24.09.2009 · Mit drei Büchern und fünf Spalten bricht die „Neue Zürcher Zeitung“ mit einer jahrhundertealten Gewohnheit und wagt layouttechnisch den Sprung ins 21. Jahrhundert. Daneben überlegt die krisengeschüttelte Zeitung, wie man im Internet Geld verdienen kann.
Von Jürg Altwegg, GenfAm Dienstag hatten wir sie mit ganz besonderen Gefühlen zur Hand genommen. „Großer Bahnhof für Dimitri und Swetlana Medwedew“ lautete die vierspaltige Überschrift zum Aufmacher über den Staatsbesuch des russischen Präsidenten und seiner Frau in der Schweiz. Werden wir solche Sensationen in Zukunft missen müssen? Die „Neue Zürcher Zeitung“, die „alte Tante von der Falkenstraße“, lesen wir seit jenen Tagen, da sie noch dreimal täglich erschien. Am Morgen, am Mittag, am Abend. Sie hat sich seither so wenig verändert wie sonst kaum etwas in unserem Leben. Ein bisschen mehr Durchschuss. Und anno 2005 erstmals ein Farbbild auf der ersten Seite. Am meisten mutete sie uns vor ein paar Monaten mit der Versetzung unseres liebsten Korrespondenten von Nairobi irgendwohin nach Asien zu.
Zumindest an die paar Retuschen im Erscheinungsbild haben wir uns nach ein paar Tagen jeweils gewöhnt. Die letzte grundsätzliche Veränderung bei der NZZ, so sieht es ihr jetziger Chefredakteur Markus Spillmann selber, geht auf das Jahr 1946 zurück. Da bekam die „Neue Zürcher Zeitung“ eine neue Schrift. Die Fraktur wurde abgeschafft, die Zeitung wird seither in Antiqua-Buchstaben gedruckt. Aber wir waren damals noch nicht auf dieser Welt.
Eine jahrhundertealte Gewohnheit
Noch wehmütiger als ihre treusten Leser blickte am Dienstag die NZZ selbst auf die eigene Geschichte zurück. Auf der ersten Seite, gleich unter dem Zeitungskopf, wurde die Entwicklung über 230 Jahre hinweg rekapituliert – im Stil der vergangenen Zeit: praktisch in Briefmarkengröße. Die „Zürcher Zeitung“ erscheint seit 1780 – damals im Zwei-Spalten-Umbruch. 1820 wurde sie „neu“. 1858 wurde im Dienste der Leserfreundlichkeit auf drei Spalten umgestellt – und noch im gleichen 19. Jahrhundert auf vier. Dabei ist es geblieben.
Doch das war noch am Dienstag so. Seit Mittwoch, dem 23. September 2009, ist die NZZ so neu wie nie. Sie erscheint auf fünf Spalten, über drei läuft das Bild auf der Seite eins und ein Titel auch schon mal über zwei Zeilen. Mit ihrem neuen Layout vollzieht die NZZ den Sprung vom 19. ins 21. Jahrhundert.
Flexibilitätsgewinn in schwieriger Lage
Die Kulturrevolution war am Tag zuvor angekündigt worden: „An unsere Leserinnen und Leser“. Alles wird anders. Auch transparenter. Markus Spillmanns Ahnen veröffentlichten ihre welterklärenden Leitartikel jeweils unter einem Kürzel. Diese schmückten auch die Berichte der Korrespondenten aus aller Welt – mit der Folge, dass jeder Schweizer Bildungsbürger das Impressum der NZZ auswendig kannte. Jetzt stehen die Autorennamen manchmal am Anfang. Persönlich zeichnete Markus Spillmann seinen Artikel über die Veränderungen unter dem Titel: „Eine neue Form und neuer Inhalt“. Und im Internet unterhält er sich mit dem Gestalter Mike Meiré.
In vielen Interviews hat sich Spillmann auf das Vorbild dieser Zeitung berufen, aber auch freimütig bekannt, dass das Zeitungsmachen einem Chefredakteur, der seit drei Jahren im Amt ist, wenig Freude machen kann. Er musste bisher vor allem Mitarbeiter entlassen – unter ihnen verdienstvolle Korrespondenten, die frühzeitig in den Ruhestand geschickt wurden, und er musste das Zeilenhonorar um ein Drittel auf 1,40 Franken kürzen. Mit drei Büchern gehen Aufschlagseiten verloren – aber wegen der Anzeigenflaute umfassten die bisher sechs Lagen manchmal nur noch vier Seiten. Jetzt kann man auch in drucktechnischer Hinsicht sehr viel flexibler reagieren.
Widerständiges Feuilleton
Die drei Bücher stellen etwas dar, sie sind gewichtig und vermitteln einen Eindruck der Kompaktheit. Politik, Wirtschaft und Finanzen sowie dem Feuilleton sind sie gewidmet. Die Kultur bekommt sogar mehr Platz und darf originellerweise beim Vier-Spalten-Umbruch bleiben. Das Feuilleton markiert Widerstand, widmet den Aufmacher sinnigerweise der Monte-Rosa-Berghütte und betreibt mit einem Artikel über Max Frisch auch ein bisschen Vergangenheitsbewältigung.
Der Rest wird eingebaut. Der Sport und, wie sich das für ein Weltblatt gehört, Stadt wie Region Zürich verlieren an Sichtbarkeit. Die beiden ersten Bücher umfassen dreißig Seiten, das dritte Produkt – dem Feuilleton folgen das Fernsehprogramm, die Veranstaltungshinweise sowie „Forschung und Technik“ – bringt es auf zehn. Das alles summiert sich auf den stolzen Umfang von siebzig Seiten – auch ermöglicht durch großzügige ganzseitige Anzeigen, die an jene früheren Zeiten erinnern, die nicht wiederkommen werden.
Mehr Meinung, mehr Netz
Sogar zwei Seiten „Meinung & Debatte“ bekommt die NZZ, die sich bisher kaum mit fremden Federn und Kolumnen schmückte und für eher monolithische Stellungnahmen bekannt war. „Wir müssen von der Chronistenrolle wegkommen“, verkündet Spillmann. Dieser Prozess beginnt nicht heute, und er wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Weniger Breite, mehr Tiefe – und eine neue Interaktivität von Text und Netz: Eine Rubrik verweist auf die Themen im Internet.
Ein bisschen Zauberei muss sein: Es gilt, aus weniger mehr zu machen. Die Notwendigkeit einer neuen Alchimie ist die größte Chance des zeitgenössischen Journalismus, der sich in einer strukturellen und einer konjunkturellen Krise befindet. Der Chefredakteur und seine Truppen scheinen ihr trotz des starken Aderlasses und harter Verteilungskämpfe um die Mittel mit einiger Begeisterung zu huldigen. Die neuste Zürcher Zeitung verströmt mehr Optimismus und Lesensfreude als je in den vergangenen 230 Jahren. Jetzt ist jeden Tag ein bisschen Sonntag. Das hat seinen Preis.
Erhöhter Verkaufspreis
Wie alle anderen überlegt auch die NZZ, wie man im Internet Geld verdienen kann. Die Inhalte werden kostenpflichtig. Doch sehr viel mehr als der Grundsatz steht noch nicht fest. Angekündigt wird ebenfalls eine massive Erhöhung der Abonnementspreise. Eine Medienexpertin bescheinigt der NZZ seit längerem, dass sie dies als einzige Zeitung in der Schweiz tun könne, obwohl das Bewusstsein für den Preis des Qualitätsjournalismus nicht höher ist als anderswo.
Damit wird auch das Prestige der Zeitung wieder höher. Sie sagte es mit einer Einschränkung: Die Erhöhung des Abos solle nicht gleichzeitig mit der Umstellung des redaktionellen Konzepts erfolgen, denn beides zusammen könnte die 230.000 Leser der NZZ irritieren. Was ihnen die Zeitung am 23. September bot, ist jedenfalls mehr als das Lifting einer alten Tante.
Was heißt hier "alte Tante"?
Tatiana Schmidt (tatiane)
- 24.09.2009, 18:21 Uhr
Betreffend alte Tante
Christoph Rohr (hunger146)
- 24.09.2009, 19:54 Uhr