dittrich besetzte Publikum zu Lachtränen rührte. „Sind Karikaturen Kunst? Der Unterschied ist: Der bildende Künstler schneidet sich gelegentlich ein Ohr ab. Der Karikaturist nicht.“

Loriot sinnierte darüber, dass er seiner Figur Opa Hoppenstedt immer ähnlicher werde, und lieferte eine Demonstration seiner freundlichen Autorität, als er mit einem knappen „Kommen Sie her!“ seinen früheren Mitstreiter Heinz „Lindemann“ Meier zu sich beorderte, welcher, obzwar auch schon achtundsiebzig Jahre alt, beflissen auf die Bühne hechtete. Die Hommage an Loriot ist die größte Sonderausstellung des noch jungen Hauses, das auch den Vorlass von Bülows beherbergen wird: eine große Auszeichnung für ihr Haus, wie die Museumsvertreter nicht müde wurden zu betonen.

Konzentration aufs Wesentliche

Es ist, doch das sagte niemand, zugleich eine beträchtliche Bürde: Welche Anmaßung, aus dem jahrzehntelangen Leben und Schaffen eines so vielseitigen Künstlers das Essentielle herausfiltern zu wollen. Und welch undankbare Aufgabe, dies in den beengten Verhältnissen des Filmhauses präsentieren zu müssen. Für die Unmenge an Material, das die Kuratoren Gerlinde Waz und Peter Paul Kubitz gesichtet haben, standen ganze drei Ausstellungsräume zur Verfügung.

Das Resultat sieht, um mit dem Jubilar zu sprechen, sehr übersichtlich aus. Mit Mut zur Lücke wurden nicht möglichst viele Stücke zusammengepfercht, sondern wenige ins rechte Licht gerückt. Auf einer Drehbühne kreisen das rote und das grüne Sofa, in die „Werkstatt“ wurde ein Schneidetisch gewuchtet. Am Ende der Ausstellung warten ein Taktstock und ein großer Spiegel auf den Besucher, vor dem er als Dirigent dilettieren darf. Doch auch in die ständige Ausstellung ist Loriot vorgedrungen. Wer auf dem Monitor die erste Mondlandung verfolgen möchte, sieht dort statt Armstrong und Aldrin die Möpse Meyer und Pöhlmann.

Die Nasen werden knolliger

Zwischen den ältesten und den jüngsten Zeichnungen, die die Schau zeigt, liegen achtundsechzig Jahre. 1940 entstanden die Skizzen, in denen der Gymnasiast seine Kostüme als Statist an der Stuttgarter Oper akkurat festhielt. Auf frühe politisch-plakative Cartoons aus den Fünfzigern – „Sylvester (sic) nehme ich immer ’ne Papierschlange“, sagt der Henker neben dem Galgen – folgen Auftragsarbeiten für Zeitschriften, Themenseiten wie „Bin umgezogen“ oder „Fasching bei der Bundeswehr“. Dann werden die anfangs spitzen Nasen runder. Die Bildtexte werden elaborierter und setzen den für Loriot typischen Kontrapunkt.

Eine Entdeckung sind die zwischen 2006 und 2008 entstandenen erstmals ausgestellten „Nachtschattengewächse“: auf Notizzetteln gebannte Traumbilder Loriots, die Motive Picassos oder Dalís aufgreifen und ihren Schöpfer doch nicht verbergen – von der kubistischen Dame mit Mops bis zum schreienden Knollennasengesicht, aus dessen Kopf ein Fuß erwächst, der einen Schirm balanciert.

Möbel bleiben Möbel

Wie wenig bewusst sich das Fernsehen seinerzeit der eigenen Bedeutung war, zeigt die betrübliche Tatsache, dass kaum Requisiten aus den Sketchen erhalten geblieben sind. Einziges Originalstück ist der graue Vertretermantel aus der „Zimmerverwüstung“, deren Ausstattung rekonstruiert worden ist – aber nur teilweise und leider gemeinsam präsentiert mit einigem Mobiliar des „Lottogewinners“. Zwar ist Loriot nicht nur versierter Verhaltensforscher, sondern auch präziser Dokumentar bundesdeutscher Wohnwelten, und die Idee gewiss reizvoll, der soliden Kleinbürgerlichkeit Erwin Lindemanns die fragile Modernität des Zimmers mit dem schiefen Bild entgegenzusetzen. Doch die erhoffte Aura stellt sich nicht ein: Es sind nur ein paar Möbel.

Konsequenter wäre es gewesen, statt zweier halber einen kompletten Raum zu rekonstruieren und den Besucher zum Wiedergänger des Vertreters zu machen: Ob es auch ihm in den Fingern kribbeln würde, das Bild geradezurücken? Ein besseres Bild der akribischen Arbeitsweise Loriots liefern Polaroidfotos sowie eine Zeichnung der Perücke des Paul Winkelmann aus „Ödipussi“, deren kantige Rückseite rot markiert ist: „Das ist die Linie, die mir wichtig ist!“, hat Loriot vermerkt.

Klugerweise lassen die Kuratoren Vicco von Bülow vor allem selbst sprechen – durch sein Gesamtwerk an Trickfilmen und Sketchen sowie mutmaßlich sämtliche Interviews und Talkshowauftritte, die er absolviert hat. Dreiundsiebzig Stunden sind zu studieren, die auch ausgewiesenen Loriotlogen Neues bieten sollten. Eine Attraktion für sich sind jedoch die Besucher selbst, die mit Kopfhörern in der Galerie stehen, Sketche schauen und sich kringelig lachen.

Loriot. Die Hommage. Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz; bis zum 29. März 2009. Anschließend im Bonner Haus der Geschichte.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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