Endlich einmal gute Nachrichten: „WDR-Programm verflacht nicht“ - „WDR spart nicht am Kulturprogramm“ - „Kultur beim WDR ist besser als ihr Ruf“. So war es kürzlich in den Überschriften von Feuilletons und Mediendiensten zu lesen. Wer sich in den Chefetagen des größten ARD-Senders periodisch mit Vorwürfen über wachsenden Quotendruck, schleichende Boulevardisierung und verschärfte Sparzwänge im öffentlich-rechtlichen Kerngeschäft herumärgern muss, weiß, was solche Schlagzeilen wert sind.
In diesem Fall knapp 100.000 Euro. So viel nämlich hat der Westdeutsche Rundfunk aufgewendet, um sich vom Deutschen Kulturrat, dem Dachverband von mehr als zweihundert Kulturverbänden und Institutionen, die Absolution für das Gesamt-Bukett seiner Kultur-Aktivitäten erteilen zu lassen. „Der WDR als Kulturakteur - Anspruch - Erwartung - Wirklichkeit“ heißt die 464 Seiten starke Publikation, die materialreich zu belegen sucht, was sowieso nie jemand bestritten hat: Natürlich ist der WDR mit 1,4 Milliarden schwerem Jahresbudget ein dicker Fisch im Biotop der nordrhein-westfälischen Kulturwirtschaft, natürlich ist er Auftraggeber für Schwadronen von Kulturschaffenden und Journalisten, natürlich bereichert er das kulturelle Leben des Landes, und natürlich sendet er Kulturbeiträge ohne Ende - vor allem, wenn der zugrundeliegende Kulturbegriff - wie in der Kulturrats-Studie - auch Popmusik, Karneval, Vorabendserien und Comedy-Sendungen einschließt.
Als PR-Agentur instrumentalisiert
Ja, und? Wen überrascht das? Was soll ein öffentlich finanzierter Sender denn sonst machen?
So könnte man fragen und dann zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens übergehen. Wäre da nicht der Anspruch der Autoren um Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann, mit dieser Studie der „gefühlten Wahrheit“ der Kritiker jetzt endlich „belastbare Fakten“ entgegengesetzt zu haben. Wer diese Kritiker sind, bleibt nicht verborgen: Gemeint sind Autoren, Regisseure und andere Kulturschaffende, und einige davon erhalten im Rahmen der Studie sogar die Möglichkeit, ihre Bedenken in Einzelinterviews darzulegen: der Regisseur Edgar Reitz zum Beispiel, der Drehbuchautor Michael Meert, der Hörfunk-Journalist Uli Schauen. Doch ihre Meinung, so wird die Studie nicht müde zu betonen, sei eben „nicht repräsentativ“, sei nur „die andere, subjektive Sicht“, bei der „viel Enttäuschung“ mitschwingt. Und: „Jede dieser Einzelmeinungen kann mit Daten und Statistiken widerlegt werden.“
Mit den Statistiken der Studie, obschon aus alten und neuen Geschäftsberichten sowie von allen wichtigen Abteilungen des WDR umfangreich mit Material unterfüttert, gelingt diese Widerlegung allerdings nicht. Die Methode, die Leser unter dem Wimpel angemaßter Wissenschaftlichkeit mit Zahlen und Tabellen zuzuschütten und gleichzeitig jede kritische Stimme als unsystematisches „Bauchgefühl“ zu verdammen, scheitert an der mangelnden Branchenkenntnis der Autoren - und damit letztlich an sich selbst. Zimmermann und seinen beiden Mitstreiterinnen gelingt es nicht, sich von den Erwartungen ihres finanzstarken Auftraggebers abzunabeln. Sie nähren damit den Verdacht, sie - und mit ihnen der Deutsche Kulturrat - könnten vom WDR als PR-Agentur instrumentalisiert worden sein.
Funktionierende Handwerker
Das ist ärgerlich. Denn der Kulturrat ist kein unabhängiges Forschungsinstitut, und sein Geschäftsführer ist kein Kultur- oder gar Medienwissenschaftler. Er hat die Interessen der ihm angeschlossenen Mitgliedsorganisationen und Sektionen zu vertreten, und das sind zu einem Teil auch diejenigen, die in der Studie für ihre angeblich unqualifizierte Sender-Kritik öffentlich abgewatscht werden: die Autoren, die Regisseure, die Dokumentarfilmbranche, die Produzenten. So kann es kaum verwundern, dass die heftigste Kritik an der neuesten Kulturrats-Publikation aus den eigenen Reihen kommt: die Mehrheit der Mitgliedsverbände in der Kulturrats-Sektion Film/Audiovisuelle Medien moniert, dass weder im Vorhinein noch im Entstehungsprozess der Studie auch nur der Versuch unternommen wurde, mit ihnen zu reden. Die dort vorhandene Fach- und Sachkenntnis war offenbar nicht erwünscht.
Nun hätte es für das Gelingen der Studie ja schon gereicht, die Interviewpartner ernst zu nehmen, denn sie geben einige der Fragen vor, die von den Autoren nicht gestellt - geschweige denn beantwortet werden: Stimmt es wirklich, dass im Bereich des WDR-Fernsehens die seitherigen Fachredaktionen für Bildende Kunst, Musik und Oper, Literatur, Architektur oder Geschichte aufgelöst wurden - wie Dietrich Leder berichtet? Dass eine unverkennbare „Autorenhandschrift“ in vielen Redaktionen des Kulturbereichs heute gar nicht mehr gewünscht wird? Dass der Sender für seine Programmgestaltung deshalb „nicht mehr nach Künstlern, sondern nach funktionierenden Handwerkern“ sucht? Dass Drittweltthemen oft nur noch dann ins Programm finden, wenn sich ein Bezug zum Sendegebiet herstellen lässt? Dass die erwartete Einschaltquote zu einem der wichtigsten Entscheidungskriterien geworden ist? Trifft es zu, dass die Honorare für kulturelle Auftragsproduktionen seit vierzig Jahren kaum gestiegen sind, wie es Edgar Reitz behauptet? Dass freien Mitarbeitern die Mehrleistung für die Internet-Aktivitäten des Senders nicht entlohnt wird, weil es gar keinen Etat dafür gibt? „Es ist mir ein Rätsel, wo das Geld des WDR bleibt“, sagt der Journalist Uli Schauen im Interview mit den Autoren.
Verspielte Unabhängigkeit
Das Rätsel bleibt - von einer Grobdarstellung der Mittelverteilung auf die verschiedenen Programmbereiche einmal abgesehen - auch in der Studie des Kulturrats ungelöst. Die Studie verharrt im Deskriptiven und bricht mit den an den Schluss gestellten Interviews genau dort ab, wo die analytische Arbeit beginnen müsste. Eine tiefergehende Bewertung der vorgelegten Zahlen, qualitative Untersuchungsansätze oder gar eine Programmanalyse sucht der geneigte Leser vergebens. Keine der von den Betroffenen aufgeworfenen Fragen wird näher untersucht. Stattdessen liest man belanglos-affirmative Sätze wie diesen: „Der WDR nimmt damit seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung als gemeinwohlorientiertes Unternehmen in der Ausbildung junger Menschen wahr.“ Das hätten wir zur Not auch so gewusst.
Ob der WDR mit dieser oberflächlichen Lobhudelei wirklich glücklich sein kann, ist schon fraglich genug. Der Kulturrat jedenfalls hat sich damit keinen Gefallen getan, denn er steht im Begriff, seine Unabhängigkeit zu verspielen. Ob davon bei dem Hintergrundgespräch für die Presse, das Kulturrat und WDR für den Mittwoch in Berlin anberaumt haben, die Rede ist?
Wer hat denn (Namen!)
Gustav Mahler (GustavMahler)
- 13.04.2010, 20:56 Uhr
Der WDR ist bekanntlich auch selbstMitglied im Deutschen Kulturrat ...
Alexander Nowak (Ploy)
- 14.04.2010, 01:28 Uhr
"Kultur"programm im Wert von 1,4 Milliarden
A Haverkamp (Man__Ray)
- 14.04.2010, 10:56 Uhr