http://www.faz.net/-gqz-89w04

Landwirtschaft : Die Rache der Bauernlobby

Wie gefährlich sind die Keime im Fleisch? Die Bauernverbände haben das Kriegsbeil ausgegraben und liefern sich eine Schlacht mit der „Zeit“. Bild: dpa

Seit einem Jahr sehen sich Landwirte in einer Art Krieg gegen die Wochenzeitung „Die Zeit“ – nun eskaliert der Konflikt, und im Netz ist die Hölle los.

          Wenn ein Streit gar nicht mehr aufhört, sondern mit der Zeit immer schlimmer und niederträchtiger wird, muss er eine tief sitzende Wurzel treffen. Dann beschimpfen sich die Leute, insistieren und verteufeln den anderen. In solch einer Situation befindet sich die deutsche Bauernlobby. Ihr Streit mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist, von außen betrachtet, schwer nachvollziehbar. Er dauert seit Monaten an und eskalierte in dieser Woche. „Geschossen“ wird mit Pressemeldungen, Artikeln in Verbandsblättern und mit Presseratsbeschwerden. Jetzt fiel das Wort „Nazi“.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Deutsche Bauernverband mit mehr als 200 000 Mitgliedern wird offenbar immer mehr zu einem politischen Kampfverein. Jedenfalls ist es für einen Wirtschaftsverband unüblich, Pressemeldungen als Reaktion auf Zeitungsartikel zu versenden. Es geht um einen Artikel, der vor einem Jahr erschienen ist. Er hieß, durchaus reißerisch, „Das bringt uns noch um“ und war Teil einer Serie über Schattenseiten der Landwirtschaft („Tödliche Keime“).

          Der „Prototyp des Agrarlobbyisten“

          Gleich nach Erscheinen reagierte der Bauernverband (DBV) mit einer Pressemeldung. Er wende sich „gegen pauschale, einseitige und unsachliche Kritik an der Nutztierhaltung“. DBV-Vize Werner Schwarz schrieb einen offenen Brief an den Chefredakteur, in dem er über fairen und unfairen Journalismus referierte: „Fairness sieht anders aus, Herr di Lorenzo.“ In dem Text, den zwölf Journalisten der Zeitung und der Recherchegruppe Correctiv verfasst hatten, ging es um die Problematik multiresistenter Keime (sogenannter MRSA und anderer), die durch landwirtschaftliche Tierhaltung entstehen. Offiziellen Zahlen zufolge sterben bis zu 15.000 Menschen pro Jahr in Deutschland an solchen Infektionen. Rund zwei Prozent der Keime sind gegen alle Antibiotika resistent, weil Landwirte diese in der Tierhaltung einsetzen. Demnach wären 300 Tote im Jahr auf die landwirtschaftliche Praxis zurückzuführen.

          Werner Hilse, Präsident des niedersächsischen Landvolks, bei der Verleihung der „Goldenen Olga“, dem Preis der niedersächsischen Milchwirtschaft.

          Ob das viel oder wenig ist, eine Abwägungssache oder ethisch inakzeptabel, das ist eine andere Frage. Die Reporter listeten die Fakten auf, besuchten Betroffene und Tierärzte, die das System nicht mehr wollen. Das alles war lange bekannt, bis auf eine nicht ganz richtig interpretierte Studie korrekt und im Text hoch verdichtet. Der Tonfall war stellenweise anklagend und moralisierend: „Die Wut ist der rote Faden in dieser Geschichte.“ Der Bauernfunktionär Werner Hilse vom Landvolk Niedersachsen wird stereotyp als „Prototyp des deutschen Agrarlobbyisten“ vorgestellt, reich bestückt mit Posten bei agrarnahen Banken, Verlagen und in der Industrie: „Ist so jemand noch befugt, für alle Bauern zu sprechen? (...) Von Hilse und seinen Getreuen kommen die immer gleichen Sätze“ – und von der Agrarlobby: immer nur „Hasstiraden“ gegen die Grünen.

          Die Bauern lachten höhnisch

          Das traf einen Nerv. Über Wochen und Monate schrieb die Agrar-Fachpresse über den Streitfall „Zeit“ gegen DBV – die meisten Blätter gehören den Bauernverbänden. Tausend Bauern demonstrierten vor der Redaktion. Sie schickten Hunderte Leserbriefe, mit meist gleichlautenden Texten – so wie es die Nichtregierungsorganisationen machen, wenn sie für eine Sache kämpfen. Aber der Adressat waren nicht die üblichen „Mächtigen“, Regierung oder Konzern, sondern ein Dutzend Journalisten.

          Weitere Themen

          Vom Leben in der Stadt

          „The Sweet Flypaper of Life“ : Vom Leben in der Stadt

          Das Buch „The Sweet Flypaper of Life“ wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal gedruckt, galt jedoch seit den achtziger Jahren als vergriffen. In New York wird der Klassiker nun gerade wieder neu entdeckt und gefeiert.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Weitere Großspende : Grüne werfen AfD Schwarze Kassen vor

          FDP und Grüne erheben schwere Vorwürfe gegen die AfD. Die Rede ist von Rechtsbruch, Schwarzen Kassen und dem Einsatz von Strohmännern. Klar ist: Die AfD hat nicht nur aus der Schweiz großen Summen erhalten.
          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.