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„Libération“ streitet mit Eigentümer : Wer ist Monsieur Fraidenraich?

Noch wird eine Zeitung gemacht: in der Redaktion von „Libération“. Bild: AFP

Die Redaktion von „Libération“ wehrt sich gegen den Ausverkauf ihrer Zeitung. Mittlerweile wünscht sie sich sogar den Bankrott - um neu beginnen zu können. Derweil führt sie in aller Öffentlichkeit einen Nervenkrieg gegen den Eigentümer.

          Seit Monaten kämpft die französische Zeitung „Libération“ um ihr Überleben. Zwischen der Redaktion und dem Eigentümer Bruno Ledoux tobt so etwas wie eine Abnützungsschlacht. Gerade erst hat der Chefredakteur seinen Rücktritt erklärt. Der vom Pariser Handelsgericht eingesetzte Konkursverwalter betätigt sich als Schlichter.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Der Nervenkrieg wird in der Öffentlichkeit geführt. Die Redaktion berichtet in der Rubrik „Wir sind eine Zeitung“ täglich über ihn. Sie hat die Kulturszene auf ihrer Seite: Schauspieler, Philosophen, Schriftsteller wie Umberto Eco solidarisieren sich mit den Journalisten. Die Eigentümer informieren über ihre Pläne und Entscheidungen in Interviews, die sie anderen Medien gewähren.

          Der mit der gefälschten Tagesschau

          Dass Pierre Fraidenraich neuer Geschäftsführer wird, hat die Redaktion von der Nachrichtenagentur AFP erfahren. Noch bevor er sich erstmals der Belegschaft vorstellte, wurde er in der Zeitung auf einer ganzen Seiten abgefeiert: „Wer ist dieser Pierre Fraidenraich?“ Im Privatfernsehen habe er die Anstellung von „sehr schönen Frauen und Journalisten mit großem Potential“ gefordert: Stars und Sex. Dieses Rezept wendete Fraidenraich, 49 Jahre alt, beim Sender „Infosport“ an. Dazu ließ er billige Sendungen produzieren: Lowcost-Journalismus. Auch mit PR-Reportagen, die von den Auftraggebern gesponsert werden, füllte er sein Programm.

          Er war nicht ganz erfolglos: Der Privatsender Canal+ holte ihn als Chef zum Newskanal I-Télé. Doch der Abstand zum Marktführer BFM-TV wurde immer größer. Die Verantwortlichen stellten Fraidenraich zunächst eine Frau zu Seite. Später versetzten sie ihn in die Abteilung der Sportrechte. Seinen Rauswurf habe er nur seiner Nähe zu Sarkozy und dessen einflussreichen Freunden zu verdanken, behauptete „Libération“ in seinem anklägerischen Porträt über den neuen Chef. „Er hat nicht viele Bücher gelesen, seine Steckenpferde sind die Miezen und der Fußball“, wird ein nicht namentlich genannter Weggefährte zitiert. Seine Arbeitsmoral wiederum fasste „Libération“ in einem Zitat zusammen, das ihm frühere Mitarbeiter in Anspielung auf einen landesweit bekannten Ferienanbieter anhängten: „Pierre & Vacances“ (Pierre & Urlaub).

          Den Grundstein für seine Karriere als Manager bei finanziell nicht besonders üppig ausgestatteten Privatsendern, die mit möglichst wenig Aufwand ein Vollprogramm bestreiten müssen, hatte er beim öffentlich-rechtlichen France 3 gelegt. Hier demonstrierte er, wie leicht die Trennung zwischen Werbung und Programm ausgehebelt werden kann. Das Studio, die Trailers und Jingles und auch die Moderatorin der Nachrichtensendung wurden dem Pharma-Giganten Pfizer für eine PR-Inszenierung zur Verfügung gestellt. Der Skandal erschütterte den Sender und verfolgt Pierre Fraidenraich auch noch nach fast zwanzig Jahren: „Ah ja, der mit der gefälschten Tagesschau.“

          „Es stinkt hier nach Verwesung“

          Das Porträt in „Libération“ erschien am Tag von Fraidenraichs Antrittsbesuch. „Anständig gekämmt, rasiert und angezogen sein“ habe er als Anspruch an den Journalisten formuliert, steht darin geschrieben. Zwar sind auch in der Redaktion der einst Gauloises rauchenden, langhaarigen Maoisten die gestylten Redakteure mit modisch glatt geschorenen Schädeln inzwischen zahlreicher als die schmuddeligen Bartträger. Aber die Ereignisse der vergangenen Wochen haben die bis zur Selbstzerstörung gehende Bereitschaft zum Streit neu entfacht. Sie brachte die Zeitung schon in den Zeiten, da sie ihren Mitarbeitern gehörte, mehrfach an den Rand des Ruins.

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