03.05.2010 · Millionen Meinungen ergießen sich täglich ins Internet. Aber was sind das eigentlich für Texte? Warum sind die Autoren so schlechter Laune? Und wie ernst muss man sie nehmen?
Von Harald StaunDie Frage, zum Beispiel, ob es sich noch zu lesen lohnt, ist immer noch nicht ganz ausdiskutiert. Windbraut meint, es sei prinzipiell egal, was man lese, Hauptsache es mache Spaß. Aristophanes meint, von ihm aus könne jeder lesen, was er wolle, das interessiere ihn nicht. Shopgirl1 meint, es liege an 1968, dass die Leute so gerne Schund läsen, Schlobies meint, es liege daran, dass unserer Gesellschaft in Wahrheit die großen Geister völlig schnurz sind, und Schlobies bezeichnet sich immerhin als „Kampfdenker“. Tzscheche dagegen meint, Kunst sei immer „elitär“, woraufhin der Administrator meint, man solle sich bitte enger ans Thema halten, aber Muffin Man meint, das Thema selbst sei weitläufig und umfasse nichts weniger als alle Aspekte des Lebens und der Möglichkeiten, darüber nachzudenken; Bersie wiederum meint, Muffin Man sei ein selbstverliebter Runtermacher, der den meisten schon lange auf den Wecker falle. Easystreets meint, es sei blöd, Meinungen zu haben, egal von wem und worüber, KLMO meint, keine Meinungen zu haben sei blöd, woraufhin der Administrator aber gar nichts meint. Und am vergangenen Mittwoch meinte Maidi, der Ausgangsthread sei zwar schon ein wenig alt, aber trotzdem immer noch aktuell.
Seit 7. April 2005 diskutieren die Nutzer des Forums von „Spiegel Online“ nun über die Frage „Was lohnt es noch, zu lesen?“ und alle, die sie nach sich zieht. 20.991 Kommentare haben sie dazu produziert, 20 991 von über sieben Millionen Beiträgen zu knapp 10.000 Themen, die insgesamt im Forum zu lesen sind. Der Anteil, den die „Spiegel Online“-Nutzer damit zum globalen Meinungsoutput beitragen, ist trotzdem vergleichsweise übersichtlich: Allein die aktivste deutsche Online-Community, das „Inoffizielle Fernseh- und Medienforum“ (ioff.de), verzeichnet derzeit rund 20.000 Kommentare täglich. Und ist geradezu wortkarg gegen die amerikanische Website 4chan, die auf knapp sechs Millionen Postings wöchentlich kommt.
Eine andere Art von Text
Schon alleine der Blick auf die Zahlen scheint keinen Zweifel daran zu lassen, dass die Utopie eines freien Diskurses im Netz längst Wirklichkeit geworden ist, zumindest in Ländern, die den Zugang zum Internet nicht beschränken. Der Blick auf die Zahlen legt aber auch nahe, wie sehr die Inflation der Meinungen deren Bedeutung relativiert: dass eben dort, wo die Produktionskosten für Veröffentlichungen sinken, auch zwangsläufig der Wert abnimmt. Endlich darf jeder mal sagen, was alle anderen auch sagen. Dabei ist völlig unerheblich, ob die Beiträge der Amateure im Einzelnen qualitativ so hochwertig sind wie jene, die noch von professionellen Autoren unter den Bedingungen einer klassischen Medienökonomie geschaffen werden. Es handelt sich gewissermaßen um eine völlig andere Art von Text.
Die Debatte um die Auswüchse der Informationsgesellschaft aber berücksichtigt diese Verschiebung kaum. Sie konzentriert sich in der Regel auf die Frage, wie inhaltliche Exzesse in den Griff zu bekommen sind. Unter dem Schutz der Anonymität, so ist der allgemeine Eindruck, brechen die diskursiven Sicherungssysteme zusammen: Es gibt kaum einen Foren-Administrator, der nicht von Hassausbrüchen und Ressentiments berichten kann, welche er täglich ausradieren muss; in vielen Fällen ist auch das Gepöbel, das übrig bleibt, noch beunruhigend genug.
Im Sog der dummen Massen
Die Klage über die Zunahme übler Beleidigungen, radikaler Haltungen und extremen Gedankenguts kommt dabei also nicht nur von schockierten Bücherlesern, die sich bei ihren Gelegenheitsbesuchen von Blogs vor dem Geruch der Gosse ekeln; sie kommt auch von den Betreibern selbst. Nur bei der Suche nach den Gründen lassen sich interessante Differenzen feststellen: Während besorgte Kulturkritiker eher die libertinäre Ideologie des Cyberspace und seine laxen Regeln für das schlechte Benehmen seiner Bewohner verantwortlich machen, vermuten langjährige Administratoren, dass überhaupt erst der Zustrom der Massen das Gesprächsklima vergiftet hat. „Je leichter der Zugang zum Internet wurde“, glaubt etwa Ingo Sauer, der vor knapp zehn Jahren ioff.de gegründet hat, „desto rauher wurde der Ton.“ Aber natürlich steht auch diese Verfallstheorie selbst wiederum in der guten Tradition der Beschwörung des kontinuierlichen Sittenverfalls. Randolf Jorberg, bis vor kurzem verantwortlich für das meistbesuchte deutsche Internetforum gulli.com, erinnerte sich in einem Interview: „Drei Monate nach Start . . . wurden Beschwerden der User laut, dass die Registrierung geschlossen werden müsse, damit die dummen Neuankömmlinge nicht das Niveau nach unten ziehen. Ginge es um die Userperspektive, wäre der IQ in Communities also in einer unendlichen Abwärtsspirale gefangen.“
Längst haben die Manager der großen Communities eine gewisse Souveränität im Umgang mit Meinungsrandalierern entwickelt. Die Gegenmaßnahmen reichen von freundlichen Ermahnungen bis zu editorischen Eingriffen, die Sanktionen von Zeitstrafen bis zur Zugangssperre. Vom Vorwurf der Zensur lassen sich selbst die größten Idealisten nicht mehr beeindrucken, der kommt im Zweifelsfall immer. Lieber erinnern sie daran, dass der Artikel 5 des Grundgesetzes auch einen zweiten Absatz hat. „Meinungsfreiheit heißt nicht Beleidigungsfreiheit“, sagt Sauer. Unverzichtbar ist dabei die Beteiligung engagierter Mitglieder, die als ehrenamtliche Moderatoren die Diskussionen begleiten oder Beschimpfungen, Provokationen, Spam-Einträge und natürlich strafrechtlich relevante Postings melden. Im Zweifelsfall bestimmt die Community die Toleranzschwelle selbst, die Maßstäbe dafür sind so unterschiedlich wie die Idiosynkrasien der einzelnen Gruppen.
Verstärkung des Mainstream
Oft hat diese Dynamik dabei eher homogenisierende Effekte: Je mehr sich Foren um gleiche Interessen, politische Einstellungen oder kulturelle Vorlieben herum konstituieren, desto schwerer haben es Andersdenkende. Der gelernte Journalist Thomas H. Kaspar, der das Online-Forum des Computermagazins „Chip“ betreut, beobachtet immer wieder, wie Diskussionen zur Herausbildung einer Mainstream-Meinung tendieren. „Communities neigen zur Harmonie, bis zur Meinungsunterdrückung. Das Aushalten von Heterogenität ist anstrengend“, sagt er.
Gerade diese Homogenität ist es, die für den Schrecken sorgt, der einen bei der Lektüre bestimmter Kommentarschwadronen befällt. Man hat es dabei aber nicht mit einem Einblick in den Zorn der Volksseele zu tun oder gar in ein repräsentatives Meinungsbild, sondern allenfalls in die Stimmung einer bestimmten Mikroöffentlichkeit. Fatalerweise wirkt sich dieses Missverständnis auch auf die Teilnehmer der Diskussionen aus, die sich dank ihrer selektiven Wahrnehmung in ihren kruden Theorien bestätigt fühlen.
Und trotzdem muss man nicht hinter jedem dumpfen Kommentator im Internet einen Hassprediger erkennen. Weil sie von jedem einsehbar sind, unterstellt man jeder Meinungsäußerung im Netz gerne auch, eine größere Öffentlichkeit zu suchen. In vielen Fällen aber handelt es sich eher um ein virtuelles Gespräch, das sich an eine Handvoll persönlicher Kontakte richtet.
Digitaler Nihilismus
Der Unterschied zwischen persönlichen und öffentlichen Äußerungen hat sich längst aufgelöst, Kommunikation beinhaltet immer irgendeine Art von Mischverhältnis. Die Kriterien, mit welchen man bisher öffentliche Texte rezipiert hat, müssen also an solchen semiprivaten Texten scheitern. Clay Shirky hat das in seinem Buch „Here Comes Everybody“ am Beispiel der Botschaft „Ich liebe dich“ veranschaulicht, die man ja auch nicht unbedingt als amouröse Avance liest, wenn sie von einem Schauspieler in einer Telenovela gesagt wird. Die Versuchung aber, sich von Aggressionen im Netz angegriffen zu fühlen, ist erstaunlich groß. Bei „Chip Online“ hat Kaspar kürzlich eine Trainerin für gewaltfreie Kommunikation eingeladen - nicht nur, um den Moderatoren konkrete Konfliktlösungsstrategien beizubringen, sondern auch, damit sie lernen, Auseinandersetzungen mit den Mitgliedern nicht persönlich zu nehmen.
Dass es bei vielen Kommentaren nicht um den Inhalt geht, sondern viel eher um einen Ausdruck kommunikativer ADS-Symptome, zeigt ein Phänomen, das in Blogs und Foren mittlerweile allgegenwärtig ist: das sogenannte Trollen. Das mutwillige Stören der friedlichen Kommunikation hat mittlerweile eine Subkultur digitaler Nihilisten hervorgebracht, die einen eigenwilligen Spaß daran haben, Müll auf die Seiten zu kippen und die anschließende Empörung zu beobachten. Die Trolle zur Vernunft zu rufen wäre so unsinnig, als versuchte man, einen Sprayer davon zu überzeugen, dass seine Graffiti das gepflegte Stadtbild zerstören - nichts anderes ist ja seine Absicht.
Vom Spaß des Beleidigtwerdens
Während der Blogger-Konferenz „Re:publica“ vor zwei Wochen fluteten Trolle einen Live-Chat mit Kraftausdrücken und machten jede Diskussion unmöglich. Anschließend meldete sich ein Kommentator im „Re:publica“Blog, im Namen der Szene, und erklärte deren Motive: „Wir hatten und haben einen riesigen Spaß an Eurer Rage. Wir sind nunmal der Abschaum des Zwischennetzes, der Spaß daran hat, Drama, Aufregung und Chaos zu verursachen. Lebt damit!“ Als effektivster Umgang mit den Trollen gilt mittlerweile die Formel: Bitte nicht füttern! Auch das bestätigt der anonyme Kommentator: Würden sie ignoriert, erklärt er, „wird uns schnell langweilig und wir ziehen weiter, uns ein anderes Ziel suchen“.
Womöglich haben die Aggression, der Hass, die schlechte Laune, die sich in den Online-Foren breitmachen, aber auch noch ganz andere Gründe. Wie Kaspar berichtet, scheinen sie sich ganz gut als Seismographen gesellschaftlicher Tendenzen zu eignen. Nicht nur Finanzkrise und Arbeitslosigkeit schlagen sich in den Kommentaren nieder, auch ganz banale Stimmungstöter: „Wir hatten einen langen Winter, das haben wir deutlich gemerkt. Jetzt werden die Röcke wieder kürzer - schon sind die Jungs besser gelaunt.“
Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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