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„Little Dorrit“ bei Arte : Charles Dickens wusste eben, wie es geht

Claire Foy spielt Amy Dorrit, die alle nur „die Kleine“ nennen.Geht deren Weg nah oben - oder ins Verderben? . Bild: BBC/Mike Hogan

Sieben Emmys hat diese BBC-Produktion gewonnen: zu Recht. Nun zeigt Arte die opulente Verfilmung von „Little Dorrit“, dem Roman von Charles Dickens. Was da von einem bestens ausgesuchten Ensemble an Menschenmöglichen aufgerollt wird, ist famos.

          Schluss mit dem Novembertrübsinn, bald weihnachtet es wieder, und bei Arte heißt das: Zeit für Charles Dickens. Nicht für seinen Ebenezer Scrooge - um diesen bösen alten Mann zu ertragen, muss man unter dem Christbaum sitzen -, sondern für eine junge Frau mit Zukunft. Der Trick an der Sache ist nämlich, dass Amy Dorrits (Claire Foy) verschlungene Lebenspfade geradewegs in unsere Gegenwart führen. Und das, obwohl sie einen vierzehnteiligen Kostüm- und Ausstattungsfilm bewohnt, der alles aufbietet, was zuverlässig Zuschauerherzen mit einer Schwäche fürs Historische wärmt: ondulierte Schläfenlocken, speckige Zylinder, Landhäuser im Licht und Londoner Gassen im Schatten, Rabengeschrei und Klaviermusik zur rechten Zeit und in all das gehüllt eine Geschichte voller Irrungen und Wirrungen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber Charles Dickens wusste eben, wie es geht. Er wusste, dass man Leute mit Geschichten packt, die etwas mit ihnen selbst zu tun haben, und vor allem wusste er, wie man das Publikum bei der Stange hält. Die Fabel von „Little Dorrit“ veröffentlichte er als Fortsetzungsroman von 1855 bis 1857 in zwanzig Teilen. Ein Teil kostete einen Shilling. Nur der letzte, eine Doppelfolge, schlug mit zwei Shilling zu Buche. Wer wissen wollte, wie es weitergeht mit der ausufernden Handlung, die zuerst ein Leben in Armut, dann in Reichtum schilderte, musste zahlen.

          Eine Welt voller doppelter Böden

          Das klingt nach einer Vorlage für die Geschäftsmodelle der Seriensender unserer Tage, und wahrscheinlich würde Dickens heute Drehbücher für HBO oder Netflix schreiben. So hat er quasi eines für die BBC verfasst (Adaption: Andrew Davies), die die Romanverfilmung 2008 gemeinsam mit dem Sender WGBH Boston ins britische und amerikanische Fernsehen brachte. Ihre sieben Emmys hat die Produktion zu Recht gewonnen. Der Einstieg ist etwas zäh, weil er eher für ein Publikum entworfen wurde, das mit den Figuren aus Dickens’ Universum vertraut so ist wie wir mit Grimms Märchen.

          Das Vergnügen, dem bestens ausgewählten Ensemble bei seinem immer nur beinahe augenzwinkernden Spiel zuzuschauen, steigt dafür mit jeder Folge. Was da alles aufgerollt wird, ist famos: Liebe, Selbstmord, Mord, Gefangenschaft, Betrug, Bankrott; ein Mann sucht seine Mutter, ein Vermögen seinen Erben, ein Detektiv die Wahrheit, Heiratsanträge werden abgelehnt, Zwillinge planen Böses, ein Mörder geht um, das Rad der Fortuna zermalmt alle Hoffnungen, nur um neue keimen zu lassen, und mitten in dieser Geschichte, die beständig das Unterste zuoberst kehrt, steht Amy Dorrit.

          Amy (Claire Foy) berichtet Arthur (Matthew Macfadyen), der wie für sie geschaffen scheint, von einem Unbekannten, der ihrem Bruder zu Hilfe eilte
          Amy (Claire Foy) berichtet Arthur (Matthew Macfadyen), der wie für sie geschaffen scheint, von einem Unbekannten, der ihrem Bruder zu Hilfe eilte : Bild: BBC

          „Little Dorrit“, also die kleine Dorrit, nennen alle die 21 Jahre alte Titelheldin, die Claire Foy als zuerst beinahe durchscheinend wirkenden Charakter spielt, der stetig an Substanz gewinnt. Amy ist die Tochter eines ehemals wohlsituierten Gentleman (Tom Courtenay), der seit ihrer Geburt in einem Londoner Schuldgefängnis einsitzt - wie Charles Dickens’ Vater auch. Wer Mitte des 19. Jahrhunderts seine Gläubiger nicht mehr bedienen konnte, landete in England hinter Gittern, bis er seine Schulden bezahlt hatte. Was ein geradezu unmögliches Unterfangen war für jemanden, der inhaftiert nicht mehr arbeiten konnte.

          Als Spiegelungen von Dickens’ eigenen Kindheitserfahrungen lernt seine Heldin, welche Mechanik in einer Gesellschaft waltet, die zwar kein soziales Netz hat, dafür aber jede Menge doppelte Böden. Ob sich Falltüren öffnen, die einen in dieser Klassengesellschaft plötzlich eine oder mehrere Etagen nach unten befördern, darüber entscheidet allein das Geld. Es ist flüchtig wie das Glück. Einmal in die falsche Bank investiert, wir kennen das, und alles ist dahin.

          Die Zukunft beginnt mit dem Ende

          Die Ökonomie ist das große Gefängnis, in dem alle sitzen. Es gibt auch andere Gefängnisse, wie Verbitterung, ein mürbe gewordener Körper, die falsche Hautfarbe oder Selbstverblendung. Amy arbeitet für eine verbiesterte Greisin (Judy Parfitt), deren Sohn Arthur - dargestellt von Matthew Macfadyen, dem Mr. Darcy aus der Jane-Austen-Verfilmung von 2005 - gerade aus China zurückkehrt. Sein Vater hat ihm auf dem Totenbett eine Taschenuhr in die Hand gedrückt und gefordert: „Stelle es richtig!“ Arthurs Mutter will davon nichts wissen. Doch warum liegt ein Zettel mit der Aufforderung, nicht zu vergessen, in der Uhr? Gibt es eine geheime Familienschuld?

          Natürlich sind Amy und Arthur füreinander geschaffen, aber interessanter ist, wie die Armen reich und die Reichen arm werden. Unter der Regie von Adam Smith und anderer geht es mal mehr, mal weniger gefällig rund, bis der letzte Pfeiler aus einem maroden Bau gezogen wurde und alles zusammenbricht. Das ist der Moment, in dem die Zukunft beginnt.

          Little Dorrit beginnt am 27. November um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge. Die weiteren Teile werden bis zum 18. Dezember jeweils am Donnerstagabend gezeigt.

          Quelle: F.A.Z.

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