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Leserreporter : Unter deutschen Dächern

Dem Papst auf den Balkon geschaut: Benedikt XVI. zu Besuch bei seinem Bruder Bild:

Sie sehen alles, und sie halten alles fest. Die „Leserreporter“ sind die Pest. Und sie sind ein Segen: Paparazzi werden arbeitslos. Doch wer sich aufregt, der vergißt, wie wichtig manche Amateurbilder sind. Von Michael Hanfeld.

          Der Sommer war sehr groß. Wir waren Weltmeister. Fast. Und wir waren Papst. Wir waren ein anderes Land, ein paar Wochen lang. Bis Klinsi zurück nach Amerika und Benedikt XVI. zurück nach Rom ging. Wir waren dabei. Doch wir haben nicht alles gesehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Den Papst zum Beispiel haben wir gesehen und auch wieder nicht, zumindest nicht so wie hier. Auf dem Balkon des Hauses seines Bruders in Regensburg sitzend, umringt von seinen Prälaten, ein Schnäpschen trinkend. Ein Bild wie aus dem Deutschland der fünfziger Jahre, eine Spitzweg-Idylle, bei der sogar die Farben der priesterlichen Roben zu den blühenden Geranien passen. Da ist einer dem Papst aufs Dach gestiegen und hat, nichts Böses im Sinn, ihn nicht nackt, aber als privaten Menschen gesehen. Die Empörung über die islamkritische Bemerkung in Benedikts Vorlesung ist weit. Der Papst ist mein Nachbar.

          Privatsphäre war gestern

          Das Bild hätte in der „Bild“-Zeitung stehen können. Denn einer der unzähligen „Leserreporter“ der Boulevardzeitung hat es der Redaktion zugeschickt. Sollen wir oder sollen wir nicht, fragte sich die Chefredaktion und schreckte dann doch davor zurück, das friedlich scheinende Foto zu veröffentlichen. Denn jeder hätte sich gefragt, wie es zustande kam. Es hätte die Schlacht um die Leserreporter auf die Spitze getrieben. Sie seien eine „Schande“ für den Journalismus, hat Michael Konken, der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft DJV, gesagt. Jetzt sei niemand nirgendwo mehr dagegen gefeit, von einem Anonymus abgelichtet und am nächsten Tag in die Zeitung gerückt zu werden. Privatsphäre war gestern, sagen die Kritiker, vor allem Anwälte von Prominenten und Journalisten. Sie haben recht. Doch sie heucheln.

          Die Leserreporter sehen alles

          Denn es macht sich inzwischen jeder das ganze Bild, überall und immerfort, vor allem im Internet, ob bei MySpace oder YouTube. Mit dem Handy ruft man nicht zuerst den Notarzt, die Feuerwehr oder die Polizei, sondern macht ein Foto und stellt es ins Netz. Schießen professionelle Fotografen ein Bild mit Prominenten und Masse, ist garantiert einer in Sicht, der gerade sein Handy hochhält, um zu knipsen. Seht her, ich bin dabei, ich bin mittendrin, ich bin ganz nah dran. Wer fotografiert, begeht nicht Selbstmord, hat der französische Soziologe Pierre Bourdieu einmal gesagt. Wer fotografiert, der hält sein Leben und den Augenblick fest, der verweilen soll. Und doch stellen uns die „Leserreporter“ nach - und entlarven uns zugleich als die Voyeure, die wir sind.

          „Bild“ druckte schon 1100 Bilder

          Sie sind da, bevor die Fotografen der Nachrichtenagenturen auftauchen. Sie zeigen Autos, die brennen, und nicht erst die Löscharbeiten der Feuerwehr. Das macht sie für den Journalismus so interessant, ja unentbehrlich. „Mit den Leserreportern überwinden wir Zeit und Raum“, sagt der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Und weil das so ist, hat sein Blatt inzwischen etwa 1100 Bilder von Leserreportern gedruckt. Mehr als 249.000 Euro an Honoraren sind geflossen. Für jeden Schnappschuß gibt es zwischen hundert und fünfhundert Euro. Drei Klagen von Prominenten sind eingegangen, alle vom selben Anwalt. Ganze Seiten füllen die Leser-Bilder inzwischen, sie machen Nachrichten. Zwanzigtausend Bilder von Lesern hat die Redaktion gebunkert, täglich werden es tausend mehr; im Sommer waren es bis zu 2500. Nur die wenigsten zeigen Prominente in peinlichen Posen.

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