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„Leserdialog“ : Schluss mit Pöbeln

  • -Aktualisiert am

Keine Diskussion mehr mit Unbekannt: Leser-Debatten werden in soziale Netzwerke verlagert. Bild: Picture-Alliance

Zeitungen entledigen sich immer häufiger ihrer Leserkommentare. Sie werden gelöscht, moderiert und in soziale Netze verbannt. Vorreiter des neuen Umgangs mit dem Publikum sind ausgerechnet Youtuber und „Big Brother US“.

          In Amerika endet in den kommenden Tagen die 16. Staffel von „Big Brother“. Noch fünf Bewohner sind im Haus, folgt man den Äußerungen der Zuschauer in Fan-Foren und Blogs, sind darunter ein Intrigant, ein Idiot und mit der letzten Frau die wohl schwächste Spielerin aller Zeiten. Mehr als boshaft kommentieren dürfen die Zuschauer das Geschehen jedoch nicht. Es gibt kein Televoting zur Frage, wer das Haus verlassen soll. Niemand darf unbeteiligt in das Geschehen eingreifen. Wer fliegt, bestimmen diejenigen, die noch im Haus sind. Den Gewinner kürt eine Jury ehemaliger Bewohner.

          So wurde „Big Brother“ in Amerika ein Erfolg, eine sommerliche Tradition. Rund zehn Millionen Menschen verfolgen das Wechselspiel aus Allianzen und Intrigen, die unterhaltsam und möglich sind, weil den Spielern niemand in die Parade fährt. Nur selten dürfen die Zuschauer Herausforderungen für die Bewohner auswählen. Im Abspann jeder Folge werden ein paar Tweets eingeblendet. Das Fernsehprogramm ist keine Mitmachveranstaltung mehr, sondern wie das Haus, um das es geht, hermetisch abgeriegelt. Ausgerechnet das amerikanische „Big Brother“ bietet derzeit die beste Erklärung für die Debatten um Kommentarspalten in deutschen Online-Medien.

          In ihnen geht es nämlich nicht nur ebenso turbulent wie im Big-Brother-Haus zu. Sie stellen auch die Verantwortlichen vor die Frage, wie weit sie die Einflussnahme des Publikums auf das mediale Geschehen gehen lassen wollen und was es tatsächlich bringt. Die „Süddeutsche“ hat in ihrem Online-Angebot Anfang des Monats die Notbremse gezogen. Kommentare von Lesern wird es nur noch in Ausnahmefällen unter Artikeln geben. Die Diskussion soll stattdessen dort stattfinden, wohin sie bereits wanderte - in die sozialen Netze. Der Redaktion genügt es fortan, auf die Sammlung der Tweets, Facebook-Mitteilungen und Blog-Artikel zu verweisen. Die Zeitung hatte, beispielsweise im privaten Blog ihres Online-Chefredakteurs, Stefan Plöchinger, mehrere Wochen über den „Leserdialog“ debattiert und sich seiner letztlich entledigt.

          Die Anonymität des Pöblers

          Jochen Wegner, als Chefredakteur von „Zeit.de“ mit ähnlichen Fragen konfrontiert, kritisierte den Schritt scharf. „Journalisten sollten die freie Rede nicht Facebook überlassen“, teilte er ausgerechnet per Twitter mit. In der Debatte stecken Moral, Ironie, aber auch viel Kalkül. Denn tatsächlich hat sich mit dem Aufkommen sozialer Netze nicht nur die Medienwelt verändert, sondern auch ihr finanzielles Fundament. Der Klick war über Jahre die Grundlage der digitalen Werbeindustrie. Doch die Abrechnungssysteme für die Ware Aufmerksamkeit sind raffinierter geworden. Der Klick zählt kaum noch etwas.

          Es nützt wenig, ihn noch zu provozieren, mit Bilderstrecken oder Kommentarspalten. Dagegen hängt Reichweite heute insbesondere von der Verbreitung in sozialen Netzen ab. Die Zahlen der „New York Times“ zeigten es deutlich. Ein Strategiepapier der Zeitung offenbarte Anfang des Jahres, dass die Anzahl an Lesern, die zuerst die Startseite „nytimes.com“ aufrufen und dann einen Artikel wählen, rapide abnimmt. In den vergangenen drei Jahren hat sie sich halbiert, von 160 Millionen auf 80 Millionen. Die Tendenz ist für alle Medienhäuser dieselbe: Die Gruppe der Leser, die die Startseite nie sieht und über Links in sozialen Netzwerken direkt einzelne Artikel aufruft, wird bald in der Mehrheit sein.

          Den Leserdialog in die sozialen Netze zu verlagern bedurfte eines radikalen Schritts, der ökonomisch aber folgerichtig ist. In den Debatten von „Sueddeutsche.de“ fand diese Überlegung allerdings keinen Platz. Die stattdessen vorgebrachten Argumente sind deswegen nicht weniger dringlich: Plöchinger schrieb im Juli auf seinem Blog vor allem über das Pöbeln, die Anonymität des Pöblers und die Frage, wie ernst seine Anliegen zu nehmen sind.

          Adressiert statt hingeschmiert

          Dass es interessante und relevante Leserkommentare gebe, stehe außer Frage. Dass sie in der Minderheit seien, allerdings auch. Warum sollte eine Redaktion Verantwortung für die fremden Äußerungen übernehmen oder die Kosten dafür, sie aufwendig zu filtern? Der Mehrwert der Moderationen, für die mehrere Personen beschäftigt werden müssen, blieb bis heute gering.

          Interessanterweise fallen die Beschwerde über Leserkommentare und das Risiko des Vorwurfs, die Prinzipien des Internets nicht zu verstehen, inzwischen nicht mehr zusammen. Felix Arvid Ulf Kjellberg, der derzeit wahrscheinlich erfolgreichste Youtuber mit dreißig Millionen Abonnenten und mehr als fünf Milliarden Videoaufrufen, schaltete die Kommentarfunktion seines Youtube-Kanals vor wenigen Tagen „für immer“ ab. Er wolle die sozialen Netzwerke nutzen, um in Kontakt mit seinem Publikum zu bleiben, das habe bisher gut funktioniert, sagte er Ende August.

          Die multimediale Vernetzung ist vielerorts an Grenzen gekommen. Das Aufziehen neuer Barrieren zwischen Anbietern und ihrem Publikum hat mit der Einschränkung der freien Rede nichts zu tun, bei Youtube nicht, bei „Big Brother“ nicht. Warum sollte es im Journalismus so sein? Tatsächlich ist es so: Die Barriere bietet dem legitimen Anliegen neue Chancen, sich durchzusetzen. Beispielsweise allein dadurch, dass es künftig wieder adressiert statt achtlos hingeschmiert wird.

          Quelle: F.A.Z.

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